Meinung

Das Preisverleihungsdilemma: Warum Schauspieler*innen auf der Bühne keine Meinung haben

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Mit den Oscars hat die Award Season ihren Höhepunkt erreicht. Davor warf sich die Filmbranche bereits für die Golden Globes, die BAFTA, AACTA International oder auch AFI und Screen Actors Guild Awards in Schale. Bei all diesen Verleihungen konnte beispielsweise Todd Phillips’ „Joker“ so einige Nominierungen vorweisen. In vielen Kategorien überzeugte das Drama die Jury dann auch von sich und so musste oft genug Schauspieler Joaquin Phoenix auf die Bühne, um eine Rede zu halten. Bei den Academy Awards in der Nacht vom 9. auf den 10. Februar 2020 gewann er den Preis als Bester Hauptdarsteller und sah das Mikrofon und die Kameras als Möglichkeit, um über den immer weiter hochschwappenden Nationalismus zu sprechen. „Wir reden über den Kampf gegen den Glauben, dass eine Nation, ein Mensch, eine Rasse, ein Geschlecht oder eine Spezies das Recht hat, die andere zu dominieren.“ Er selbst wolle sich noch mehr für Gleichberechtigung und gegen Rassismus sowie Homophobie stark machen, genauso wie für eine artgerechte Tierhaltung.

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Phoenix hat damit das gebacken bekommen, was noch viel mehr Schauspieler*innen tun sollten: Er nutzte seine rund zwei Minuten auf der Bühne, um eine für ihn persönlich wichtige Message mitzuteilen. Warum fällt es seinen Kolleg*innen so schwer, ähnlich vorzugehen? Immer wieder hört man eine Dankesrede nach der anderen, in denen außer der Aneinanderreihung von Namen nicht viel passiert. Bis Renee Zellweger in ihrer Oscar-Rede (sie heimste als „Judy“ die Trophäe als Beste Hauptdarstellerin ein) auf den amerikanischen Traum zu sprechen kommt, ist ihre Zeit auf der Bühne schon wieder fast vorbei. Dann zählt sie nur noch lose Cast & Crew auf und es bleibt schwammig, was sie einem damit nun sagen will. Ist Amerika jetzt toll? Vielfältig genug? Haben wir eine Handlungsaufforderung überhört?

Keine eigene Meinung oder was?

Liegt die Eintönigkeit der Ansprachen schlicht und ergreifend an den Jobs, die hier mit Preisen überschüttet werden? Können Schauspieler*innen am Ende wirklich nur das Aufsagen, was sie zuvor auswendig gelernt haben? Muss doch mehr dahinter stecken als eine mutmaßliche Eindimensionalität der Darsteller*innen. Brad Pitt bekam es in der vergangenen Zeit immer wieder sehr gut hin, seine Meinung heraus zu posaunen. So hieß es in seinem Oscar-Monolog: „Ich bekomme 45 Sekunden hier oben. Das ist mehr als der Senat John Bolton gegeben hat.“ Damit spielt er auf das gescheitere Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump an, bei dem die Zeugenaussagen vom Senat nicht zugelassen wurden. Dass er nach einer ganzen Reihe von meinungsstarken und sogar witzigen Reden später in Interviews versichern musste, er habe diese Worte ganz selbstständig in diese sinnige Reihenfolge gepackt, ist bezeichnend für die sonst so vorherrschende Langeweile auf der Bühne. Witz, Eloquenz und Meinung wird vielen Schauspieler*innen offenbar gar nicht zugetraut.

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Im Jahr 2016 wollte die Academy tatsächlich das ewige Aufzählen von Namen unterbinden und entschied sich dafür, eine Art Newsticker einzublenden, sobald der oder die Gewinner*in im Scheinwerferlicht steht. Auf diese Weise sollten die Dankesreden gekürzt werden und die Zeit für andere, wichtige Ansagen dienen. Leonardo DiCaprio wählte den Augenblick, als er seine „The Revenant“-Hauptdarsteller-Goldstatue ergriff, um darauf aufmerksam zu machen, dass der Klimawandel sehr wohl existiere und wir zusammen aufhören sollten, zu prokrastinieren. Dennoch wurde dieser Ansatz, alle Namen als Laufschrift parat zu haben, in den nächsten Jahren nicht mehr verfolgt. Die Reden wurden wieder länger, die Inhalte hohl. Die Schauspieler*innen hatten mit wenigen Ausnahmen nicht abgeliefert. Und wer will schon den Promis in schönsten Outfits dabei zuschauen, wie sie sich halb stotternd blamieren, weil sie nichts zu sagen haben?

Ändert sich einfach zu wenig, selbst wenn man lauter wird?

