Popkolumne, Folge 175

Abtreibung, Jo Gerner und Zitroneneis: Paula Irmschlers Wochenend-Empfehlungen

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Ich hab wieder gelesen, geglotzt und gehört wie Sau, deswegen gibt es mal wieder Tipps aus dem Popkulturuniversum satt!

WIR WOLLN DIE ÄRZTE SEHN
WIR WOLLN DIE ÄRZTE SEHN
WIR WOLLN WIR WOLLN
WIR WOLLN DIE ÄRZTE SEHN

Ich war mal wieder auf einem Konzert, ihr ahnt es schon: Es war die Band Ja, Panik und es war sooo toll! Aber es stehen noch weitere, bisher geplante Konzerte an, zum Beispiel die No Angels und Die Ärzte. Und da sind wir auch schon beim: 

Podcast der Woche: „Diese eine Liebe – 40 Jahre Die Ärzte“

Die Ärzte sind derzeit auf ihrer Berlin-Club-Tour und Marco Seiffert begleitet das mit Mikro und süßen Fragen. Er befragt nicht nur die Band nach zum Beispiel ihren eigenen Ärzte-Erinnerungen, -Liveanekdoten und -Lieblingssongs, sondern auch Fans und Mitarbeitende und es ist wirklich schön. Wer Die Ärzte liebt, der weiß, ihre Konzerte sind die Tollsten und wenn sie immer noch da sind, gibt es auch noch Hoffnung, und dieser Podcast ist wirklich eine Liebeserklärung an unsere Ärztis (so nennt sie niemand). So erfährt man zum Beispiel, dass Rods Lieblings-Ärzte-Song „Zitroneneis“ ist. Ach, Rod, ick liebe dir.

Hier gibt’s den Podcast: https://www.radioeins.de/archiv/podcast/diese_eine_liebe.html

Und es ist Sommer, es ist heiß, da gibt’s auch noch ein Zitroneneis:

Album der Woche: Sigrid – „How To Let Go“

Wie viel Bock man auf Musik haben kann, daran erinnert Sigrid mit ihrem zweiten Album HOW TO LET GO. Es bricht förmlich aus ihr heraus: Hier, nehmt meinen geilen Pop, auf dass er euren Sommer begleite. Für mich hören sich die Songs so an, als würde es sie bereits jahrelang geben. Hab ich nicht zu denen schon getanzt, sie auswendig gelernt, sie meinen besten Freundinnen empfohlen, bin ich nachts nicht schon damit nach Hause spaziert, habe ich sie nicht längst auf meine Listen gepackt? Nee, es ist wirklich ein neues Album und es erinnert mich nicht deswegen an alles Mögliche, weil es abgekupfert ist oder so, sondern weil es einfach familiar (glaube, es heißt auf deutsch: vertraut) klingt. Wisst ihr, wie ich mein?

Lied der Woche: Peach Kelli Pop – „Better Off Alone“


Das ist es. Mein Sommerhit 2022 (vorerst). Es ist halt einfach nur das perfekte Cover eines des sowieso besten Sommerhits aller Zeiten. Das Original wurde gesungen von Alice Deejay und ist aus dem Jahre 1999, wie ihr alle wisst. Beziehungsweise gab es vorher schon eine Instrumentalversion, aber wen interessiert das. Bekannt und beliebt ist diese Version hier:

Sich ausführlicher mit Peach Kelli Pop zu beschäftigen lohnt sich übrigens auch mal; sie hat schon einige Power-Pop-Alben veröffentlicht sowie andere geile Coverversionen, wie zum Beispiel das Theme von Sailor Moon oder t.A.T.u.s „All The Things She Said“. 

Video der Woche: Olivia Rodrigo und Avril Lavigne singen zusammen „Complicated“

Omg, omg, omg, Olivia Rodrigo und Avril Lavigne singen zusammen „Complicated“!!! Vor etwa zwei Wochen holte Rodrigo Lavigne einfach mal in Toronto auf die Bühne die beiden sind total aufgeregt. Unfassbar, dass sie fast 20 Jahre Altersunterschied trennt und Avrils Album LET GO erschien, als Rodrigo (2003 geboren) noch Quark im Schaufenster war, wie wir alten Leute sagen!

Jubiläum der Woche: 30 Jahre GZSZ

Das ist vor allem in dieser Liste für den Service. JO GERNER LEBT FÜR IMMER. Nachdem RTL fies angeteasert hatte, dass der Superanwaltschurke, den man dann aber alle paar Jahre auch mal verstehen kann, sterben soll, kam gestern die Erleichterung. Zwar ließ man Katrin Flemming ( oder wie wir Fans sagen: KF) noch den genialen Satz sagen „Ich muss dann auch los – auf deine Beerdigung!“ Doch er überlebt. Er lebt! Für immer! Forever JG.

