Album der Woche

Irreversible Entanglements Open The Gates


Don Giovanni/International Anthem/Indigo (VÖ: 26.11.)

von

„Open the gates, it’s energy time“: Die Stimme, die den so unwiderstehlich anrollenden Jazzsong auf dem dritten Album von Irreversible Entanglements anführt, gehört der Irritationskünstlerin und Dichterin Camae Ayewa alias Moor Mother. Hier fährt sie sieben Tracks und mehr als 70 Minuten lang aus der Haut, in Wortreihen von biblischer Kraft, voller Bilder und manchmal voller Sanftmut.

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Vom Dancefloorputsch „Open The Gates“ zu Beginn bis zur 20-minütigen „Water Meditation“, in der von Heilung die Rede ist. Diese Wassermusik könnte ebenso gut eine Vertonung des gleichnamigen Romans von T.C. Boyle sein wie die Inklangsetzung eines postapokalyptischen Szenarios, das einer menschengemachten Katastrophe folgt. Jetzt stolpert ein Akustikbass über eine verseuchte Klangsteppe, Synthesizer erinnern an Gewehrsalven, oder ist das doch ein Sample aus einem Hollywoodballerblockbuster?

Über allem steht die Lust an der Erforschung der Extreme

Moor Mother meldet sich aus dem Zentrum der Irritation: „Water me / If you know a woman, then you know a thing about the water / Water me / Water me, love, the revolution.“ Die Band, die neben Moor Mother aus Trompeter Aquiles Navarro, Drummer Tcheser Holmes, Saxofonist Keir Neuringer und Bassist Luke Stewart besteht, entwirft hier auch ein Kaleidoskop der Black Culture, dessen Fäden in den Afrofuturismus, in Tradition und Avantgarde reichen.

Das darf dann auch daran erinnern, dass Jazz einmal der Soundtrack einer emanzipatorischen Bewegung wie des Civil Rights Movements war, dass Sound auch Einmischung sein kann. Über allem steht aber die Lust an der Erforschung der Extreme. Die Poltergeister aus ihren bösen Träumen haben sie gleich mit aufgezeichnet. Moor Mother kühlt die Seelen, hält für einen Moment dagegen: „We are sounding for peace“. Davor und danach: Soundsplitter, Saxofon-Drones, dumpfe Trommeln.


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