Popkolumne, Folge 190

„Wir sind die Guten“: Warum linke oder woke Inszenierung allein in keiner Szene reicht

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Noch letzte Woche saß ich Sangria trinkend am Strand von Mallotze, dokumentierte „das ein oder andere“ auf Instagram und es kamen unzählige Nachrichten rein, von fremden Menschen so wie Freunden, aber auch von mir als Linksradikale und Feminist*innen bekannte und geschätzte Leute aus dem Internet. Es war immer das gleiche: Wie gern wäre man doch auch mal am Ballermann, heimlich natürlich, ich lebte den Traum, wäre nicht so spießig wie viele andere Linke, hahaha. 2022 ist es also edgy und sogar progressiv mit Oli.P „Angels“ und „So bist du“ im Bierkönig zu grölen, hätte ich das eher gewusst, wie viel Gelaber hätte man sich in den letzten Jahren sparen können … Naja … Es ist aber auch ein geiles Lied:

Eine Woche später dann Konzert von den Ärzten in Berlin auf dem Tempelhofer Feld. Nachdem es am Freitag wegen Unwetter ausgefallen war, wollten wir Samstag hin und das wurde dann der unangenehmere von beiden Abenden. Die Stimmung war eher mittel, die Vorband waren die Cringe-Könige von SDP („Frauen sind wie Wesen von ‘nem anderen Planeten / Es ist so wie mit Chinesen, ich hab kein Plan wovon die reden“*) und mit den Ärzten wurde es auch nicht so richtig besser. Songs lustlos runternudeln, das ist für mich vollkommen okay, aber diese facebookkommentarspaltigen politischen Ansagen dazwischen, immer abwechselnd zwischen echter Dringlichkeit und Boomer-Ironie, da wünsch ich mich doch lieber zurück zum Döpdöpdöp auf der Insel … Ich war dann Sonntag auch noch mal da, um das Samstagerlebnis auszuradieren und weil plötzlich alle möglichen Leute Tickets übrig hatten, da wurde es zumindest etwas besser. Aber auch da brachte Farin noch mal sein Sprüchlein vom vorherigen Tag: „Nazis raus“ rufen, bringe auf einem Ärzte-Konzert nichts, denn hier wären ja keine, „wir sind die Guten“. Macht nachdenklich, wenn man mal so rekapituliert, was man für Erfahrungen mit Leuten schon gemacht hat, mit denen man als einziges „Die Ärzte hören“ gemeinsam hat.

Danke, genius.com.

Es ist das alte Lied, die ewig blinden Flecken von Linken was die eigene rassistische und misogyne Sozialisierung und (Mit)-Täterschaft angeht … Auf einen Teil dieser Problematik wirft nun das von Diana Ringelsiep und Ronja Schwikowski herausgegebene Buch „Punk as F*ck – Die Szene aus FLINTA-Perspektive“ Licht. Nachdem unter dem Hashtag #punktoo schon viele der Punkszene Angehörige über ihre Erfahrungen mit misogynem Verhalten berichtet haben, beinhaltet das gerade beim Ventil Verlag erschienene Buch weitere Geschichten von Menschen und ihren Erfahrungen in der Punkszene, ob als Künstler*innen oder Fans.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Diana Ringelsiep (@punkrockana)

Die Punkszene hab ich früher immer nur aus der Ferne bewundert und ich dachte, da ist alles viel besser mit den Jungs in der Großraumdisse, bis ich gemerkt hab, dass das leider nicht ganz stimmt. Dass wir nicht einfach nur „gegen Nazis“, sondern gegen menschenverachtende Einstellungen bei allen sein müssen, daran wurde ich auch durch die sehr gute und aufschlussreiche Folge des Podcasts „Rice and Shine“ erinnert, die sich 30 Jahre später noch mal mit den Betroffenen von Rostock-Lichtenhagen beschäftigt. Die Geschehnisse damals haben gezeigt, wie schnell aus „Guten“, die „den Ausländern“ gegenüber aufgeschlossen waren, Zuschauende eines randalierenden Mobs oder Teil der ignoranten Mehrheitsgesellschaft werden können, denen es erst wenn es vorbei ist, wieder ganz doll leid tut – und sich somit danach wieder als die Guten inszenieren können.

