Popkolumne, Folge 191

Queer-Pioniere oder auserzählter Stadionrock: Wer braucht heute noch Queen?

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

Queen auf der Weihnachtsfeier

Wie wenig kann man eigentlich sagen und trotzdem hat jeder sofort den kompletten Film vor den Augen? Ich denke, drei Worte reichen. Zumindest wenn es diese hier sind: Weihnachtsfeier mit Karaoke.

Selbst schuld, wer hier nicht noch kurz eine einstweilige Verfügung bei Human Ressources einreicht, die besagt, dass man sich „Sky is the limit“-Tischreden in Tateinheit mit verschwitzten Sangeskünsten von Handlampen aus der Buchhaltung nicht auf 50 Meter nähern darf. Ich allerdings war vor Ort und erlebte bei so einer Veranstaltung meinen Queen-Moment aus der Hölle. Ein Moment, der sich gleichermaßen satanisch wie profan ausmachte…

Die erste Stunde schnappen sich das Mikro des gemieteten Karaoke-Geräts in einer Kellerbar nur all jene, die irgendwie performen können oder die, deren unerschütterliches Selbstbewusstsein ihnen auch abseits von Talent erlaubt, sich vor den Kolleg*innen zum Affen zu machen. Irgendwann sind wir dann alle voll, die Karaoke-Maschine verliert an Beachtung, aber weit nach Mitternacht haben sich die muffeligen Karteileichen diverser Abteilungen zusammengefunden und teilen sich zu acht Mikro und die improvisierte Bühne. Schwankend, schwitzend, enthemmt, die Arme um die Schultern des Nebenmannes. Der gewählte Song soll offensichtlich ihre tiefen Gefühle, ihr ewiges Begehren ausdrücken. Und so singen sie „We are the champions, we are the champions!“ Spätestens bei „No time for losers“ entgleitet der Situation die Text-Bild-Schere, fällt herab und bohrt sich in die Oberschenkel der fassungslosen Betrachter*innen. Metaphorisch gesprochen, versteht sich!

Ich weiß noch, dass ich damals so einiges über diese Performance dachte und darunter war auf jeden Fall auch das hier: „Alter, was ist Queen eigentlich für eine verdammte Scheiß-Band?!“

Queen beim Battle-Rap

Es hat vermutlich nichts mit diesem Queen-Weihnachtsfeier-Trauma zu tun, dass ich gern schaue, wie sich Männer auf YouTube anschreien. Battlerap als Guilty Pleasure. In einem aktuellen Match verwendet ein MC eine ganze Runde darauf, Songtitel von Queen in seine Punchlines einzubauen. Ok Boomer! Das ist nicht gerade besonders fresh. Allerdings geht dieser Part echt lang und mir wird überraschend bewusst, wie viele Songs es von Queen gibt, die man sofort an- oder mitsingen könnte (Wo ist die nächste Karaoke-Maschine?!). Das jedenfalls gibt mir mehr zu denken als der Hype, der um das Oscar-prämierte Queen-Biopic „Bohemian Rhapsody“ vor einigen Jahren aufgebrandet ist.

Weiblich gelesene Person mit Bart

Werde ich heute auf meine persönliche Faszination für Pop angesprochen, erwähne ich gern den Möglichkeitsraum, den ich darin schon früh entdeckt zu haben glaubte. Als Jugendlicher auf dem Dorf schien es einfach ein aufregendes Angebot, mehr oder auch anders zu sein, als man war (beziehungsweise wahrgenommen wurde). Das Spiel mit Identitäten, vor allem auch Geschlechteridentitäten war eine einzige Verheißung. Annie Lennox von Eurythmics und Boy George machten in den grellen Achtziger Jahren deutlich, dass man offensichtlich nicht per se verpflichtet war, tradierte Gender-Rollen zu erfüllen.

Scheiß auf Gender Roles: Freddie Mercury singt ‚I Want To Break Free‘ auf der „The Works“-Tour am 7. September 1984 in der Wembley Arena.

