Popkolumne, Folge 192

Von Arielle bis Armie Hammer: Wie Toxic Fandom & Toxic Stardom uns alle noch kaputter macht

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Es ist 2022, wir leben in der Zukunft, wir können alles sein, was wir wollen, also viel, also einiges, unter Umständen. Wir wohnen schon halb auf dem Mars, fliegen mit E-Scootern durch die Lüfte aufs Maul, ernähren uns von grünem Saft und behalten ihn teilweise drinnen, erfinden in Windeseile Impfstoffe gegen Pandemieviren und heilen damit einen Teil der Weltbevölkerung …

The future we could have, wenn wir unsere Kräfte aufs Gute konzentrieren würden / könnten, und nicht irgendwelche Scheißkerle sich im Internet aufregen würden, weil die neue Arielle Schwarz ist, samma gehts eigentlich noch?

Fans der Woche

Im Film „The Little Mermaid“, der im Mai 2023 erscheint, spielt Halle Bailey (wir lieben und schätzen sie als Teil des R&B-Duos Chloe x Halle) die rothaarige Meerjungfrau und viele halten es mal wieder nicht aus. Erwachsene Männer fluten seit Tagen die Kommentarspalten unter den Trailervideos und Artikeln dazu. Sie gehen sogar wissenschaftlich an die Sache ran. IHRE Arielle lebt ja unter der Wasseroberfläche und deswegen kann es nicht sein, dass … wie auch immer. Wäre es nicht so rassistisch, wäre es komisch. Bisher immer alles als Mädchenkram abgetan, sind sie nun bereit, jede Verbiegung zu machen, um wenigstens die weiße Vorherrschaft aufrechtzuerhalten.

Das „Phänomen“ gab es aktuell auch bezüglich der Serie „Rings of Power“, dem Spin-off von „Herr der Ringe“, bei dem das Problem irgendwie sein soll, dass Elben und Zwerge nichtweiß sind… In der Sendung „The View“ flippte Whoopi Goldberg diesbezüglich schön aus:

“You know that? There are no dragons. There are no hobbits. Are you telling me Black people can’t be fake people too? Is that what you’re telling me? I don’t know if there’s like a hobbit club, I don’t know if there are gonna be protests, but people! What is wrong with y’all?”

„Fake people“, es ist so schön. Es gibt außerdem einen wunderbaren Twitter-Thread, in dem Beispiele gesammelt werden, wo die gecastete Schauspielerperson für Film und Serie von der Beschreibung in der Romanvorlage abweicht und, Überraschung, es stört Leute nur, wenn aus Weißen Nichtweiße gemacht werden oder sie sich einbilden, dass die Leute im Roman weiß sind, weil das für sie eben die „normale“ Hautfarbe ist und sie es sich so imaginiert haben. Und dann gibt es sogar Fälle, wo eine Romanfigur sogar als „dunkelhäutig“ beschrieben wird und es trotzdem shitstormt.

Aber man darf nicht vergessen: Oft sind das alles gezielte Trollangriffe auf Ratings und Kommentarspalten von erbärmlichen Internetmännern und die tatsächliche Wertschätzung für die Filme und Serien sind größer als es im Zuge solcher Scheiße manchmal wirkt. Wir gehen auf jeden Fall alle schön zu Arielle und es wird magisch.

Und, wo jetzt alle über „Toxic Fandom“ reden, zum Beispiel in der sehr guten FOMO-Podcast-Folge vom vergangenen Wochenende…

…würde ich ganz gern auch mal häufiger über Toxic Stardom sprechen, beziehungsweise: Was sind wir eigentlich bereit, uns für einen Quatsch von unseren reichen, berühmten Künstlern reinzufahren? Und zwar auch literally reinzufahren, looking at you, Lady Gaga, Alicia Keys, Rihanna, J.Lo usw., die ihr mit den Unsicherheiten eurer Fans unsinnige und oft auch schädliche Beautyprodukte verkauft und immer reicher und reicher werdet.

Horror der Woche

Und dann gibt es noch die ganz besonders gefährlichen Exemplare: Mächtige Männer. Die dreiteilige Doku „House of Hammer“ beleuchtet die Familiengeschichte von Armie Hammer, ihr wisst schon, dieser Schauspieler, dem letztes Jahr Kannibalismusvorwürfe gemacht wurden, worüber sich so viele lustig gemacht haben. Die Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfe, die im Zuge dessen auch gemacht wurden, vielen da so ein bisschen „hinten runter“.

