Bonaparte My Horse Likes You


Rough Trade 4. Juni 2010

von

Zu hören sind stolpernde Gitarren und holpernde Beats. Zu sehen alte Uniformen und bunt gefärbte Haare. Und zu riechen der Muff vom Theaterfundus und der Staub auf dem Gesamtkunstwerk.Es mag auf den ersten Blick nicht danach aussehen. Aber Bonaparte sind die Zukunft. Nicht die eine Zukunft, aber doch eine mögliche. Denn Bonaparte schöpfen im einzelnen aus der Vergangenheit, versorgen damit aber sämtliche Sinne und sind mithin in der Lage, alle relevanten Kommunikationskanäle zu bedienen. MY HORSE LIKES YOU ist zwar erst das zweite Studio-Werk des Kollektivs um den in Berlin lebenden Schweizer Tobias Jundt. Zuvor hatte das inhaltlich wie personell ausufernde Projekt bereits ein Live-Album und eins mit Remixen veröffentlicht und sich vor allem und in erster Linie einen Ruf als Bühnenereignis erspielt. Zum Konzept gehört es, dass die Musik, die bekanntermaßen heute kaum mehr zu verkaufen ist, nur Teil eines umfassenden Bonaparte-Portfolios darstellt, gleichberechtigt neben Auftritten, visuellem Erscheinungsbild und dem kunsttheoretischen Hintergrund. Bonaparte sind weniger eine Band als ein Event, das – und hier beginnt endgültig die Moderne – in jederzeit verschiedenen Aggregatzuständen denkbar ist, je nach Bedarf als kleine Eingreiftruppe auftauchen kann oder als vielköpfiger Zirkus, als intime Strip-Show oder großangelegte Inszenierung, ebenso geeignet für den Club wie für die Theaterbühne, für traditionelle und digitale Medien. Kurz: der perfekte content für die schöne neue Welt.Daneben verblasst erst einmal, aber wohl notgedrungen, die Musik. Weswegen MY HORSE LIKES YOU beim ersten Hören wirkt wie eine Blaupause, die es auf der Bühne erst noch mit Leben zu füllen gilt. Doch schnell und auch ohne visuelle Ergänzung funktioniert die Verbindung zwischen Indie-Rock und Electro-Beats ganz vorzüglich, weil das eine so schön rumpelt wie das andere bereitwillig scheppert, der Punk aber nur als Attitüde anwesend ist. Vor allem aber, weil gerade das Skizzenartige seinen eigentümlichen Reiz entwickelt.Wie beiläufig werden Ideen im Dutzend hingeworfen: Ein fröhlicher Rhythmus vom Jahrmarkt, ein knarzendes Gitarrenriff aus dem Bluesrock-Fundus, ein schabendes Sample aus der Maschinenwelt, eine quakende Plastiktröte. Alles scheint möglich: Billigtechno und New Wave, Kirchenmusik und Kurzhörspiel. Die Wege sind kurz zwischen Kinderzimmer und Tanzboden, zwischen Ballermann und Gotteshaus. Selten wohl hat man ein Album gehört, das seine musikalischen Widersprüche so rücksichtslos zusammenschweißt und gerade deshalb damit Erfolg hat.Diese Bühne nutzt der selbstgekrönte Kaiser, um seine so genannte Hedonisten-Armee aus bis zu zwei Dutzend Neuseeländern, Österreichern, Brasilianern, Panamesen, Deutschen, Polen und Franzosen mit Parolen zu versorgen. Man weiß zwar nie so recht, wie ernst Tobias Jundt meint, was er da bisweilen etwas quäkend, aber immer sehr überzeugt singt. So surreal die Texte auch gehalten sind, nutzen sie doch geschickt den Spielraum zwischen ironischer Distanzierung und reinigendem Selbsthass.Jundt regt sich auf über vegetarische Besserwisser und beklagt kurz darauf den zum Schlachtfeld degradierten Körper. Er singt von verliebten Computern, von modernen Krankheiten, er weiß angeblich, wie es ist, ein Baby mit sich selber zu kriegen. Er diagnostiziert „Wir sind keine Menschen“ und befiehlt „Boycott Everything“. Was beliebig sein könnte wird zusammengehalten vom Hedonismus, den Jundt als Grundlage des Gesamtkunstwerks Bonaparte entwickelt hat. Der ist allerdings weit entfernt von jener spätrömischen Dekadenz, die ausgerechnet unser Außenminister diesem Land unterstellt. Zwar sind Bonaparte Unterhaltung, also eskapistisch, aber der Fluchtreflex führt dann wieder in ein Zeichensystem, das sich zurückbezieht auf die Welt, die man eigentlich verlassen wollte. Dieser Hedonismus denkt die Welt mit, aber übergibt dem Individuum seine Freiheit, daraus Konsequenzen zu ziehen. Das klingt doch wie eine halbwegs zukunftsfähige Haltung.


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