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Jochen Distelmeyer Songs From The Bottom Vol. 1

Four Music/Sony

von

Die offizielle Entstehungsgeschichte zu dieser Platte erzählt davon, wie Jochen Distelmeyer auch auf seiner „Otis“-Lesereise immer wieder zur Gitarre gegriffen hat. Er spielte englischsprachige Coversongs. „Toxic“ von Britney oder Lanas „Video Games“ zum Beispiel. Popstoff. Aber auch Kaliber: Kris Kristofferson, Roddy Frame, Nick Lowe. Diese Interpretationen seien so gut angekommen, dass man ihn dazu gedrängt habe, sie aufzunehmen. Dass eine Platte mit geläufigen Tunes sicherlich auch hilft, seinen Bekanntheitsgrad wieder auszubauen, nachdem Buch und Soloalbum (HEAVY, 2009) nicht so dolle gelaufen sind, gehört zum inoffiziellen Teil der Vorgeschichte.

Allerdings ist SONGS FROM THE BOTTOM VOL. 1 hervorragend geeignet, solche Nebengeräusche auszublenden. Denn hier gibt’s nur den Sänger und seine Gitarre (with „additional Guitars, Piano & Organ“). Eine Back-to-the-Roots-Liaison, die im Video zu „Toxic“ dermaßen unironisch in der mit Analog-Gerät ausdrapierten Liedermacher-Stube in Szene gesetzt wurde, dass man beinahe lachen musste. Aber das ist ja schon wieder Nebengeräusch. Beiseite mit dem Bewegtbild (sic!) – Augen zu und durch! Lauschen wir dem großen Gleichmacher. Der, ja schon seit Jahren, im Pop unabhängig von Stamm und Zunft etwas Zeitloses sucht, zu Herzen gehende Melodien und Zeilen, so simpel. Und der dank seiner Stimme in der Lage ist, sie zu seinen zu machen.

Trotz dieser kleinen Manierismen, die den Sänger Distelmeyer manchmal fast pedantisch klingen lassen, kann sie einen genau dort treffen, wo einen sonst nur Schmetterlinge und Schiffsschaukel-Kitzel kurz vor dem Überschlag besuchen kommen. Und so pfeift sich der Jochen eins (lustig? – nein, fromm) auf die Streichermelodie der „Bitter Sweet Symphony“, stimmt zum Fingerpicking dermaßen zart in „Turn Turn Turn“ ein, dass in diesem Moment alle 101 Coverversionen vergessen sind, die einem die 102. verleiden könnten. Und er kann einen Avicii-Song („I Could Be The One“) so vortragen, dass man sich fragt, ob das noch ein nachgeschobenes, allmählich verwehendes Outro zu Radioheads „Pyramid Song“ von vor fünf Minuten ist.

Man kann sich aber auch fragen, was das alles soll. Manifestiert sich hier die Auflösung der Hamburger in die Ein-guter-Song-muss-auch-allein-auf-der-Lagerfeuergitarre-bestehen-Schule? War damit alles umsonst? Und wie ist das mit der möglichen Avantgardisierung von Popmusik (siehe ME 1/2016), der voranzutreibenden Aufbrechung von Strukturen, der Hoffnung, dass es journeys into sound gibt, die bislang noch niemand angetreten hat? Wofür sollte das alles gut sein, wenn der, der uns am Ende richtet, nicht nur aussieht wie Rick Rubin – sondern auch Rick Rubin heißt?

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