Album Der Woche

PJ Harvey The Hope Six Demolition Project


Island/Universal

von

Um zu neuen Ergebnissen zu gelangen, greifen Künstler zu anderen Werkzeugen und Materialien, recherchieren auf neuen Themengebieten. In Rock und Pop gilt das vielleicht nicht für Status Quo oder Scooter, für PJ Harvey aber ganz bestimmt. Die setzte sich bei WHITE CHALK ans Klavier – neues Land für Polly. Sie entwarf für die Kriegsplatte LET ENGLAND SHAKE ein umfassendes Konzept, das sich in ihrer Anlehnung an die britische Volksliedtradition auch musikalisch fortsetzte.

Für THE HOPE SIX DEMOLITION PROJECT, ihr neuntes Album, hat sie sich mit Seamus Murphy auf Reisen begeben, durch den Kosovo, nach Afghanistan und in die Hauptstadt der USA, Washington. Er filmte und fotografierte, sie notierte Eindrücke, Stimmungen, Stimmen. Als Erstes entstand daraus ein Bild-und-Gedichtband, jetzt bildet das Material die Grundlage für PJs Platte und Musikvideos. Dass sich dabei jemand wie der „Washington Post“-Journalist Paul Schwartzman instrumentalisiert fühlt, weil er weder wusste, wen er da in seinem Mazda durch die „roughest neighborhoods“ fuhr, noch dass seine Ausführungen in einem Song zitiert werden würden („The Community Of Hope“), mag das Vorgehen der beiden in einem seltsamen Licht erscheinen lassen. Aber es sagt nichts über die Qualität ihrer Arbeit aus. Zusätzlich mutet die von PJ gewählte Methodik auf den ersten Blick akademisch und wenig empathisch an. Denn nur selten verlässt sie ihre beinahe journalistische Perspektive.

In seltsamer Konsequenz dient eine Standortbeschreibung wie „Near The Memorials To Vietnam And Lincoln“ dann als Songtitel und Gospelrefrain. Das Stück „Dollar, Dollar“ kreist um das Gesicht eines bettelnden Jungen, der Polly in einem Verkehrsstau in Afghanistan bedrängt. Und auch hier beschreibt sie nur, sie wertet nicht. Dieses Album spricht seine Fragen nur selten aus, es stellt seine Beobachtungen und damit letztlich die Gegensätze unserer Welt nebeneinander. Ratlosigkeit ist ein durchaus gewolltes Gefühl.

Aber da ist ja auch noch die Musik. Die ist nicht akademisch. Sie packt einen. Polly, John, Mick und der Rest nahmen zusammen Songs auf, die vom Folk über den Gospel und den Blues bis hin zum durchaus schroffen, rumpelnden und manchmal sehr sympathisch schrammeligen Rock vor allem nach gemeinsamem Musizieren klingen. Es scheint, als hätte man hierfür sogar Abstriche im Sound in Kauf genommen. Und doch klingt die Platte nicht nach Session-Rock, dafür setzt sie ihre Mittel zu sensibel und dezidiert ein. Eine Orgel, eine kreiselnde Spukgitarre, ein Schlagzeug, das immer nur das Notwendigste spielt. Vor allem dieses mächtige, oft unberechenbare Saxofon nimmt uns in seine Gewalt.


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