Popkolumne, Folge 174

Doc Sommer, Fotolovestory & Linus Volkmanns Mutter: So sieht eine BRAVO-Ausgabe im Jahr 2022 aus

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

Popkultur, das ist immer auch Jugendkultur. Und Jugendkultur muss sich per definitionem absetzen vom Bestehenden. Aber gerade das macht sie damit auch für Ältere attraktiv. Sich mit bunten, kontemporären Pop-Themen zu befassen, ist ein bisschen wie Botox – nur ohne das Gift. Ich wundere mich eher über jene, die jenseits der Teeniezeit gar keinen Blick mehr riskieren auf das Feld der Jugendkultur – und die stattdessen im Zeitraffer eintauchen in die Welt von Cognac, Radiohead, Vinyl, Alter und Tod.

Ich dagegen fahre mit Männerdutt im lichten Haar, chronischen Gelenkschmerzen, Altersakne und hüfthoher Schlaghose auf einem E-Roller durch die Altstadt und genieße die bewundernden Blicke der Umstehenden. Sie drehen ihre Köpfe, seufzen sehnsüchtig. Als wollten sie sagen: „Spitzentyp, ich empfinde unglaublichen Respekt für diesen Fremden!“ Okay, das mag jetzt vielleicht etwas übertrieben klingen, aber ungefähr so dürfte es sich verhalten.

Doch auch mir, eurem ewig jungen Musikexpress-Kolumnisten mit wohlfeilem Gesichtstattoo (Schmetterlinge in den Geheimratsecken und ein paar Notizen auf der Stirn), fällt es nicht einfach, immer zu wissen, „wie der Hase so läuft“ (Jugend-Slang). Auch ich hatte düstere Momente, in denen ich bei Galeria Kaufhof in der CD-Abteilung vorstellig wurde und nach der neuen heißen Scheibe von „Bernie Eilish“ fragte. Erst Tage später habe ich mich wieder in die Fußi (Neudeutsch für Fußgängerzone) getraut. Zu ehrabschneidend war dieser Faux-Pas, dabei weiß ich natürlich, dass der berühmte Pop-Musiker mit Vornamen „Billie“ (Kurzform von Billhelm) heißt. Als Musikjournalist kenne ich mich einfach aus.

Wer also peinliche Situationen vermeiden, sich aber trotzdem von den Kids all ihre Pop-Geheimnisse aneignen möchte, den begrüße ich hier noch mal gesondert in der dieswöchentlichen Kolumne: Hallo, na!

Ich gehe hier stellvertretend für alle Personen über zwanzig nun das neue BRAVO-Magazin durch. Was läuft im Mai 2022 so im analogen Hauptquartier der Jugendkultur? Dieser Trip sei eine freche Mischung aus Blattkritik und Youthploitation. Bring it on!

So sieht das Ding also aus. Kostenpunkt 2,99 Euro

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Das Cover

Viele Jugendzeitschriften schließen einen ja bereits über die Namen und die komischen Gesichter auf dem Titelblatt komplett aus. Denn nach dem dritten „Wer ist das denn jetzt schon wieder?“ greift man resigniert zu „Meine Familie und ich“ oder der „Neuen Post“. Die BRAVO im Mai macht es einem allerdings leicht. Es posieren keine Maskenrapper, deren Namen sicheren Passwörtern gleichen (wie Fl3rr1! oder Sn4berteeth$), nein, die Stars der Netflix-Serie „Stranger Things“, die uns hier entgegenstrahlen, die kennt man sogar. Beruhigend!

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Das Cover II

Ganz oben steht auch schon ein „fetziger“ Spruch: „Gib deine Träume nicht so schnell auf – schlaf länger“. Mmh, kurze Sorge, dass die BRAVO-Redaktion selbst ebenfalls vergreiste Boomer sind (wie man selbst) und einen nun 84 Seiten lang mit weiteren solchen Dad-Jokes „pesten“ werden.

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Inhalt

Auf der Inhaltsseite begrüßt uns immerhin das schelmische Selfie von einem BWL-Jonas. Doch was ist er? Chefredakteur, Praktikant, Hausmeister? Scheint nicht weiter von Belang zu sein, steht zumindest nicht dabei. Doch liest man seine Eröffnung, ist sowieso vollkommen klar, dass es sich hier um einen Bot handeln muss: „Viel mehr kommt es darauf an, dass ihr eure Freundschaft regelmäßig stärkt und ein Team seid.“ Klingt wie die holprige Sprachausgabe eines evangelischen Pfarrer-Androiden. Sorry Kids, this opening calls for an: „Amen!“

Hallo Jonas, na!

