Highlight: Die 100 besten Stimmen der Musikgeschichte

Konzertbericht & Fotos

Queen + Adam Lambert live in Berlin: Freddie Mercury hätte diese Show gefallen


Mit gemischteren Gefühlen kann man wohl nicht in so ein Konzert gehen. Queen waren meine erste richtige Lieblingsband, es gab Zeiten in meiner frühen Jugend, da waren sie mir wichtiger als ich mir selbst. Gut, vielleicht ist das übertrieben, aber schließlich haben wir es hier mit den Königinnen der großen Gesten zu tun. Jedenfalls konnte ich mein Fan-Dasein nie ganz abschütteln, obwohl ich es weiß Gott versucht habe, da die grenzsprengenden, weltoffenen Queen nie, nie cool waren und auf Tradition beharrende Schwanzrocker wie Led Zeppelin schon. Als loyaler Freddie-Mercury-Purist habe ich dessen Nachfolger selbstverständlich nie anerkannt. Im Falle von Paul Rodgers und dem hundsmiserablen gemeinsamen Album THE COSMOS ROCKS war das wohl auch eine vernünftige Entscheidung. Wie sollte denn dieser hemdsärmelige Kneipentyp, bei allem Respekt, überzeugend eine böhmische Rhapsodie trällern? Bei Adam Lambert, dem Castingshow-Star aus den USA, war das anders: Immer wieder vernahm man Stimmen, wonach das, was die da zusammen machen, gar nicht mal so schlecht sei – für das eben, was es ist. Doch dieses „was“ habe ich immer infrage gestellt: Das kann ja so gut sein wie es will, aber muss es denn überhaupt sein? Am besten verschafft man sich selbst mal ein Bild von der Situation.

Freddie Mercury hätte das gefallen

Als Erstes durchbricht der vom Cover des 1977er-Albums NEWS OF THE WORLD bekannte todbringende Roboter, in seiner Urform erstmals 1953 auf dem Titelbild einer Sci-Fi-Zeitschrift abgebildet, auf dem Bildschirm eine animierte Wand zum Publikum. Er wird zum Maskottchen der Band umfunktioniert, begleitet die Besucher, die die Berliner Mercedes-Benz Arena nicht ausverkauft haben, durch das Set, laut Adam Lambert heißt er „Frank“, aha.

Passend zum Mauerfall beginnen 2/4-Queen mutig mit „Tear It Up“ aus dem nicht sonderlich geliebten 1984er-Album THE WORKS. Drummer Roger Taylor wird von einem zweiten Schlagzeuger unterstützt, der oftmals das Gleiche spielt wie der Vater des heutigen Trommlers der Queen-Verehrer The Darkness. Dr. Brian May trägt ein Hemd mit Gitarrenmuster hinter seiner „Red Special“, die den wohl wärmsten Gitarrensound der Rockgeschichte hervorbringt. Und Adam Lambert? Der macht eine sehr gute Figur: sieht in Make-up getränkt fantastisch aus, singt ganz anders als sein übermächtiger Vorgänger, aber mit ebensolcher Selbstsicherheit und das sogar anscheinend mühelos. Nach Crowd-Pleasern wie „Seven Seas Of Rhye“ und „Tie Your Mother Down“ wird er zu „Killer Queen“ auf dem Kopf von „Frank“ sitzend aus dem Bühnenkeller emporgefahren. Der Gag „Frank gives robotic head“ misslingt zwar, weil ihn aufgrund der Sprachbarriere nicht jeder versteht, aber – das vermute ich ganz stark – dem für seinen provokativen Vulgär-Humor bekannten Freddie hätte das gefallen.

Auf den richtet Lambert danach das Scheinwerferlicht, erklärt in einer längeren Ansprache – standardisiert wie der ganze Abend – seinen Platz in der Band neben den „Rock’n’Roll legends“ May und Taylor: „Manche von euch schauen mich gerade an und denken sich: Hmm… ein Freddie ist das aber nicht. – Echt jetzt? Ohne Scheiß?“ Natürlich sei er das nicht, es gäbe schließlich nur einen „Rock God“ Freddie Mercury und dessen Erbe gelte es hier und heute zu feiern. Das sei Lamberts Job als Fan, der sich seit sechs Jahren im Line-up der Truppe fragt: „Is this the real life, is this just fantasy?“. Und diesen Job führt er fürwahr meisterlich aus. Was will man auch dagegen sagen, wenn zwei ältere Herren zigtausende bereitwillige Menschen an ihr tatsächlich umwerfendes Lebenswerk erinnern wollen? Das ist doch… okay, oder?

Mercury selbst verglich seine Songs mit Einwegrasierern – „Wegwerfpop“

Natürlich ist das eher Show als Konzert, aber ist das heute bei den Rolling Stones, bei Depeche Mode oder Guns N’ Roses entscheidend anders? Und ging es Queen zu den eigentlichen Lebzeiten nicht stets um die große Show – hatte Mercury vor seinem Ableben nicht sogar angeordnet, dass diese weiterzugehen habe? Zudem hatte die Band nie einen Hehl aus ihren kommerziellen Bestrebungen gemacht, bei allen kreativen Abenteuern und Spielen mit allen erdenklichen Genres. Mercury selbst verglich seine Songs mit Einwegrasierern – „Wegwerfpop“. Als Brian May angesichts Mercurys unmittelbar bevorstehendem Tod Bedenken hatte, seine Solosingle „Driven By You“ zu veröffentlichen, nahm ihm Mercury die Zweifel, mit der Begründung, sein Tod sei doch die bestmögliche Promo für den Song.