Tatsächlich steckt hinter diesem Typen und seinem miesen Treiben eine Jahrzehnte andauernde Shitshow der Männer der ganzen Hammer-Familie, in der es unzählige Fälle von häuslicher Gewalt, Missbrauch, Vergewaltigung, Korruption, Manipulation gegeben hat, es gehen einem die Wörter aus, so viel Müll, auch politischer, wurde da offen gelegt.

Ich weiß einerseits nicht, ob das wirklich der Weisheit letzter Schluss sein kann, dass es nun zu jedem Missbrauchsmann eine Dokuserie gibt und man diese Fälle, die so viele traumatisierte Betroffene zurücklassen, zum Popkulturphänomen macht. Gleichzeitig gibt es all diesen Frauen endlich eine Stimme und es führt dazu, dass sich diese Männer nicht mehr so sicher fühlen können. Andererseits: Wie kann es zum Beispiel sein, dass Armie Hammer im Jahre 2020 so dermaßen gewaltvolle Textnachrichten unter seinem Klarnamen verschickt, drei Jahre nach #MeToo? Wie kann er so selbstsicher sein? Klar, es ist Macht. Und tatsächlich wurde er noch immer nicht angeklagt. Genau wie unzählige Kulturmänner auch kaum Konsequenzen für ihre Taten bekamen. Wenn es dafür noch hunderte Dokus braucht, meinetwegen. Aber es braucht eben auch bessere Gesetze bezüglich Gewalt gegen Frauen und alle anderen denkbaren Entmachtungsmöglichkeiten mächtiger Männer und ihrer Netzwerke.

Familie der Woche

Eine andere Familie, die im Vergleich zur Hammer-Familie natürlich quasi heilig ist, ist die Kelly Family. Aber auch bei den Kellys war nicht alles dufte, sondern ziemlich vieles sehr schwer und, wenn man es harmlos ausdrücken will, von einer problematischen Autorität geprägt: dem Vater Kelly, der seinen Kindern die klassische Schulbildung nicht zumuten wollte, sondern mit ihnen und seiner viel jüngeren Frau (auch alles sehr seltsam) durch verschiedene Länder tourte. Dort mussten dann alle auftreten, damit sie halt was zu Essen hatten. Die insgesamt fünfteilige Doku „The Kelly Family – Die Reise geht weiter“ ist jetzt auf RTL2 gestartet und wirft ein sogenanntes neues Licht auf die Vergangenheit der Familie, erzählt von den sechs übrig gebliebenen Mitgliedern. Also der Band, nicht der Familie, da gibt es noch mehr. Wie viele, da sieht niemand mehr durch, einschließlich der Kellys. Nicht alle leben noch, manche werden verschwiegen und ab und an kommt nochmal jemand Neues dazu. Ein angeblicher Halbbruder Paul aus den USA zum Beispiel, neee, ist klar. Hochstapler-Serien-Spin-off, ick hör dir trapsen.

Um die Kelly Family gut zu finden, war ich viel zu cool in den 90ern. Ich war vielleicht zu jung, zu atheistisch, zu amerikanisch orientiert, zu wütend oder so. Erst viele Jahre später sollte ich auf den verlogenen Hippiequatsch reinfallen, der auch die Kellys antrieb. Aber ich hoffe, durch diese Doku einiges Kelly-Wissen zu erlernen, auch alle Namen. Die erste Folge war schon mal vielversprechend. Der alte Kelly-Bus wird wieder aktiviert, um auf Spurensuche zu gehen, man drängt in Rom den Leuten Gesang auf, führt inszenierte Gespräche über die Kindheit, tut so, als würde man in dem Bus wohnen. Aber das ist okay, diese Leute kennen es einfach nicht anders. Und RTL2 kann auch nur RTL2, deshalb wird viel geschnitten, draufgehalten, bedeutungsvoll irgendwelcher Quatsch kommentiert und lustige Musik über Gesagtes drüber gelegt, damit man denkt, da war jetzt ein Witz, aber eigentlich war es eine normale Aussage.

 

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Tod der Woche: die Queen

Einer der toxischsten, tödlichsten Kulte – die Monarchie. Deren behämmertste Familie trauert. Was soll man also noch dazu sagen, was Chumbawamba nicht schon – die Beatles ergänzend – gesagt haben?

“Her majesty’s a pretty nice girl
but I hope she’s the end of the line”

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