Albumrezension

Rolling Stones und ihr Album FOREIGN TONGUES: Womöglich ihr letztes Goldstück

War's das jetzt? Nein, das ist es jetzt! Die immer noch größte Rockband der Welt mit einem weiteren würdigen, potenziell letzten Album.

Die gute, die sehr gute Nachricht zuerst: Das allseits beliebte HACKNEY DIAMONDS, das 2023er-Album, mit dem The Rolling Stones die 18-jährige Wartezeit auf eine neue Studio-LP nach A BIGGER BANG beendeten, und der nun erscheinende, zu großen Teilen in denselben Sessions entstandene Nachfolger FOREIGN TONGUES sind einander sehr ähnlich. Kurz erleichtert ausatmen. So ähnlich, dass man sie als Zwillingsplatten bezeichnen müsste – wäre da nicht das Gerücht, wonach die Band zuletzt sogar noch mehr Material aufgenommen habe. Ist das neue Album also nur Teil zwei einer ganzen Abschieds-Trilogie? Nach dem Ausatmen kurz die Luft anhalten und bei dem bleiben, was man weiß – nämlich den erwähnten Parallelen.

Zunächst das Offensichtliche: Beide Platten haben großartige Titel. „Dalston Diamonds“ ist Slang für die Glassplitter, die von eingeschlagenen Autoscheiben auf dem Boden Dalstons landen, einem Ortsteil des Londoner Stadtbezirks Hackney. Der Kreis schloss sich damit zwar nicht ganz, denn Mick Jagger und Keith Richards stammen aus Dartford, Kent. Doch immerhin kehrte die Band mit diesem leicht abgewandelten Begriff zu ihrem einstigen, von ihrem damaligen Manager Andrew Loog Oldham verpassten Straßenköter-Image zurück. „Foreign Tongues“, also „Fremdsprachen“, mag man einerseits als Ausdruck des enormen internationalen Einflusses der Gruppe lesen – mit „Rolinga“ ist in den späten 80ern beispielsweise eine ausgeprägte Subkultur von argentinischen Fans entstanden. Andererseits will ein globaler Playboy wie Mick Jagger mit dem Namen vielleicht auch den zahlreichen Zungen aus aller Herren und vor allem Damen Länder Tribut zollen, die über die Jahrzehnte ihre Wege in seinen großen, das Bandlogo vorgebenden Mund gefunden haben.

So famos also die Titel, so scheußlich die Artworks: Hatte man sich beim Vorgänger noch gewundert, dass niemand der Gruppe zu sagen gehabt schien, dass Bon Jovi das erdolchte Herz seit 2010 als ihr Logo zu etablieren versuchen – und das Single-Cover zu „Angry“ verblüffend nahe an Metallicas namensverwandtem ST. ANGER ist –, fragt man sich nun, wie viele miteinander verschmolzene Gesichter von Bandmitgliedern die Welt nach THE MIRACLE von Queen und HARDWIRED… TO SELF-DESTRUCT von, here we go again, Metallica noch ertragen muss, bevor diese Idee auf die schwarze Liste sämtlicher Designwerkstätten gesetzt wird.

Nun zu den Inhalten. Beide Platten beginnen mit einer aufbrausenden Vorabsingle. Der fast schon brutal donnernde Bluesrocker „Rough And Twisted“ ist das neue „Angry“, voller Sturm und Drang, veredelt mit Jaggers Trademark-Mundharmonika – mehr kann man nicht wollen. In „Mr Charm“ verweist die Melodieführung der Zeile „Don’t have to be afraid“ auf „Don’t have to be ashamed“ in „Angry“; das Riff von „In The Stars“ geht weiter zurück und recycelt „Rock And A Hard Place“ von 1989. Die Countrynummer „Ringing Hollow“ ist das Pendant zu „Dreamy Skies“ auf HACKNEY DIAMONDS, der Hi-Speed-Rocker „Hit Me In The Head“ – mit einer der letzten Aufnahmen von Charlie Watts – nicht nur qua Titel das Gegenstück zu „Bite My Head Off“; auf beiden spielt auch Paul McCartney Bass.

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Zu den weiteren Gästen auf dem erneut von Wunderkind Andrew Watt produzierten Werk zählen Robert Smith von The Cure, Chili Pepper Chad Smith und Steve Winwood. „Never Wanna Lose You“ macht mit seinen Disco-Bassläufen da weiter, wo „Mess It Up“ aufgehört hat. Mit der an Brian Wilson erinnernden Ballade „Back In Your Life“ findet das Album wie zuletzt mit „Sweet Sounds Of Heaven“ zu einem epischen Abschluss, bevor es – analog zum Muddy-Waters-Cover des bandnamengebenden „Rolling Stone Blues“ – wieder eine demohafte LoFi-Zugabe gibt, diesmal in Form von Chuck Berrys „Beautiful Delilah“; stellenweise will man hier fast „It’s All Over Now“ drübersingen.

Als große Überraschung dazwischen: die überzeugende Aneignung des Amy-Winehouse-Klassikers „You Know I’m No Good“. Späte Ehre der letzten großen Rockband für den letzten großen weiblichen Rockstar. Jagger ist mit seinen 82 Jahren stimmlich in Höchstform, und dass Keith Richards aufgrund fortgeschrittener Arthritis nicht mehr in der Lage sein soll, live zu spielen, hört man diesem Album voller zupackender Riffs nicht an.

Fazit also wie schon nach HACKNEY DIAMONDS: Wenn die Stones mit diesem Album den Sack zumachen, hinterlassen sie uns einen aus purem Gold. Vermutlich ist aber selbst nach dieser 64-jährigen Geschichte immer noch Platz im Sack. Den Begriff „alter Sack“ wird man nach FOREIGN TONGUES jedenfalls neu denken müssen.

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