Welche Kraft diese Symbolpolitik besitzt, bewies 2014 in Kopenhagen Conchita Wurst. Im Abendkleid und mit Vollbart gewann sie den Eurovision Songcontest. Ein mehr als nur popkultureller Erdrutsch war die Folge. Die Sichtbarkeit von queeren Menschen hat das spürbar gepusht – und natürlich auch den Backlash, weil viele Arschlöcher über diese Performance mitbekamen, dass ein solch glamouröser Genderfuck überhaupt existiert. Mutig darf man Conchitas Auftritt auf jeden Fall finden.

Doch dazu ein Blick zurück. Fast genau vor 30 Jahren – es ist 1984, Queen werfen in den heiß gelaufenen MTV-Hype jener Zeit ihr Video „I Want To Break Free“. Man sieht Freddie Mercury in drag und mit dichtem Schnurrbart als gelangweilte Hausfrau. Und selbst wenn die Grundlage dieses Crossdressings die Persiflage einer bekannten englischen TV-Serie darstellte, zeigt die Reaktion von MTV, wie wenig akzeptiert Männer in weiblich gelesenen Rollen damals waren: Das coole MTV, der damals tonangebende Sender, boykottierte das Video. In den USA wurde „I Want To Break Free“ nicht ausgestrahlt.

Queen und Queer

Doch bei allen queeren Codes, die Queen den letztlich noch komplett heteronormativen Achtziger Jahren untermischten – erst der Tod Freddie Mercurys am 24. November 1991 machte jenen zu einer queeren Schlüsselfigur, die gesellschaftlich viel auslöste. In den Neunziger Jahren traten Trauer und Mitgefühl an die Stelle von Panik. Der einst vom „Stern“ so betitelte „AIDS-Schock“ war vorbei, es begann die Zeit der „AIDS-Hilfe“. Freddie Mercury gab einer Solidarität mit der bis dato weitestgehend unsichtbaren queeren Community global ein Gesicht. Hiermit beginnt eine Entwicklung, die Ende jenes Jahrzehnts in vielen Ländern in Dinge wie die eingetragene Lebensgemeinschaft mündete, dem Vorläufer der „Ehe für alle“. Der weltweit erlebte Verlust von Freddie Mercury scheint mit diesem Zeitenlauf untrennbar verwoben. Wenngleich Mercury selbst seine Krankheit bis kurz vor seinem Tode geheim hielt. Dennoch starb er als Aktivist, zu viel Wirkkraft ging von ihm, seiner Kunst und seinem Schicksal aus.

Die Show muss weitergehen

Das Story-Potenzial rund um Queen trägt natürlich weit mehr in sich als diesen kleinen Ausschnitt. Ich verweise auf eine Bandbiographie, die diese Woche erscheint, sie trägt den Titel „The Show Must Go On“ (Reclam) – und wurde geschrieben von Stephan Rehm Rozanes, diesem mehr als zentralen Redakteur des Musikexpress. Er erzählt die Geschichte(n) der Band und korrigiert unter anderem auch das, was einem der süffige Bubblegum-Film „Bohemian Rhapsody“ in Form hinfälliger Fakten alles so untergejubelt hat. Neben dem Buch hat Rehm Rozanes auch ein weiteres Baby veröffentlicht, das sehen wir hier ebenfalls (siehe Foto). Da menschelt es kurz mal in dieser hochkonzentrierten Popkultur-Gala der Kolumne. Why not, Leute!

Die Show geht weiter (und wie?)

Aber noch mal zurück zum Anfang. Warum spielt eine Band noch immer eine Rolle, die doch seit 30 Jahren Geschichte ist – beziehungsweise nur noch mit fremden Sängern oder in peinlichen Musicals weiterlebt? Über diese entscheidende Frage habe ich mit Stephan Rehm Rozanes gesprochen.