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Hot Stuff!

Okay, bevor es besser wird in dieser BRAVO-Ausgabe, wird es leider erst noch mal schlimmer. Auf einer werblich anmutenden Doppelseite namens „Hot Stuff!“ werden Steppwesten, wie sie meine Mutter und ihre Freundinnen beim Kegelausflug tragen, zum heißen neuen Trend erklärt? Gute Nachrichten auf jeden Fall für Mama, alle anderen kann man natürlich nur bedauern.

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Lieblingspost!

In diesem Slot hier offenbart sich das ganze Dilemma analoger Magazinkultur: Weil dorthin die Zielgruppe abgetaucht ist, wird in Print einfach konsequent nur noch über das Netz berichtet. So findet ein Insta-Post von Billie Eilish mit dem Wortlaut „we did it“ anlässlich ihres Oscar-Gewinns Abdruck. Er ist bei Hefterscheinen einen Monat alt. Hier wird er noch mal formschön ins Heft geballert – offenbar für alle, die große Fans von Eilish und/oder Instagram sind – allerdings keinen Internetzugang besitzen. We did it, friends!

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Titelstory

Einer meiner persönlichen Lieblingsmusiker ist das mega Pop-Hottie Jens Friebe. Er hat einmal einen Song gemacht über das Thema „kalt schreiben“. Kalt schreiben – das bedeutet, man verfasst einen Text über zum Beispiel eine Band, ohne dafür mit ihr gesprochen zu haben. Aber gibt es auch eine Bezeichnung dafür, wenn man wie hier eine elliptische Liste aus Allgemeinplätzen zum Thema Freundschaft mit den Gesichtern zweier Serienstars bestückt und das dann Titelstory seiner Ausgabe nennt? Zitat aus einer dieser Gratisweisheiten: „Macht euch Mut – Jemand steht vor einer Herausforderung? Unterstützt euch, wenn etwas Aufregendes ansteht“. Danke, Herr Pfarrer-Bot!

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Kennst du den Song?

Und noch mal dieser Jonas (Auszubildender? Verlegersohn? Freiwilliges soziales Jahr in Print?) von der Vorwortseite. Er hat für uns Badmómzjay, Montez und Takt32 getroffen – und sie mit seinem Jungliberalen-Swagger und dem hellblauen Poschardt-Gedächtnis-Oberhemd auf einem GEMA-Ball verzaubert. Ein Treffen der Welten: Die gut gelaunten Jung-Rapper*innen auf Du und Du mit der Next-Gen-Journo-Elite. Ein hochverdichtetes Date, dessen Anmutung zwischen „Wenn einer dumm kommt, geb ich dem ein Stich!“ und „Mach mich ma‘ LinkedIn!“ zu changieren scheint.

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Benee

Ein Interview, das nicht als Liste oder Quiz oder sonstwas „Kurzweiliges“ abgebildet wird? Ein echter Feuilleton-Moment im freidrehenden Rest-Journalismus des ewigen Kultblatts! Ich setze mir das Monokel auf, schenke einen Portwein in das bauchige Glas und freue mich an Benee aus Neuseeland. Lesedauer 55 Sekunden – also ein echter Brocken. Musik auch nicht schlecht. Danke BRAVO für diesen Tipp:

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Landschaftsgärtner-Werbung

Wer kann ohne Pop nicht existieren? Exakt: Die Crews rund um den hiesigen Förster. Anders lässt sich diese seit Jahren bestehende Dauerwerbeschaltung für eine Landschaftsgärtnerausbildung in Magazinen wie der BRAVO nicht erklären. Diese Mischung aus chilligem Maulwurfshügel-Swag und der schwer bewaffneten Sigourney Weaver in „Alien“ (siehe Bild) ist aber auch echt ein Magnet für Kids. Dazu ergänzt sich diese Hybris im Wording und das fehlende Komma: „Eine wie Du sagt der Natur wo es langgeht.“ Hat was von: „Macht euch die Erde Untertan“, sprach der Herr, „werdet Landschaftsgärtnerin!“

