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Rock En Seine 2016 – Das waren die 5 besten Acts

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Ein Jubiläum war das diesjährige Rock En Seine nicht – für einige der Besucher aber dennoch etwas Besonderes, denn es schloss sich ein Kreis: Mit Massive Attack spielte am Samstagabend eine Band, die schon bei der ersten Ausgabe des Festivals 2003 als Headliner dabei war. Und die machten aus dem Festival im ihnen traditionell zugewandten Paris so eine Art Heimspiel: Für „Take It There“ holten sie Tricky auf die Bühne, der seit vielen Jahren in der französischen Hauptstadt lebt. Auch sonst war das Festival nicht arm an Attraktionen. Auf dem Programmplan standen unter anderem The Last Shadow Puppets, Foals, Sigur Rós, Aurora, Soulwax und Peaches, und das alles vor durchaus anheimelnder Kulisse: Das Festivalgelände liegt eine halbe U-Bahn-Stunde westlich der französischen Hauptstadt in einem Parkgelände direkt an der Seine.

Diese fünf Konzerte haben uns am meisten beeindruckt:

Anderson .Paak

Anderson .Paak
Anderson .Paak

Manchmal erwartet man nichts und bekommt eine ganze Menge. Bei Anderson .Paak war das der Fall. Kenntnisstand des Publikums: Rapper, milde angesagt. Kenntnisstand des Autors: Rapper, sehr angesagt – spätestens seit seiner Sechsfach-Appearance auf Dres COMPTON und seinem eigenen, im Januar erschienenen Album MALIBU, auf dem er mit Größen wie Madlib, Hi-Tek und vor allem The Game, Schoolboy Q und Talib Kweli zusammenarbeitete. Live arbeitet er noch einmal in eine ganz andere Richtung: Gemeinsam mit seiner Band entwirft er einen Sound, der zwischen verschiedensten Polen pendelt und dabei gut mit den Gegensätzen von Funk, Rock, HipHop und Elektronik spielt. Auf seine Stimme klebt er dabei vor allem auf die Gesangsparts ein Delay, das an den Soul der 80er-Jahre erinnert. Das klingt völlig selbstverständlich, völlig allgemeingültig, beinahe klassisch und oftmals doch sehr neu. Im ersten Moment denkt man an den Conscious-HipHop der Frühneunziger, im nächsten an Living Colour, dann an Prince – um plötzlich mit sülzigen Keyboards wieder in die Gegenwart geholt zu werden. Im Laufe des Sets füllt sich der Platz vor der zweitgrößten Bühne des Festivals beständig, am Ende ist kein Durchkommen mehr. Sicher die Überraschung des Tages.

Little Simz

Die Nachbarin hieß Mary. Und die musste vor vielen Jahren unter den lauten Beats und den Raps von Little Simz leiden. Deshalb, so erzählt es die 22-jährige Britin, habe sie ihr ein Lied geschrieben. Sie steht da also und singt „God Bless Mary“, und als Zuhörer denkt man sich: Gut, dass Du das damals ausgehalten hast, Mary. Gut, dass Little Simz, die eigentlich Simbi Ajikawo heißt, im letzten Jahr ein Album veröffentlichten konnte und dieses seitdem recht ausführlich in aller Welt vorstellt. Ob man das jetzt Grime nennt oder Brithop, ist eigentlich egal, denn jenseits aller Begrifflichkeiten überzeugt Simz mit superschnellen Raps, einem interessanten Bewegungshaushalt, einer Posse, die mit der Schampusflasche am Bühnenrand steht und einem Special Guest aus der Bundeshauptstadt: Bibi Bourelly (Hat einen Rihanna-Hit geschrieben, ist aber auch jenseits dieses Küchenzurufs interessant), die noch kurze Zeit vorher auf einer anderen Bühne selbst ihren Auftritt hatte, kommt für einen Track auf die Bühne. Die Raps von Simz treffen auf stimmgewaltigen Soul, am Ende gibt’s dicke Hugs und ein Selfie vorm winkenden Publikum. Schön.

