Popkolumne, Folge 148

Rick Astley und die Ursprünge der Musik-Memes

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

Zum Geleit
Heute geht es um Memes, oder wie wir Älteren gerne am Abendbrottisch sagen, während die Kinder mit rotbackigen Gesichtchen ihre Milch trinken: Bilderwitze.

Dieses Open-Source-Phänomen der digitalen Popkultur hat in den letzten beiden Jahren auffällig an Bedeutung zugelegt. Nicht nur weil es galt, sich global lustig zu machen über Kollektiv-Erfahrungen wie Lockdown, Virus-Angst und das plötzliche Maskentragen, nein, vor allem auch weil sich in dieser Zeit vieles an im Real Life gecancelter Zerstreuung ins Netz verlagern musste.

Online schwoll im Zuge von Corona parallel allerdings auch der ganze bad vibe an, so dass Memes als Blitzableiter beziehungsweise Safe Space noch eine weitere Funktion hinzubekamen. Wer sich endlosen Kaskaden von Gags hingibt, muss sich in der Zeit nicht mit Arschlöchern auseinandersetzen. As simple as that.

Wobei das Format „Meme“ lediglich ein Gefäss darstellt, das natürlich auch von Arschlöchern und Menschenfeinden befüllt werden kann. Allerdings sind Witze, deren Pointe auf Diskriminierung aus ist beziehungsweise von oben nach unten tritt, schon in analogen Zeiten ziemliche Rohrkrepierer gewesen – daran ändert auch das Meme-Zeitalter nichts. Memes sind imho am besten, je spleeniger sie ansetzen, je voraussetzungsreicher sie eine (ohnehin bereits spezielle) Sache bespiegeln.

Endlich mal wieder die angehäufte Popkultur-Distinktion einsetzen! Die ganze erworbene Kenntnis von Comics, Serien und C-Promis ist viel mehr Gold wert, wenn man unter den zwei, drei Prozent ist, die ein bestimmtes Nerd-Meme überhaupt kapieren. Und du hast gesagt, ich wäre eine Enttäuschung, Mutter! Ja, aber wer hat jetzt sein Leben vertan, wenn ich dir einen Gag weiterleite und du nicht mal das Template dazu kennst? Tja, merkste selber!

[Template, Mutti, ist die Blankoform eines Memes, die dazu genutzt wird, sie immer mit neuen Varianten zu versehen.]

Das Blanko-Template des prominenten Drakeposting / Quelle: https://en.meming.world/wiki/Drakeposting

Drakeposting
Ein verästeltes Thema wie Pop-Musik eignet sich ausgezeichnet fürs sogenannte Meme-Game. Es kann über musikalische Vorlieben anderer gescherzt werden oder über die Künstler*innen selbst. Aber es geht noch mehr: Eines der prominentesten Templates der vergangenen Jahre zeigt den Rapper Drake auf zwei Bildern in einer orangenen Daunenjacke vor gelbem Hintergrund. Einmal in einer abwinkenden Pose, einmal ziemlich begeistert. Nun kann man der einen wie der anderen Pose eine Aussage zuschieben – und sitzt, wenn man ein Momentum getroffen hat, auf einem viralen Hit.

Das Drakeposting erfreut sich trotz seines für Netzphänomene hohen Alters noch großer Beliebtheit – hat aber dennoch 2022 an Strahlkraft eingebüßt. Vor allem da auch immer die Gefahr besteht, dass die Sparkasse oder die Post ehemalige Web-Highlights wie eine Art ungeiler Besenwagen aufkehren, sollte man sich stets etwas Neues einfallen lassen. Drake wird’s verkraften!

Was ist das für 1 Life, Sparkasse?

Der virale Aspekt von Memes ist ein Köder für Agentur-Deppen aller Art. Dennoch scheint der Fremdscham-Trend, Marken und populäre Memes zu verschränken, seinen Peak überschritten zu haben. Zu groß ist hier wohl der Schaden, den die Häme verursacht, wenn sich Unternehmen als allzu „gut drauf“ verkaufen wollen. Die Sparkasse hat es schon Mitte der Zehner Jahre vorgemacht – und ist dabei stellvertretend für andere uncoole Deppen-Pioniere am Kreuze gestorben. Seitdem (so mein Eindruck) herrscht mehr Vorsicht. Von dieser als Meme inszenierten Werbung haben sich etliche immer noch nicht erholt – und das ist auch gut so:

Katy Perry

Doch auch perfidere Zugänge ins Memeversum bleiben nicht ungesühnt. Prominentes Beispiel hierfür ist sicher Katy Perry. Meme-Lord, Flaneur und Bassist Christoph Deckert hat das für den Musikexpress in der Printausgabe unlängst sehr gut zusammengefasst:

„Katy Perry wagte 2017 den anderen Weg und schickte in ihrem Video zu ‚Swish Swish‘ eine ganze Armada an (vermeintlich) populären Memes auf das dünne Eis des Nerd-Zeitgeistes. Die verwendeten Vorlage wurden allerdings von der Community längst für tot erklärt und waren dem eher uncoolen ‚Normie‘-Genre entsprungen. Zudem ist in der Memesphäre diese kommerzielle Art der kulturellen Aneignung verhasst wie nichts anderes. So spaltete sich das Zuschauerlager in verachtend Wissende und verwirrte Unwissende.“ (Christoph Deckert)

Katy Perry – Die Rückkehr

Im Falle Katy Perrys allerdings kann man auch einen positiven Backlash konstatieren. Denn dass sie im Zuge ihrer Meme-Aneignung mit Promo-Hintergrund soviel Gegenwind besonders auf Twitter bekam, mobilisierte wiederum ihre Anhänger. Die bastelten aus ihrem Star daraufhin tatsächlich ein ziemlich originäres Meme – benutzten Bilder von ihr so oft, bis es auch andere taten. Und so wird Katy Perry in der Kunstform der Memes mehr als den meisten Musiker*innen regelrecht gehuldigt. Okay, manches mag dabei auch kritisch ihr gegenüber sein, die Mehrzahl der Katymemes allerdings paraphrasiert die aufgekratzte Anbetung der Kalifornierin. Katycats nennen sich Macher*innen solcher Memes gern selbst.