Hier noch ein kleiner Tipp zum Geldausgeben: Auf RTL+ gibt es alte GZSZ-Folgen… Vielleicht habt ihr ja noch kein Probeabo gehabt, oder kennt jemanden, der seinen Account mit euch teilt. Falls ihr früher GZSZ geguckt habt, werdet ihr bei den jeweiligen Folgen jedenfalls sofort wieder wissen, wie das Zimmer aussah, indem ihr es damals geguckt habt, welches Handy ihr hattet oder in wen ihr verknallt wart… Falls ihr das wollt.

Nicht das Buch der Woche: Kurt Krömer – „Du darfst nicht alles glauben, was du denkst: Meine Depression“

Puh, wer mich kennt, weiß, dass ich bereit bin, Kurt Krömer alles Mögliche durchgehen zu lassen weil ich ihn einfach megahot finde und auch lieb und lustig. Aber dieses Buch macht es mir sehr schwer. Er thematisiert darin seine Depression, seinen Klinikaufenthalt und das Danach und es sollen möglichst viele Leute damit relaten. Aber alle Menschen mit Depressionen, die ich kenne –  und ich kenne zu viele – finde ich dort nicht wieder. Aber es muss die Krömerversteher geben, denn wie er berichtet, sind sie zu tausenden in sein Postfach eingefallen. Vielleicht ist es aber auch eine Klassenfrage… Mal paar Wochen in eine Klinik und danach ist alles gut? Das geht wahrscheinlich nur, wenn man danach sicher ist, Job, Wohnung, soziales Umfeld, wenig Trigger. Mir fehlt generell ein bisschen bei all den Depressionsbüchern und -erzählungen in den sozialen Medien der Blick auf die Strukturen, darauf, dass kapitalistische Zwänge uns krank machen oder zu Depressionen beitragen, dass wir nicht alles aus uns heraus klären können, uns nicht endlos optimieren können, sondern dass für manche objektiv das Leben schwer ist und es sie depressiv macht.

Krömer muss von mir aus kein kommunistisches Manifest schreiben, aber so easy wie für ihn ist es einfach für die Wenigsten und das ist nicht seine Schuld, sondern die des Systems. Was ich ihm jedoch übel nehme, ist dass er im Buch etwas spät mit der Tatsache rausrückt, dass er Privatpatient ist. Davor sollte man sich schon ganz viel wiederfinden und bestärkt fühlen. Nur um dann zu erfahren: Für dich, Kassenpatientleser, wird das mit der Heilung aber alles ganz anders werden. Und ganz „anders“ habe ich bisher auch das Wort „alleinerziehend“ interpretiert, das Krömer häufig für seine Lage benutzt. Er ist: „Alleinerziehender Vater von 3 Kindern“. Hm, I don’t know. Seine Mutter wohnt mit in seinem Haus, er hat eine Kinderfrau, die teilweise Vollzeit arbeitet, die Ex-Frauen nehmen die Kinder regelmäßig, er ist oft auf Tour… Ich kenne keine Frau, die sich unter diesen Umständen überhaupt als alleinerziehend bezeichnen würde. Ich glaube, für Männer bedeutet „alleinerziehend“ vielleicht einfach, dass die Kinder bei einem leben? Macht nachdenklich.

Abtreibung der Woche: „Dirty Dancing“

Wegen „erschreckend aktuell“ erinnern Leute im Internet derzeit wieder daran, dass, selbst wenn rechte Politiker versuchen, Selbstbestimmungsrechte für Frauen rückgängig zu machen, das Thema Abtreibung aus der Popkultur nicht mehr zu tilgen ist. Und so habe ich noch mal „Dirty Dancing“ geguckt, und ja, auch wenn man es oft vergisst, wegen den Melonen und der Hebefigur und dem Sekt, der zu „Dirty Dancing“-Filmnächten normalerweise gereicht wird: Es ist eigentlich ein Film über Abtreibung. Aber warum ist das eigentlich ein so zentrales Thema? Drehbuchautorin Eleanor Bergstein sagte vor fünf Jahren gegenüber Vice:

„When I made the movie in 1987, about 1963, I put in the illegal abortion and everyone said, ‘Why? There was Roe vs. Wade – what are you doing this for?’ I said, „Well, I don’t know that we will always have Roe vs. Wade,“ and I got a lot of pushback on that. Worse than that, there were also very young women then who didn’t remember a time before Roe vs. Wade, so for them I was like Susan B. Anthony, saying, ‘Oh, just remember, remember, remember.’“

Falls ihr noch mehr Schwangerschaftsabbruch-Repräsentation in Film und Fernsehen sucht, gibt es diesen wunderbaren Kanal auf Instagram, der Beispiele sammelt.

Aber jetzt noch mal Realtalk: Ihr guckt alle gefälligst auch noch den ESC und vorher ballert ihr euch noch mal mit allen Best-Ofs der vergangenen Jahrzehnte und allen Teilnehmer-Videos voll und haltet mich auf dem Laufenden, ich hab nämlich keine Zeit, es zu gucken (heulend ab).

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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