Riffst du noch oder songst du schon?


Der lange Arm der Beatles: Portugal. The Man haben sich vom Stückwerk ihrer ersten beiden Platten verabschiedet.

Rein äußerlich betrachtet, spielt John Baldwin Courley in der falschen Band, Mit seinem ausladenden Schnurrbart und seinen muskulösen, tätowierten Armen würde man ihn eher in den Reihen der punkrockenden Spaßbolzen von den Eagles of Death Metal vermuten-als kecken Klon von Jesse Hughes. Umso mehr beeindruckt die pophistorische Beflissenheit, mit der der Sänger und Songschreiber von Portugal.The Man beschlagen ist: Von 60s-Soul über Led Zep’schen (Prag-) Rock bis hin zu eingängigem Gitarren-Pop- überall scheint sich Courley pudelwohl zu fühlen und bestens auszukennen. Seine musikalische Verortung erfuhr Gourley in dem abgelegenen alaskanischen Kaff Wasilla: „Bis ich 16 war, habe ich mit meinen Eltern immer Oldies im Radio gehört. Als ich dann auf die Highschool kam, wurde mir bewusst, dass ich the nerdiest kid in the world war. Und musste von da an meine Oldies im Geheimen hören“ Daher rührt also die Bandbreite an Sounds und Einflüssen, die seine mittlerweile in Portland, Oregon ansässige Band auf ihrer eklektischen dritten Platte censored colors zitiert.

Deren Albumtitel ist übrigens als Plädoyer gegen die voranschreitende Kategorisierung in der zeitgenössischen Musik zu verstehen: „Censored Colors ist unsere Interpretation der ganzen Genres und Subgenres, die sich in der Musik mit der Zeit herausgebildet haben. Am Anfang gab es die Beatles, die für mich die Begründer des Prog sind. Von da an entstanden dann immer mehr Musikgattungen: all diese ganzen -cores, Grindcore, Nintendo-Core, der ganze Indie-Kram. Viele Bands verschreiben sich einfach einem Musikstil und nehmen immer wieder ein und dieselbe Platte auf-etwas, das wir stets zu vermeiden gesucht haben.“

Das ist Portugal. The Man fraglos gelungen, genauso wie die ruhigeren, auf die Melodie konzentrierten Stücke auf CENSOREDCOLORS, die-das kann man so schlussfolgern -aus Courleys Lernlust hervorgegangen sind: „Letzten Sommer habe ich mir ein Songbook von den Beatles vorgenommen, einfach nur, um endlich richtig Gitarre spielen zu lernen. Ich hatte mich bis dahin nie mit Akkordlehre beschäftigt,alles auf CHURCH MOUTH undD WAITER:“YOU VULTURES!

entstand im Grunde durch Sampling: Ich habe aus unzähligen Riffs die besten ausgewählt und sie dann miteinander verbaut, fast wie bei einer Hiphop-Produktion.“ Kaum zu glauben. Da zimmert sich John Baldwin Gourley auf den ersten zwei Platten von Portugal. The Man also sozusagen seine eigene Blockhütte im weiten Feld der progressiven Rockmusik zusammen und hatte dabei lange Zeit keinen blassen Schimmer von der richtigen Handhabung von Hammer und Säge.

Immerhin befand er sich damit in (zwar schlechter, aber wenigstens) alaskanischer Gesellschaft mit der stockkonservativen republikanischen Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin, die auch jetzt noch von Tuten und Blasen respektive Staatskassen-, menschen und vor allem umweltfreundlicher Politik keine Ahnung zu haben scheint. Die ehemalige Bürgermeisterin von Gourleys Heimatstadt Wasilla setzte sich als Gouverneurin von Alaska unter anderem dafür ein, die Öl-und Gasförderung in Alaska auszuweiten, gerne auch auf das Naturschutzgebiet Arctic National Wildlife Refuge. Deswegen konnte es sich Gourley auch nicht verkneifen, auf der bandeigenen Website ein saftiges Anti-Palin-Statement zu posten:“Worum es mir bei dem Posting ging, war, dass sie sich als ‚wahren Alaskaner‘ präsentiert, in Wirklichkeit aber das genaue Gegenteil davon ist. Sie ist für die Jagd auf Wölfe und Bären vom Flugzeug aus, sie war dagegen, Eisbären und Belugawale auf die Liste der bedrohten Arten zu setzen. Sie hat überhaupt keinen Respekt vor der Natur und vor allem, wofür sie angeblich steht“

>» www.portugaltheman.net >» ALBUMKRITIK ME 10/08, BACKSTAGE SESSION S.116