David Crosby For Free


BMG/Warner (VÖ: 23.7.)

von

Ausgerechnet den Titelsong seines neuen Albums hat David Crosby nicht selbst geschrieben. Es ist ein Stück von Joni Mitchell, das er ins Zentrum von FOR FREE stellt, und das hat seinen Sinn. In dem Lied wird beschrieben, wie der/die Icherzähler*in an einer lärmigen Ecke in einer dreckigen Stadt einen Straßenmusiker beobachtet, der im Gegensatz zu ihm/ihr kein Vermögen mit der Musik verdient hat, der niemals im Fernsehen auftreten wird und auf den keine schwarze Limousine nach dem Auftritt wartet und erst recht keine Menge, die Zugaben fordert. Aber: „He played real good – for free.“

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Diesen schönen Moment der Erkenntnis lässt David Crosby einfach so stehen, wenige Sekunden später trudelt der Song aus. Und man merkt nicht nur diesem Augenblick, sondern dem ganzen Album an: Diesen Zustand des In-sich-Ruhens, des nahezu buddhistischen Nichts-mehr-Wollens, bloß ein bisschen Musik machen, hat der mittlerweile 80-Jährige auch erreicht.

Weil er will, nicht weil er muss

So spielt er nun also mit seinem Sohn James Raymond, der auch produziert hat, und Gästen wie Donald Fagen oder Sarah Jarosz einfach noch mal ein paar schöne Songs ein. Songs wie „River Rise“ oder „Shot At Me“, die man gerne auch von der Originalbesetzung von Crosby, Stills, Nash & Young gehört hätte. Oder „I Think I“, dessen sich gegenseitig umschlingende Harmoniegesänge einem einen guten Hinweis darauf geben, von wem Haim eine Menge gelernt haben.

Klar, auf FOR FREE wird kein Rad neu erfunden, findet keine Neuorientierung statt, kein Ausprobieren, aber zuzuhören, wie jemand so zufrieden und selbstbewusst seine Musik spielt, weil er will, nicht weil er muss, weil es das ist, was er eben gut kann, und nicht, weil er etwas beweisen muss, das ist schon sehr schön.


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