Iggy Pop

Iggy Pop
Iggy Pop

Die alte DJ-Regel „Die Hits ruhig raushauen“ wird bei Konzerten selten befolgt. Ausnahme: Iggy Pop. Der startet sein Konzert mit „I Wanna Be Your Dog“, „The Passenger“ und „Lust For Life“. Das sind Songs, die wie Magneten wirken. Wir sitzen leicht oberhalb der Bühne und sehen, wie Besucher jeden Alters vor die Hauptbühne strömen – auch die Kids, die man eigentlich bei den gleichzeitig auftretenden Chvrches erwarten würde. Auf jeden Fall ist es nach zehn Minuten voll, und die Befürchtung, die Umkehr der handelsüblichen Setlistmechanik würde zu Langeweile führen, erweist sich als nicht begründet. Iggy Pop (ja, nackter Oberkörper. Und ja, ab und an ein kleines, fast erstaunt wirkendes „Motherfucker“ aus seinem Mund) hält den Spannungsbogen knappe eineinhalb Stunden am Anschlag. Was der beste Song des Abends ist? Schwierig zu sagen, der Rezensent schwankt zwischen dem herrlich zäh herausgenörgelten „Nightclubbing“, seiner Version des Rock’n’Roll-Klassikers „Real Wild Child (Wild One)“ und dem spät gespielten Stooges-Klassiker „Search And Destroy“. Eigentlich ist es nämlich so: Pop haut nicht nur am Anfang die Hits raus. Er hat generell nur Hits.

Edward Sharpe & The Magnetic Zeros

Edward Shape
Edward Shape

Edward Sharpe und seine Magnetic Zeros haben einen bemerkenswerten Bühnenaufbau gewählt: Sie und ihr Equipment nutzen nur das mittlere Drittel des eigentlich reichlich vorhandenen Platzes. Wie die zehn, zwölf Leute recht eng beieinander stehen, erinnern sie ein wenig an eine Schafherde, die sich vor dem Wolf schützt. Sharpe indes bricht von Anfang an aus und sucht das sogenannte Bad in der Menge. Wo der Autor dieser Zeilen mit den Platten der Kalifornier nicht so viel anfangen kann, ist die Musik live wirklich eine Schau: Sharpe, optisch ein Hybrid aus Sahra Wagenknecht und einem leicht verstört wirkendem Murmeltier, bewegt sich konsequent am Bühnenrand und sucht dabei diverse Male den Dialog zum Publikum, aber dabei nicht unbedingt den Sinn. Die Band spielt einen mal ausfransenden, mal pointierten Mix aus Blues und Westcoast-Jam, die Klarinette schön tropfende Soli, gemeinsam covert man sich durch John Lennons „Instant Karma“ und am Ende gibt’s noch ein Wünsch-Dir-Was mit Französischunterricht. „The Request“, so erklärt Sharpe dem Publikum, heiße in deren Landessprache vermutlich „Le Request“. Wieder was gelernt!

Djeuhdjoah & Lieutenant Nicholson

Die „Stage Ile-de-France“ ist eine kleine, unscheinbare Zeltbühne, die auf den ersten Blick wie ein Informationsstand wirkt, so viele Flyer liegen dort auf den Tischen herum, vielleicht ist das auch ihr eigentlicher Sinn. Auf jeden Fall spielen die Acts, die dort auftreten, ihre Lieder größtenteils unbemerkt von der Festivalöffentlichkeit. Wie schade das sein kann, zeigen Djeuhdjoah & Lieutenant Nicholson. Die beiden Franzosen, die im letzten Jahr ihr Debüt TES QUI? veröffentlichten, haben sich live Verstärkung geholt: Zu viert spielen sie einen ungemein entspannten Mix aus Conscious Soul, Funk, Afrobeat und Acid Jazz, der mal an Acts wie die Young Disciples, mal an Bilal und mal an MC Solaar erinnert. Die Einflüsse elektronischer Tanzmusik, die auf dem Debüt durchaus prominent stattfinden, machen sich live nur noch strukturell bemerkbar, was aber nicht stört: Wer bei diesem Auftritt dabei war, ist Fan.

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