Wilco Schmilco


ANTI/Indigo

von

Ab auf die Webseite des Cartoonisten Joan Cornellà! Der Spanier zeichnet sensationelle Kurz-Comics. Zum Beispiel den vom rosafarbenen Bären, der im Dienste eines Selbstmörders den abgebrochenen Ast, an welchem dieser sich erhängen wollte, festhält, damit der Suizid doch noch gelingt. Am Ende ist der Mann tot. Und für Mr. Rainbow, so der Name des Bären, geht der Regenbogen auf. Cornellà ist auch für den Cartoon auf dem Cover der neuen Wilco-LP verantwortlich. Papa opfert sich als Stromleiter, damit Töchterchen Vinyl hören kann. Das Blut spritzt dem Alten aus der Nase, trotzdem alles super, alles SCHMILCO.

Wilco-Schmilco, das ist so klasse, wie schon STAR WARS mit Katze klasse war. Was ist denn nur bei Wilco los? Bis vor knapp zehn Jahren handelte es sich noch um eine sehr ernste Gruppe. Musik und Interpretation, Jeff Tweedy und seine Krankheiten, wer da zu viel lachte, musste zur Strafe Barenaked Ladies hören. Mit WILCO (THE ALBUM) änderte sich das im Jahr 2009: Das Kamel mit dem Partyhut auf einem Balkon als Artwork war der erste Witz, das Stück „Wilco (The Song)“ war der zweite. Weitere folgten, jetzt eben SCHMILCO, eine Erinnerung an NILSSON SCHMILSSON, eines der bes­ten Alben der Welt, kann man also machen.

Die Lockerheit im Wilco-Lager tut auch der Musik gut. STAR WARS war krachig, SCHMILCO ist der halbakustische Buddy. Jeff Tweedy singt natürlich wieder über Amerika. Aber nicht über das blöd-verblödete Amerika von heute, sondern sein privates Amerika: „Normal American Kids“ und „If I Ever Was A Child“ sind sehr schöne Erinnerungsstücke, Tweedy sucht die Basis seiner Identität, „Cry All Day“ und „Someone To Lose“ handeln vom Verlieren, „Nope“ vom Trotz – und der traurigste Song heißt „Happiness“.

Viele Lieder klingen wegen der Gesangs- und Schlagzeugeffekte wie ruhigere John-Lennon-Nummern – also auch ein wenig distanziert. Wenn uns Tweedy nahe heranlässt, wird’s intensiv: „We Aren’t The World (Safety Girl)“ ist ein pures, schönes Lied darüber, sich nicht zu wichtig zu nehmen. „We aren’t the world, we aren’t the children, but you are my safety girl“, singt er. Gemeint dürfte seine Frau Sue sein, die seit zwei Jahren einen teuren Kampf gegen die Leukämie führt. Auf Facebook findet man die Fundraising-Kampagne „Team Susan Miller Tweedy“. Parole SCHMILCO!


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