Ein Grund für die wenigen persönlichen Meinungsstücke ist auch die Politikverdrossenheit beziehungsweise der Frust auf die eigene Branche. 2018 sprach Frances McDormand vom „Inclusion Rider“ und spielte auf eine Vertragsklausel an, die auf mehr Diversität und Gleichberechtigung am Set abzielt. Ihr Anliegen wurde mit viel Applaus entgegengenommen. Doch auch 2019 konnte noch davon berichtet werden, dass Männer in Hollywood eine Million US-Dollar mehr verdienen würden als ihre Kolleginnen. Und 2020 gibt es zwar mehr Frauen denn je im Filmbusiness, jedoch häufig immer noch nicht in den wichtigen Rollen. Die kleinen Award-Vorträge der Stars lassen sie selbst in dem Raum mit vielen Gleichgesinnten gut da stehen, haben aber anscheinend nicht den gewünschten Effekt außerhalb der Glamourwelt.

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Doch die Bühne sollte weiter und noch viel stärker als Möglichkeit genutzt werden, um das zu sagen, was einen persönlich umtreibt und wie mit den Problemen in Politik, Umwelt und Gesellschaft im Kleinen wie im Großen umgegangen werden kann. Nur so bleiben diese Award-Shows noch relevant – wenn Promis ihre Popularität auch mal ganz bewusst nutzen. In der Vergangenheit wurde diese Meinungsfreiheit nicht immer so wertgeschätzt. 1993 zum Beispiel unterbrachen Tim Robbins und Susan Sarandon ihre Anmoderation, um auf die Haitianer hinzuweisen, die in Guantanamo Bay festgehalten wurden und nicht in die USA einreisen durften, weil sie positiv auf HIV getestet wurden. Oscar-Produzent Gil Cates war außer sich, empfand das Nennen von persönlichen Meinungen in diesem Rahmen empörend, sogar unehrlich und wollte sie nicht mehr als Hosts bei den zukünftigen Oscars. Zum Glück kam er damit nicht durch.

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Ansprachen können auch als ein kulturelles Zeitdokument fungieren

Mittlerweile werden Oscar-Ansagen, die über den prämierten Film hinausgehen, gefeiert. In den News wird über die berichtet, die ihre eigene Sicht zu den Dingen, die da in der Welt passieren, mitteilen. Und auch wenn es nicht so scheint: Nach und nach vollzieht sich ein Wandel. Als die Schauspielerin Anne Ratte-Polle beim Bayrischen Filmpreis ihre Ansprache darüber hält, dass die 20er-Jahre in unserem Jahrhundert neu besetzt werden müssen und es dieses Mal nicht ins Braune kippen soll, erzählt sie selbst dann weiter, als ihr das Mikro langsam weggenommen und der Ton abgeschaltet wird. Aber dann hilft man ihr mit einem neuem Mikrofon aus, sodass sie das zu Ende formulieren kann, was sie auf dem Herzen hat. Und genau solche Ansagen und Gesten sind wichtig, um sehr laut verständlich zu machen: Die Welt der Celebrities kriegt sehr wohl was vom Weltgeschehen mit. Und wenn sie sich dazu positionieren, gibt es mehr prominente Beispiele, die dem Protest (sei es zur Politik oder auch zum Klimawandel) ein Gesicht verleihen.

Genau deshalb trifft Golden-Globes-Host Ricky Gervais auch nicht ins Schwarze, wenn er sagt, dass alle Filmstars ihre Klappe halten und abziehen sollten, wenn sie ihren Gewinn entgegen nehmen würden. Sicher, Schauspieler*innen führen alles andere als ein Durchschnittsleben, aber sie können trotzdem Missstände sehen und auf diese hinweisen. Und das sollten sie in der Zukunft auch unbedingt noch mehr tun und dabei weniger zurückhaltend sein – abgesehen natürlich von den paar Nasen, die wirklich rein gar nichts zu sagen haben, die dürfen auch weiterhin das Alphabet auf der Bühne durchgehen. Aber diejenigen, die echte Statements zu bieten haben, sollten diese auf der Bühne hervorbringen. Denn dort hören ihnen unfassbar viele Menschen überall auf der Welt sehr genau zu; sie tragen zudem eine gewisse Verantwortung. Außerdem sind diese Reden in jedem Fall auch ein kulturelles Dokument der Zeit. Wer sich Award-Shows anschaut, sollte nachfühlen können, was in dem Jahr bewegt hat. Eine positive Entwicklung gibt es da noch zu vermelden: In Österreich unterzeichneten im Sommer 2019 gleich 38 Produktionsfirmen den von Frances McDormand so hervorgehobenen Inclusion Rider.


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