Album der Woche

Swans The Glowing Man


Mute/GoodToGo

von

Es gibt einen sehr intimen Moment auf dem 14. Studioalbum der Swans. Er ist fünf Minuten lang und darf angesichts der 120 Minuten Gesamt­spielzeit des Albums ruhig als Moment bezeichnet werden. In „When Will I Return?“ singt Jennifer Gira, Ehefrau von Bandchef Michael Gira, über ihr Trauma als Opfer körperlicher Gewalt und ihre Versuche, darüber hinwegzukommen. „When Will I Return?“ beginnt mit akustischer Gitarre, langsam und schleppend, und steigert sich zu einem choralartigen, mittelstarken musikalischen Orkan.

Der Song steht stellvertretend für den verdichteten Sound der „neuen Swans“ seit ihrer Wiederauferstehung im Jahr 2010. Noise und Experimente, laut und leise stehen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander, während die New Yorker Band in ihren früheren Inkarnationen schmerzhaften, chaotischen Lärm veranstaltete, was natürlich ein Privileg der Jugend ist. Michael Gira ist 62 Jahre alt und ein anderer Mensch als vor 30 Jahren. Und vielleicht bringt das Alter die Erkenntnis mit sich, dass der Lärm besser zu erkennen ist, wenn er aus der Ruhe erwächst.

Gira benutzt auch auf THE GLOWING MAN Dynamik als Waffe wider die Gleichförmigkeit. Exemplarisch nachzuhören ist das im gut 25 Minu­ten langen „Cloud Of Unknowing“. Da umkreisen sich abstrakte, atonale Klangfragmente minutenlang, bevor sie sich zu Mount-Everest-hohen Noisegebirgen formieren, um dann in eine fast meditative Stimmung überzugehen, die wiederum in die stampfende Monotonie der frühen Swans mündet.

Einige Songs des neuen Albums wurden schon auf früheren Tourneen gespielt, das fast 30-minütige Titelstück zitiert aus „Bring The Sun“ vom letzten Swans-Album, TO BE KIND. Alles steht in Verbindung zueinander, das passt zu der ganzheitlichen, fast reli­giösen Erfahrung, die Swans-Musik erzeugen kann, wenn man sich nur auf sie einlässt.

THE GLOWING MAN ist laut Michael Gira das letzte Album der Swans in ihrer gegenwärtigen Inkarnation. Er weiß sehr gut, dass die letzten Alben: THE SEER, TO BE KIND, THE GLOWING MAN eine Trilogie ergeben, die zum Besten gehört, was die Band seit ihrer Gründung im Jahr 1982 geschaffen hat. Es wird weiter Swans geben, nur weiß niemand, wie die klingen werden – nicht einmal Michael Gira selbst.


ÄHNLICHE KRITIKEN

Swans :: Leaving Meaning

Postpunk: Swans treten in eine neue Phase ein, lassen die gewaltigen Wall-of-Sounds hinter sich, um milder zu klingen.

Swans :: To Be Kind

Die Noise-Experimental-Rock-Veteranen verweigern sich erneut jeglicher Altersmilde.

Swans :: The Seer

Michael Gira und seine Experimental-Noise-Rocker destillieren ihre Geschichte und bringen ein Opus magnum hervor. 


ÄHNLICHE ARTIKEL

Don Marco & die kleine Freiheit: Seht hier das Video zur Debüt-Single „Nervös“

Bei Don Marco & die kleine Freiheit handelt es sich um das neueste Projekt von Markus Naegele, der nun nach zwei englischsprachigen Alben als Songwriter, Sänger und Gitarrist der Indie-Garage-Rockband Fuck Yeah auf Deutsch singt.

Der Schlagzeuger Bill Rieflin ist gestorben

Er war unter anderem Drummer bei R.E.M., Ministry und King Crimson. Rieflin starb am 24. März 2020 im Alter von 59 Jahren.

Der Beweis: Berlin hat den besten Musikgeschmack Deutschlands

Jetzt ist es amtlich: Mithilfe von Spotify-Streams haben wir das Bundesland ermittelt, von dem wir uns ohne zu zögern eine Playlist zusammenstellen lassen würden.


6 Serien, die unverdient abgesetzt wurden
Weiterlesen