Stephan Rehm Rozanes: „Ich bin geboren in dem Jahr, in dem Queen die größte Band der Welt darstellte – das war 1980. Notiz genommen habe ich von ihnen erst 1992, denn damals waren sie erneut omnipräsent. Freddie Mercury war da schon ein Jahr tot, aber sein Ende muss man als Granateneinschlag in der damaligen Popkultur sehen. Es gab das Mercury-Tribute, damals wurden Queen auch in Amerika noch mal so richtig groß. Dieses weltweite Interesse wiederum überschwemmte den Markt mit vielen Produkten, es erschien vor allem das posthume Album ‚Made In Heaven‘, an dem sich die Geister bis heute scheiden, aber auch noch weit Abwegigeres wie ‚Queen Dance Traxx Volume One‘, initiiert vom Sender VIVA mit Captain Jack, Magic Affair, Blümchen. Es gab ‚Radio Gaga‘ in der Version von DJ Bobo, Boybands wie Worlds Apart nahmen sich Queen an, die Cover-Version von Dune zu ‚Who Wants To Live Forever‘ war ein Riesenhit in den Neunzigern.

Was bedeutete das?

Man konnte dem Eindruck erliegen, bei Queen handele es sich um eine hochaktive Band. Die ‚Greatest Hits‘-Kollektion geht heute in England in ihre eintausendeinhundertste Charts-Woche und ist damit das meist verkaufte Album der britischen Geschichte. Es ist auch auffällig, wie oft Queen-Songs zuletzt in Kinofilmen eingesetzt worden – in der Werbung verhält es sich ähnlich. Zum Beispiel das Stück ‚Don’t Stop Me Now‘, das hat die Band zu Lebzeiten ganz selten live gespielt, war auch nur ein mäßiger Hit und der kommt in jüngster Zeit auf zwölf unterschiedliche Einsätze in der Werbung. So bleibt die Band in der Wahrnehmung. Ein weiterer Grund für die Präsenz der Band sind Lizensierungen. Es gibt Funko Pop Figuren von ihnen, aber auch Queen-Monopoly, Happy Socks, Ben & Jerrys Eis in der Geschmacksrichtung Queen.

Queen-Merch. Ein paar Socken und Figürchen von Millionen

 

 

Kann das denn immer so weitergehen, Stephan?

Es gibt noch viel Potenzial – zum Beispiel in Form unveröffentlichter Songs. Die Band war vor dem Tode Mercurys sehr produktiv gewesen, da ist längst noch nicht alles ausgeschöpft. Auch über die Musik wird Queen also weiter am Laufen bleiben können, denn es gibt irrsinnig viele Künstler*innen, die noch heute auf Queen Bezug nehmen. Lady Gaga ist sicher eins der prominentesten Beispiele. So wird vieles, wofür die Band stand, weitergetragen auf den unterschiedlichsten Ebenen. Das hat sich alles längst verselbständigt. Es ist ähnlich wie bei Kraftwerk oder ABBA, die nur noch ihre Dummys, Hologramme oder Avatare durch die Welt schicken können. Denn wenn diese Band schon ohne Freddie Mercury solange Bestand haben konnte, dann braucht es auch nicht mehr die anderen drei. Das Phänomen Queen ist von den Menschen in der Band schon längst entkoppelt.

Love & Hate for Queen

Von diesem Einblick ins Big Picture möchte ich zum Schluss aber noch mal zurück ins Persönliche. Exit through the gift shop. Denn was man mitnimmt von so einem Spektakel, entscheidet man immer noch selbst. Nimm dir, was du brauchst. Hier, mal meine drei Lieblingssongs auf dem Deckel von Queen:

01 „Under Pressure“

02 „Flash“

03 Die legendäre „Bohemian Rhapsody“-Szene aus dem Film „Wayne‘s World“

PS: Schlechte Laune bekomme ich dagegen von diesem Migräne-Trigger „I Want To Ride My Bicyle“.

PPS: Keine Werbung, aber gleich mal googlen, wo ich dieses Queen-Eis von Ben & Jerry’s herbekomme…

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

Solomon NJie Getty Images
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