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Krasse Newcomer

In Vertrauenslehrer-Lingo („Wir sind überzeugt: An Pajel wirst du im Rap-Game nicht vorbeikommen“) lerne ich noch mehr über kontemporäre Rap-Musik. Bei Pajel ist das zum Beispiel, dass abgehängter Autotune-Sound, Sexismus und random zusammengewürfelte Hustler-Folklore vor unauthentischer Gangsta-Kulisse noch ein echt verkaufbares Ding im Popmarketing darstellen. Interessant neben der in weinerliche Lyrics verpackte Hoe-, Kurwas- und Bitch-Kaskade, dass einer dieser Newcomer tatsächlich so eine Steppjacke trägt. Bist du’s, Mutti?! Langsam passt anscheinend doch alles zusammen!

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Dr. Sommers Beratung

Also wer sich sexuell von Stockfotos angezogen fühlt, für den hat die Optik der legendären Aufklärungsdoppelseite sehr sehr gute Nachrichten. Thematisch dagegen bleibt die kribbelige wie didaktische Rubrik stabil. Fragen wie diese hier haben sich dort schon 1950 unsere Ur-Großeltern nach der dritten Afri-Cola und einem Kartoffelkäfer-HAUL gestellt: „Ist es denn möglich, ohne Sex schwanger zu werden?“ Christen kennen die Antwort!

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Der Beileger

„Mega-Extra – 4 Peace-Cards“ liegen der Ausgabe bei. „Stop war“, „All we need is peace“ und sowas. Eine spannende Lektion für junge als auch ältere Leute, wie schnell Kriegsangst und Friedenswillen von einem menschlichen Reflex zu einer konsumierbaren Ware gemacht werden können.

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Die Foto-Lovestory

Das Netz hat dem Prinzip Jugendmagazin soviel genommen und ihm dafür bloß unzählige egale Stockfotos zurückgegeben, aber diese Rubrik hier ist einfach unkaputtbar Print. Im Mäusekino des Smartphones ließe sich diese knallbunte Bildersammlung niemals so schön goutieren wie in einem echten Heftchen. Natürlich geht es auch in der allerneusten hier ums Internet, aber das ist verzeihlich: Die Geschichte von „Fake oder Liebe?“ ist viel mehr einer der wenigen Momente, in denen die Mai-BRAVO ihren moralischen Impetus fallen lässt. Einfach mal nicht das Gefühl haben, ein Erwachsener auf der Schnittstelle von Lehramt und irgendwas mit Medien spricht zu einem. Endlich mal wieder das total bekloppte Kind mit Hormonhintergrund sein dürfen, das man ist.

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Meme des Monats

Und noch ein weiteres Phänomen aus dem Netz, das in gedruckter Version wirkt, als würde man im Jogginganzug in die Kirche gehen: Memes.

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Beende meinen Satz

Nina Chuba ist TikTokerin und erzählt uns, welchen TikToker man unbedingt kennen muss. Now we’re talking! Schließlich ist die Grundidee dieser BRAVO-Exegese doch, wie man sich in die Lebenswelten der next Generation reinzeckt. Und dafür spielt natürlich die aufgewühlte Social-Media-Plattform eine Schlüsselrolle – und ich habe, wie alle anderen, die noch auf dem Schoß von Willy Brandt gestillt wurden, keinen scheiß Plan, wie TikTok im Entferntesten funktioniert. Das ändert sich mit diesem Beitrag … nicht maßgeblich. Aber immerhin haben BRAVO, Nina Chuba und man selbst sein Bestes gegeben. Ich werde zumindest niemals ihre weisen Worte vergessen, die da lauten: „Nervt mich immer wieder, wenn ein Video von mir viral geht, in dem ich wie Müll aussehe.“ Wer das nicht mitfühlt, kann ja gleich „Die Zeit“ lesen.

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Community

Auch die Feedbackseite entführt die Printkäufer*innen unweigerlich ins Netz. Auf Instagram kann man der BRAVO-Redaktion Fragen stellen – und diese hier von dem User me__2006 trifft die Sache erstaunlich gut auf den Punkt: „Lest ihr euch die BRAVO auch durch?“ Nach meiner Lektüre dieser Ausgabe kann ich mir die Antwort ziemlich gut denken…

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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Badmómzjay ziert als erste deutsche Rapkünstlerin das Cover der VOGUE
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