Spezial-Abo

Mitski Be The Cowboy


Dead Oceans/Cargo (VÖ: 17.8.) 

von

Wie jede gute Songwriterin ist Mitski Miyawaki die Beobachterin, die ihren Blick nicht nur auf die Außenwelt richtet, sondern auch feinfühlig ist beim Hineinhorchen ins eigene Ich. Eines der zentralen Themen der gebürtigen Japanerin ist dabei das der Identität: Dieses komplexe System aus Gruppenzugehörigkeiten und damit verbundenen Ängsten und Sehnsüchten beschäftigt Mitski schon seit vier Alben, auf denen sie sich vom klassischen Folk zum kunstvollen Indie-Rock vorgetastet hat.

Mitski – Geyser (Official Video) auf YouTube ansehen

Größere Kreise zog sie 2016 mit PUBERTY 2, einer Abhandlung über die „nachgeholte“ Pubertät einer jungen hin und her gerissenen Frau, die sich selbst als „halb japanisch, halb amerikanisch, aber nichts so richtig“ beschreibt. Für ihr neues Album hat sie sich eine neue lyrische Identität zugelegt: Immer noch ist sie (Selbst-)Beobachterin, diesmal aber in der Hülle einer kühlen, kontrollierten, trotzdem fühlbar traurigen Frau, die das versucht, was der Titel überschreibt: BE THE COWBOY. Auf die Welt blickt sie wie von einer staubigen Veranda aus.

🛒  Mitski – Be the Cowboy jetzt bei Amazon.de bestellen

Mit ihrer Musik macht Mitski aus Einsamkeit eine Stärke

Aber Mitski wäre nicht Mitski, wenn sich hier in aller Einsamkeit nicht eine Menge Gefühle angestaut hätten, die sich – wie im Opener „Geyser“ klargestellt wird – nicht mehr unter der Oberfläche halten lassen. Der Sound dazu ist verhaftet in 90er-Indie-Rock, trocken und rau, ohne viele Vokal- und Harmonieschichten, aber immer originell im Umgang mit benachbarten Genres wie Ambient und Pop. Erstaunlich ist an „Geyser“ auch die Songstruktur: drei verschiedene Hooks, die Mitski langsam aufbaut, zusammenfügt und mit bedrohlichen Klängen versetzt, um am Ende alles in einem Strudel aus Gitarren und Geigen zu versenken.

Und es folgen ja noch die restlichen 13 Songs: wehmütige Balladen, die zu Rockern werden, wie das tolle „A Pearl“. Oder die Sad-Cowboy-Disco „Nobody“, die so oft die Tonart wechselt, dass man fast vergisst, dass es hier um ein bedrückendes Szenario geht: „Venus, planet of love, was destroyed by global warming. Did its people want too much too?” Mit ihrer Musik macht Mitski aus dieser Einsamkeit eine Stärke.

Mitski – Two Slow Dancers (Official Lyric Video) auf YouTube ansehen
🛒  Mitski – Be the Cowboy jetzt bei Amazon.de bestellen
ÄHNLICHE KRITIKEN

Liz Phair :: Soberish

Auf ihrem ersten Album seit elf Jahren setzt die Singer/Songwriterin auf prächtigen Pop.

Ozan Ata Canani :: Warte mein Land, warte

Der Gastarbeitersohn sang als erster Migrant auf Deutsch. Nun endlich erscheinen die Lieder des Singer/Songwriters, die viel mehr sind als...

Tuvaband :: Growing Pains & Pleasures

Obacht, Romantik! Die norwegische Singer/Songwriterin lässt – Achtung, Klischee! – traumverlorene Melodien übers angefrorene Moos huschen.


ÄHNLICHE ARTIKEL

Ed Sheeran gibt Hinweise auf ein neues Album

Ed Sheeran hat sein aktuelles Album im Jahr 2019 in Zusammenarbeit mehrerer Musiker*innen herausgebracht. Nun kündigt der Sänger indirekt eine neue, eigene Platte an.

Stream: Julia Jacklin veröffentlicht Weihnachtstrack „baby jesus is nobody’s baby now“

Julia Jacklin schrieb den Song bereits Ende 2019 – mit einem hoffnungsvollen Blick auf das kommende Jahr.

Nach sechs Jahren: Thees Uhlmann kündigt neues Album „JUNKIES UND SCIENTOLOGEN“ an – man achte auch auf die Songtitel

„Wer also auf Songs wartet, die „Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach Hip Hop Videodrehs nach Hause fährt“, oder „Was wird aus Hannover“ oder „Avicci“ oder „Immer wenn ich an dich denke, stirbt etwas in mir“ oder eben „Junkies und Scientologen“ heißen... Der wartet hier bei mir und mit mir genau an der richtigen Straßenkreuzung, Ecke New Record Street / Fame Avenue.“


„NEVER FORGET – der 90er-Podcast“, Folge 14: Emo feat. Jan Schwarzkamp
Weiterlesen

3 Monate MUSIKEXPRESS nach Hause

Grafik Abo 3 Ausgaben für 9,95 €