Sell-out-Vorwürfe ziehen bei Queen + Adam Lambert also nicht. Und doch gab es im Werk Queens immer wieder Momente tiefer Ehrlichkeit, in denen man Mercury wirklich abnahm, was er da sang. Diese Momente kann Lambert selbstredend nicht bereitstellen. Er ist Schauspieler. Bevor er 2009 mit „American Idol“ zu Ruhm gelangte, spielte er in Musicals wie „Hair“ mit – auch hier in Berlin. Jede seiner auch noch so treffsicher gesungenen Silben ist also Handwerk. Das muss einem klar sein. Doch wie sollte er auch einen zutiefst autobiografischen Song wie „The Show Must Go On“ mit der Power Mercurys darbieten, wenn er nicht dem Tod ins Auge blickt? Das kann er nicht und dafür kann man ja nur dankbar sein. Aber lasziv herumgockeln auf seinen Plateaustiefeln, das kann er, schmutzige Witze einstreuen, das kann er und den Mittelpunkt dieser Band, zu der er eigentlich nicht gehört, bilden, das kann er. So sehr May ihm auch versucht, die Schau zu stehlen, indem er beispielsweise die Menge zu einem Selfie per Stick animiert oder auf Deutsch dazu auffordert, ihm gesanglich bei „Love Of My Life“ auszuhelfen. Zu dessen Ende wird Freddie Mercury erstmals auf dem großen Screen „zugeschaltet“, live aus Wembley 1986.

Adam Lambert kann den Mittelpunkt dieser Band bilden, die sich auf die großen Hits verlässt

Die Band verlässt sich auf die großen Hits, und von denen hat sie so viele, dass gar nicht auffällt, wie viele nicht im Programm sind („Now I’m Here“, „A Kind Of Magic“, „One Vision“ etwa). Legitimation erfährt der Abend schon durch „I Want It All“, ein Song, den Mercury nicht mehr live aufführen konnte, der aber für die große Bühne gemacht ist. Den Part von David Bowie bei „Under Pressure“ übernimmt der unterschätzte Sänger Roger Taylor, zu „Bicycle Race“ fährt Lambert tatsächlich auf einem überschmückten Fahrrad umher. Der einzige Song aus Lamberts Solo-Karriere ist „Lucy“, auf dessen Studioaufnahme 2015 Brian May bereits mitgewirkt hat. Als Fan-Schmankerl wird „You Take My Breath Away“ kurz als Intro zu „Who Wants To Live Forever“ angespielt, vermengt May sein „Brighton Rock“-Solo mit seinem 1992er-Solostück „Last Horizon“. Zum ikonischen Mitklatschspiel von „Radio Gaga“ darf sogar der animierte Frank animieren. Nach dem obligatorischen Zugabendoppelschlag von „We Will Rock You“ und „We Are The Champions“ verabschiedet er sich zu den Klängen von „God Save The Queen“ grinsend vom Publikum. Das mag man albern finden, hat er doch vor 41 Jahren alle Bandmitglieder auf dem Artwork von NEWS OF THE WORLD abgemurkst. Immerhin bleibt das aber eine seltene der vielen befürchteten Überraschungen mit unnötigem Quatsch.

Hauptsache, die Show geht weiter

Womit allerdings nicht zu rechnen war: Über die Jahrzehnte aufgeladen von zahllosen Bildern zu dieser Musik, den bahnbrechenden Videos, den Konzertaufnahmen vor gigantischen Zuschauermengen, schrumpfen diese Songs live etwas – sogar in dieser riesigen Arena. Der Abend hinterlässt einen Eindruck wie die Rückkehr zur eigenen Grundschule nach 20 Jahren, wenn man verblüfft feststellt, dass das eben auch nur ein Haus ist und kein monströses Schloss. Dafür können Queen nichts, das ist rein subjektiv. So wie dieser Text, der sich dann doch dem bisherigen Konsens-Fazit anschließt: Als Tribute-Show sind Queen + Adam Lambert so gut, wie es eben geht. Wer daran kein Interesse hat, kann sich zu Hause von LIVE KILLERS umblasen lassen. Hauptsache, die Show geht weiter. Im Kopf oder vor dem Kopf.

Queen & Adam Lambert live am 19. Juni 2018 in Berlin – die Setlist:

  • Tear It Up
  • Seven Seas Of Rhye
  • Tie Your Mother Down
  • Play The Game
  • Fat Bottomed Girls
  • Killer Queen
  • Don’t Stop Me Now
  • Bicycle Race
  • I’m In Love With My Car
  • Another One Bites The Dust
  • Lucy
  • I Want It All
  • Love Of My Life
  • Somebody To Love
  • Crazy Little Thing Called Love
  • Under Pressure
  • I Want To Break Free
  • Who Wants To Live Forever
  • Last Horizon
  • The Show Must Go On
  • Radio Ga Ga
  • Bohemian Rhapsody

Zugabe:

  • We Will Rock You
  • We Are The Champions
  • God Save The Queen

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