Paul Simon :: The Capeman

Paul Simon hat ein Musical geschrieben. Was lag näher, als sich das Schicksal des 16jährigen puertorikanischen Doppelmörders Salvador Agron zum Thema zu setzen, der 1959 in New York zum Tode verurteilt wurde? Nichts. Schließlich kauft die weiße, wohlständige Mittelschicht der Ostküste alles, was auch nur entfernt nach sozialem Engagement riecht. Weil Simon ein Intellektueller ist, beschränkt er sein musikalisches Polaroid der 50er auf die Musik eben dieser Zeit-. Gospel, DooWop, Latin, Bossanova und ein bißchen R’n’B. Simon hat das melancholische HEARTS & BONES aufgenommen, das pulsierende GRACELAND und das hypnotisch-perkusssive Meisterwerk RHYTHM OF THE SAINTS. Wer nicht dem Pop-Appeal dieser Juwelen erlag, den zog die Sensibilität an, mit der Simon seine kleinen pastellenen Gemälde malte. Auf THE CAPEMAN badet dieser Songwriter von höheren Gnaden dagegen knietief in Klischees. Wohl ist die Stimme geblieben, diese mollgebrochene Intonation. Doch wie zum Teufel kommt er dazu, lyrischen Dünnschiß wie „he came from Puerto Rico, it was so cold in New York“ zu produzieren? Gar nicht, denn dafür zeichnet der Literatur-Nobelpreisträger (!) Derek Walcott verantwortlich. Sehr routiniert und reichlich uninspiriert ist dies die enttäuschendste und banalste Platte, die Paul Simon seit ONE TRICK PONY (1980) aufgenommen hat. Weil wir ihn aber lieben, werden wir brav sein und warten, bis er uns wieder etwas zu erzählen hat.

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