Morrissey WORLD PEACE IS NONE OF YOUR BUSINESS


Capitol/Universal

Als Morrissey kürzlich zum vierten Mal in eineinhalb Jahren ein Konzert absagte, kam der lustigste Kommentar aus dem Internet: „Yum. Ham Sandwich“, schrieb ein enttäuschter Ticket-Besitzer auf Facebook. Mit nichts kann man Morrissey besser ärgern als mit Fleischverzehr. In Dresden ließ er ein Konzert absagen, weil es im Alten Schlachthof stattfinden sollte. Längst ist er zum Axl Rose des Indie-Rock geworden. Doch seine Fans lieben ihn ja gerade für seine Divenhaftigkeit und seine vehement vertretenen Meinungen, mit denen er auch auf seinem zehnten Solo-Album nicht geizt: „I’d never kill and I would never eat an animal“, beteuert er auf „I’m Not A Man“. Auch Stierkämpfe sind ein rotes Tuch für ihn: „Hooray, hooray, the bullfighter dies. And nobody cries, because we all want the bull to survive“, jubiliert er im Refrain von „The Bullfighter Dies“.

30 Jahre nach dem Debütalbum der Smiths erfindet sich Morrissey nicht mehr neu. Der Albumtitel zeigt, dass dem 55-Jährigen immer noch griffige Bonmots einfallen, die Kernaussagen seiner Texte kann man mittlerweile aber auswendig herunterbeten: Regierungen sind böse („World Peace…“), die Menschen abscheulich („Mountjoy“) und „Sex is not the same as love“ („Smiler With A Knife“). Die einzige „Innovation“: Dieses Mal hebt Morrissey seine Themen auf eine globale Ebene. Es geht um Weltfrieden und um den brutalen Planeten Erde. „Brazil and Bahrain. Oh, Egypt, Ukraine, so many people in pain.“ Da ist es nur schlüssig, dass sich auch Anklänge von Weltmusik in die Songs schleichen: ein Akkordeon unterbricht „Earth Is The Loneliest Planet“, eine Flamenco-Gitarre durchfährt „Staircase At The University“. Das alles hört sich weniger schlimm an, als man vermuten würde. Mit Jesse Tobias und Boz Boorer hat Morrissey Musiker in seiner Band, die ihm ein paar solide Songs geschrieben haben. „The Bullfighter Dies“ ist ein eingängiger Zweiminüter, das theatralische „I’m Not A Man“ motiviert Morrissey zu einer großartigen, musicalhaften Gesangsleistung. Und „Smiler With A Knife“ ist fast so schön wie „Asleep“ von den Smiths.

Leider verpasst Produzent Joe Chiccarelli der Platte einen Rocksound, der ihr nicht gut bekommt. Einmal singt Morrissey in „Kick The Bride Down The Aisle“ sanft: „You’re that stretch of the beach, that the tide doesn’t reach“. Harfen flirren, Glocken bimmeln. Und kurz sieht man den Sänger da stehen, auf diesem verlassenen Abschnitt des Strandes, einsam und traurig wie Lana Del Rey. Doch gleich darauf fährt die Rockgitarre dazwischen und zerstört den Moment.

So ist WORLD PEACE … wie viele späte Morrissey-Platten: eingängig, aber grobschlächtig. Routiniert und irgendwie emotionslos. Laut Jesse Tobias sind aus den Sessions genug Songs für ein weiteres Album übriggeblieben. Hoffentlich hat sich Morrissey die besseren aufgespart. Und hoffentlich produziert sie beim nächsten Mal jemand, der ein besseres Gespür dafür hat.


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