Never gonna give you up

Eine der dienstältesten Verschränkungen von Meme- und Musikkultur findet sich in der Figur von Rick Astley. Die Ursprünge des Trends datieren auf 2007. Es handelt sich dabei eher um eine Art Prank: Es gilt, andere im Netz unter falschen Voraussetzungen dazu zu bringen, auf einen Link zu klicken – Clickbait eben. Auf dass der/die übertölpelte User*in bei einem Video von Rick Astley herauskommt und unvermittelt „Never gonna give you up, never gonna let you down“ aus den Boxen schallt. Wenn man auf so etwas hereingefallen und bei dem 1987er Hit aus der Feder von Stock, Aitken, Waterman landete, wurde man „gerickrollt“.

666

Eine Seite, die das Thema Memes und Bands sehr schön und zeitgemäß verbindet, findet sich auf Instagram unter dem biblisch angehauchten Namen Bandmemes666. Hier werden weniger konkrete Künstler*innen, viele eher das brotlose Leben von Musikschaffenden selbst verhandelt (lies: verarscht). All die Träume vom Erfolg der eigenen Band bieten dabei eine veritable Fallhöhe. Im Geiste spielt man schon Grindcore-Hits in Tausenderhallen, in der Realität macht man doch wieder nur Petting mit dem neuen Guitarpedal, das nicht mal richtig geil klingt. Memes und Musik – eine produktive Beziehung, die uns Menschen viel zurückgibt…

Und nun zu etwas völlig anderem:

„Sick Of It – Die Fuck-It-List“ (Podcast)

Bei allem bunten Meme-Tatütata möchte unbedingt noch auf einen Podcast hinweisen, Leute. In meiner vorherigen Folge der Popwoche (Die größten Pop-Skandale 2021) hätte ich das schon gern getan, dachte dann aber, nee, passt von der Stimmung her einfach nicht. Aber machen wir mir nichts vor, dieser Podcast wird niemals in den Flow einer Popkolumne passen. Immerhin geht es um Krebs, Tod, Endlichkeit.

Als mir „Sick Of It – Statements einer Sterbenden“ empfohlen wurde, war ich mir nicht sicher, ob ich mir das geben will. Verständlich, wie ich finde. Jetzt aber bin ich sehr froh, dass ich mich dafür entschieden habe. Mehr gelernt habe ich, glaub ich, noch nie von einem Podcast – und ich habe echt schon einige gehört.

Also, in „Sick Of It“ geht es um die Kölner Sprecherin Franziska Knost, die in sieben Folgen (mit dem Künstler und Regisseur Tamer Jandali) die wirklich wichtigen Fragen des Lebens diskutiert – vor dem Hintergrund ihrer letalen Krebserkrankung. Bei ihr klingt die Prämisse der Unterhaltungen so: „Dann rollt immer wieder diese Frage auf mich zu: Was willst du noch erleben in der dir verbleibenden Zeit? Was steht auf deiner persönlichen Bucket-List? Und ich so: Wovon redet ihr? Jetzt noch mal Fallschirmsprung, Karibikurlaub, Swinger-Club und dann ist alles tutti? Das funktioniert so nicht, Leute. Es gibt viel mehr Dinge, die wir aus unserem Mindset radikal streichen könnten. Also who cares about a bucketlist – let’s do a fuck-it-list.“

Im Podcast selbst ist das dann genauso offensiv, wie es sich hier anhört. Franziska stellt sich den ganz zentralen Zwängen und internalisierten gesellschaftlichen (Wahn-)Vorstellungen, die uns alle um- und antreiben: Die große Liebe finden, sich in Elternschaft gleich wie in der Karriere verwirklichen und so weiter.

Welchen Druck das auf alle ausübt, zeigt sich in dieser Perspektive von jemand, auf die das nicht mehr so eine Macht auszuüben vermag. Franziska hält dagegen, kommt aber nie auf gefühlige Wahrheiten und reine Lehren, versucht nicht Trost zu schaffen, sondern entwaffnet einfach nur die ganzen Dämonen – was dann letztlich doch auch wieder etwas Tröstliches mit sich bringt.

Mir persönlich hat „Sick Of It“ zudem viel gebracht hinsichtlich der Frage, wie man sich verhalten kann/soll, wenn jemand in eigenem Umfeld mit einer, sagen wir mal, „finalen Diagnose“ zu leben hat – und was die hundert gut gemeinten Kommentare unter einem Krankheits-Posting à la „Tritt dem Krebs in den Arsch!“ oder „Du bist ein*e Kämpfer*in!“ auch noch bei den Betroffenen auslösen.

Ich will euch nichts vormachen: Dieser Podcast bricht euer Herz – und zwar nicht nur dann, wenn der übertrieben sympathischen Protagonistin selbst die Tränen kommen. Dennoch besitzt er immer auch Witz (und sei es nur Galgenhumor) und vor allem eben einen großen Schatz schonungsloser Erkenntnisse. Don’t miss.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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