Zum Gutsein gehört auch, bei Gegenwind dabei zu bleiben, es braucht Hartnäckigkeit. Es reicht nicht, sich als Supertyp auf eine Bühne zu stellen, während andere die Arbeit übernehmen. Weitere Empfehlung an der Stelle: die SR-Doku über Marlies Krämer, „Die sanfte Rebellin“. Krämer ist bekannt geworden, weil sie bei Behörden und Sparkasse korrekt gegendert werden wollte, weil sie als Frau sichtbar sein wollte – und nebenbei hat sie in Interviews und auf Demos noch viel mehr sichtbar gemacht, nämlich was Frauen alles so tun, wo sie arbeiten, was sie gesellschaftlich leisten. Ganz schön Punk.

Album der Woche

Jetzt zu meinem Album der Woche! Das einzige Punkgenre, dem ich in meinem Leben nämlich wirklich gefrönt habe, ist natürlich der Pop-Punk und da gibt’s ja leider keine richtige Szene zu, es sei denn früher zu Hause vor der Glotze oder heute vor Spotify gilt auch als eine Form von AZ. Ich bin jedenfalls mehr als happy, dass Pop-Punk wieder zurück ist. Ob WILLOW, Meet Me @ the Altar, Stand Atlantic oder Beach Bunny – wir ziehen die Vans an und stecken den Edding ein. Neonpink wird wieder mit schwarz kombiniert und das U wieder als V stilisiert. Und hier kommt Demi Lovato ins Spiel mit ihrem geilen neuen Album HOLY FVCK. Nach ihrem teilweise orientierungslos wirkendem Hin und Her zwischen Pop und R’n’B nun dieses Pop-Punk-Album, das so richtig rund wirkt und gut zu ihr passt und klingt, als ob sie wirklich Freude daran hat. Ein bisschen ist es auch eine Rückkehr zu „ihren Wurzeln“, zumindest werden Erinnerungen an „Camp Rock“ wach, beziehungsweise generell an die geile Disney-Pop-Punk-Ära Anfang/Mitte der Nullerjahre, als Miley Cyrus, Lindsay Lohan und Ashlee Simpson ihre geilen Debüts rausbrachten. Es empfiehlt sich auch, die im letzten Jahr erschienene Doku über Lovato namens „Dancing with the Devil“ zu gucken, die erklärt nämlich all die kämpferischen Titel auf der Platte. Anspieltipps: „Holy Fvck“, „Substance“, „Eat Me“, „Wasted“, „Feed“.

Und dann ist da noch „29“, der Song, der wenig subtil Grooming thematisiert, ziemlich offensichtlich genau das, was Lovato mit Schauspieler Wilmer Valderrama erlebt hat, als sie 17 Jahre alt war:

„Finally twenty-nine
Funny, just like you were at the time
Thought it was a teenage dream, just a fantasy
But was it yours or was it mine?“

Hier eine ziemlich eindrucksvolle Live-Version bei Jimmy Fallon:

Nach Taylor Swifts Neuauflage von „All Too Well“ und Billie Eilishs „Your Power“ nun also schon der dritte Mainstreamhit in kürzester Zeit, der sich mit dem Thema Mann-datet-Mädchen beschäftigt. Time’s up für die Leo DiCaprios dieser Welt. Der hat sich mal wieder von einer Mitte 20-Jährigen getrennt und das Internet ist voller Memes zu seiner Creepyness. Auch so ein Supertyp, der sich so voll gegen den Klimawandel einsetzt, aber privat mal wieder gar nix checkt.

Paar lustige Sachen gegen ihn:

@natsingssongs since we’re talking about Jake we might as well bring up Leo ✨💕 #jakegyllenhaal #yourloversstaymyage #songwriter #celebritiesfacts ♬ original sound – Natalie Burdick

… und natürlich diese sehr gute Grafik von Reddit (vom Account dataisbeautiful):

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

ME

Bleib zuhause im Sommer: 9 Tipps von Linus Volkmann für den Halbschatten
Weiterlesen