Sicario Regie: Denis Villeneuve, USA 2015


1. Oktober 2015

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Wer in den letzten Wochen Don Winslows „Das Kartell“ gelesen hat, und das dürften einige sein, dem muss man nicht groß erklären, was das ist, ein Sicario. Winslows epischer Roman über die Vergeblichkeit des amerikanischen Drogenkriegs ist randvoll davon: Auftragskiller, die ihre blutige Arbeit im Dunstkreis der Mächtigen im Geschäft mit maximaler Finalität verrichten. Der Winslow-Vibe strömt freilich auch durch jede Pore des neuen Films von Denis Villeneuve, von der ersten Szene in der schmucklosen Hütte irgendeiner sandigen Vorstadt in Arizona, wo ein Kartell Leichen hortet, bis zum Showdown in einem der undurchsichtigen Tunnellabyrinthe, die den Drogen- und Menschenschmuggel von Mexiko in die USA ermöglichen.

Es ist, als wäre das albtraumhafteste Gemälde von Hieronymus Bosch zum Leben erwacht und würde seine miese Existenz in diesem tristen Grenzgebiet fristen, wo jeder noch so gut gemeinte Einsatz doch nur ein Tropfen auf den heißen Wüstensand ist: Zisch – und schon geht das Morden und Abschlachten unvermindert weiter. In Cannes, wo der Film im Mai seine Weltpremiere feierte, nörgelte man, „Sicario“ sei zu viel Thriller und zu wenig Ursachenforschung mit Blick auf den Drogenkrieg. Sollen sie Tortillas essen und Dokus gucken und von mir aus Winslow lesen (nie falsch). Aber Villeneuve will nicht belehren oder unterrichten, sondern Kino machen, das den Puls beschleunigt und einem den Atem raubt, das berauscht und elektrisiert. Vor zwei Jahren hat er mit seinem Entführungskrimi „Prisoners“ schon einmal gezeigt, wie man die Regel des Genrefilms so weit dehnen kann, dass die Bilder eines Verbrechens die Innenwelt einer privaten Hölle widerspiegeln.

Ja, seine Geschichte ist simpel und seine Tricks sind offensichtlich. Aber der Kanadier ist eben auch smart: Einerseits reiht sich „Sicario“ ein in die Ahnenliste von Filmen über entschlossene Frauen, die sich in Männerwelten doppelt behaupten müssen, wie „Das Schweigen der Lämmer“ und „Zero Dark Thirty“ – und Scheiße, Emily Blunt ist dabei mindestens so gut wie Jodie Foster oder Jessica Chastain. Andererseits ist die vermeintliche Vertrautheit ein grandioser Deckmantel: Ja, es geht darum, dass Blunt in der Rolle einer Drogenpolizistin, die plötzlich mit den großen Jungs von FBI und CIA spielt, sich in eine ihr fremde Welt vortastet. Eigentlich ist unsere Heldin, mit der wir leiden und bangen, nur ein Rädchen im großen Getriebe, ein Spielball finsterer Junge wie den von Josh Brolin und Benicio del Toro gespielten. Und dieser sinnlose Wahnsinn ist vielleicht das stärkste Sinnbild für den War on Drugs: Zisch – und weg.

mit Emily Blunt, Benicio del Toro, Josh Brolin


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