Andreas Dorau  Das Wesentliche  


Tapete/Indigo (VÖ: 7.6.) 

Man braucht vermutlich eine Weile, um das Wirkprinzip dieser Platte zu verstehen, wenn man nicht weiß, was Dorau 2017 auf dem Berliner „Pop-Kultur“-Festival angestellt hat: „Der Refrain – Abend ohne Strophen“ hieß die Veranstaltung, die er seinerzeit bestritt. Wenn man das weiß, ist diese Platte selbsterklärend, 15 Songs treten die Beweisführung an, dass weniger manchmal mehr ist – und halten sich doch ein Hintertürchen offen.

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Denn zwar ist es tatsächlich so, dass Dorau auf Strophen und Bridges fast vollständig verzichtet. Aber er weiß natürlich, dass so ein Verzicht nicht ganz ungefährlich ist, weil absolute Eingängigkeit schnell einfältig wird. So hat er all das, was er weggenommen hat, den Stücken an anderer Stelle wieder angefügt. Er packt die Refrains so voll mit kleinen Sound-Ideen, mit Perkussion und Bass, Synthies, Klavier, Kammerpop, Disco, Background-Gesängen, dass die bisweilen so wirken, als ließe jemand 40 Popsongs und Schlager aus dem Zeitraum von 1953 bis 1988 gleichzeitig laufen.

Bisweilen führt dieser Widerspruch aus An-die-Essenz-Gehen und Maßlosigkeit beim Hören zu einem Gefühl der Überforderung. Andererseits: Häufig ist man bass erstaunt darüber, wie schnell man sich an solche strukturellen Veränderungen gewöhnt. Das mag mit den anderen Sounds der Gegenwart zu tun haben, mit Jingles, Soundtracks von Handyspielen, Klingeltönen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass einige Songs sehr kurz sind, „Dinge können sich ändern“ etwa oder „Instant Magic“ dauern keine eineinhalb Minuten, „Vielleicht“ schafft es nur auf eine. Schöner ist’s, wenn Dorau die Songs zumindest in Sachen Länge an unsere Hörgewohnheiten ankettet. „Naiv“, es erinnert an Doraus großen Hit „So ist das nunmal“, zieht sich etwa über dreieinhalb Minuten, jeder Moment davon ist wunderbar.  

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