Medeski Martin & Wood: Combustication (Kritik & Stream) - Musikexpress

Medeski Martin & Wood Combustication


von

Man kann dieses Geräusch nicht aufschreiben. Etwas wie ein „A-a-a-aha-aah“, ein gackerndes Lachen, metallisch, mit einem gescratchten Schluckauf in der Mitte. Wie ein Jingle, der verkündet: Damen und Herren, hier sind

Medeski Martin & Wood

, und wir werden nun völlig durchdrehen.So beginnt

COMBUSTICATION

, das Album, das – ausgerechnet! – Medeski Martin & Woods Debüt auf dem altehrwürdigen Blue Note-Label markierte. Das New Yorker Trio hatte zu dem Zeitpunkt schon ein paar Platten lang Groove-verliebten Soul-Jazz in der Tradition Jimmy Smiths gemacht, bekiffte Jam-Sessions in ihrer hawaiianischen Hütte, ekstatische Hammond-Orgel-Improvisationen, die Jazz und Funk endlich wieder aus dem Weißbiertrinker-Ghetto holten. Als Wenigjazzhörer hatte man

Medeski Martin & Wood

zum ersten Mal im Film „Get Shorty“ mitbekommen, mit dem brodelnden Orgel-Grunge „Chubb Sub“, einem schwindeligen Instrumentalexzess, der sofort süchtig machte. Die frühe Wohlfühlphase in der Laufbahn John Medeskis, Billy Martins und Chris Woods endete mit der John Scofield-Kollaboration A GO GO, der einzigen Platte der Welt, die man bis zum Ende seines Lebens täglich hören könnte, ohne dass sie einem jemals auf die Nerven gehen würde.1998 hat es bei

Medeski Martin & Wood

irgendeinen Schalter umgelegt, kaum waren die drei im warmen Schoß von Blue Note Records angekommen, warfen sie alle Traditionalismen über Bord, zerhauten die alten Jazzfunk-Schablonen, kehrten dem gemütlichen Hawaii endgültig den Rücken und stürzten sich ins nervöse, pulsierende New York.

COMBUSTICATION

ist HipHop und elektronische Musik, Experiment und Avantgarde und damit Jazz in seinem ursprünglichen und besten Sinn. Billy Martin verschleppt mutwillig seine einst so zappeligen Grooves, DJ Logic scratcht krude Samples in das Durcheinander, John Medeskis Orgel (oder was er in seinem Instrumentenlabor daraus gemacht hat) macht Geräusche wie der Wind in der Lüftung eines Fiat Punto bei 160 auf der Autobahn. „Sugar Craft“, „Start Stop“, „Nocturne“ klingen wie Dosenwerfen, Katzengeschrei und defekte Elektrogeräte, der alte Orgeljazz ist nur noch in Versatzstücken vorhanden, die aber umso wirkungsvoller zünden, da sie jetzt ganz unerwartet aus dem Off auftauchen.

COMBUSTICATION

ist ein irrer Bastard aus uralten, brenzlig gegenwärtigen und nie dagewesenen Soundimpulsen, Alternative Jazz, der Soundtrack zu einer Zukunft, die so nur in den verspulten Hirnwindungen seiner Macher existieren kann. Konsequenterweise folgte auf das Album eine Remix-EP mit Beiträgen von Yuka Honda, Guru und Bill Laswell. Danach nahmen

Medeski Martin & Wood

die fast unhörbare genialische Kakophonie THE DROPPER auf, die ganz schnell in den Tiefen der Plattensammlung verschwand. Womöglich war die Zeit einfach noch nicht reif dafür.

Michael Wopperer – 08.11.2007

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