Steile These

Rückkehr des Classic Rocks: In die Zeit gefallen

Wenn Geschichte sich angeblich nicht wiederholt, ist das hier trotzdem ganz schön Led Zeppelin: Wir sind in der Berliner Columbiahalle. Auf der Bühne steht die amerikanische Rockband Greta Van Fleet, die soeben ihr erstes Album mit dem albernen Titel ANTHEM OF THE PEACEFUL ARMY veröffentlicht hat. Das gockelige Gehabe, die Weste über freiem Oberkörper, der glockenschrille Brunftgesang: Beobachtet man den Sänger der Band, Josh Kiszka, so fühlt man sich geradewegs in das Jahr 1969 zurückversetzt. Damals erschien das erste Led- Zeppelin-Album, und der Gitarrist Jimmy Page spielte seine Gibson Les Paul auf ähnliche Weise wie jetzt Joshs Bruder Jake: auf Hüfthöhe baumelnd, den linken Fuß nach vorne gestellt, den Oberkörper möglichst weit nach hinten gelehnt. Was Greta Van Fleet an diesem Abend machen, ist Classic-Rock-Mimikry. Aber eine durchaus beeindruckende.

Einziger Schönheitsfehler: Das alles passiert im Herbst 2018. Das erfolgreichste Album in den deutschen Charts und bei sämtlichen Streaming-Diensten ist PALMEN AUS PLASTIK 2 von Bonez MC & RAF Camora, in den USA verkauft niemand mehr Musik als der Rapper Drake, der Gitarrenhersteller Gibson hat vor einigen Monaten Insolvenz angemeldet, Fender geht es nicht viel besser. Es ist das erste Jahr nach jener vielzitierten Studie des Verbraucherinstituts Nielsen, nach der HipHop die Rockmusik endgültig überholt habe und also das populärste Pop-Genre überhaupt sei. Und trotzdem steht da oben jetzt dieser Led-Zeppelin-Pastiche auf der Bühne.

Die Berliner Columbiahalle ist keine kleine Halle, knapp 4.000 Leute finden hier Platz, eine Woche zuvor spielten Greta Van Fleet sogar vor 7.000 Zuschauern in der Hamburger Sporthalle. Insgesamt gibt die Band drei ausverkaufte Deutschland-Konzerte, und im Rest der Welt sieht es nicht viel anders aus. Greta Van Fleet waren zu Gast auf der Grammy-Party von Elton John, spielten auf exklusive Einladung im Vorprogramm von Guns N’Roses, ANTHEM OF THE PEACEFUL ARMY war auf Platz drei der deutschen Charts.

Kooperation

Wird hier nun also doch noch die immer wieder beschriebene Sehnsucht nach „Handgemachtem“ befriedigt? „Seit seinen Anfängen gab es im Rock’n’Roll alle zehn, zwölf Jahre eine Frische-Injektion“, hat Jack White vor einiger Zeit gesagt. „Alle drehen durch, es passieren verrückte Sachen, und dann ebbt die Welle langsam wieder ab – bis zur nächsten.“ So weit, so bekannt: Die seit einigen Jahren in Feuilletons und Musikpresse so beliebten Texte über den angeblich endgültigen Tod der Rockmusik werden wider besseres Wissen geschrieben. Die Popkultur recycelt sich in immer schnellerer Abfolge selbst, nichts wurde so oft totgesagt wie die Rockmusik, kein Genre kehrte so oft zurück. Erstaunlich ist allerdings, dass deren jüngste Renaissance nun ausgerechnet im biederen Gewand des sogenannten Classic Rock vonstatten geht. Neben Greta Van Fleet stehen neue alte Rockbands wie Dorothy und Starcrawler in den Startlöchern. Der nicht zuletzt bei jungen Menschen beliebte Queen-Film „Bohemian Rhapsody“ ist bereits wenige Wochen nach dem Kinostart das zweiterfolgreichste Biopic aller Zeiten. 35 Jahre nach seiner Veröffentlichung wurde sogar der Toto-Schmachtfetzen „Africa“ auf wunderliche Weise zu einer Millennial-Hymne, eine Weezer-Coverversion des Songs bewegte im Sommer wochenlang das Internet.

Eine ebenso überraschende wie absurde Entwicklung, denn mit der von Jack White beschworenen Frische-Injektion hat all das natürlich nichts zu tun. Beim letzten größeren Zucken des Rock’n’Roll war das noch anders: Die Strokes waren zwar deutlich von Velvet Underground beeinflusst, überführten deren Sound aber auf höchst individuelle Weise in den Zeitgeist und sangen über die Lethargie und den Hedonismus ihrer Generation im Prä-9/11-New York.

Greta Van Fleet hingegen sind nicht frisch. Sie klingen einfach eins zu eins wie Led Zeppelin 1969. Aber wo es damals um einen Ausbruch aus den Verhältnissen ging, um Libertinage, Protest gegen Vietnamkrieg und Elterngeneration, haben Greta Van Fleet jungen Leuten vor allem eins zu sagen: Früher war alles besser. Insofern verkörpern sie einen Wertkonservatismus, der in unruhigen Zeiten zu einer allgemeinen Sehnsucht nach klarer Verortung, nach Identität und Heimat passen mag, aber natürlich in einem diametralen Gegensatz zu den ursprünglichen Versprechungen der Rockmusik steht. Aufgewachsen im ländlichen Michigan, erfolgte die musikalische Sozialisation der Kiszka-Brüder – neben Josh und Jake gehört außerdem ihr Bruder Sam der Band an, hinzu kommt der Schlagzeuger Danny Wagner – vor allem über die elterliche Plattensammlung. Statt Abgrenzung strebten die Kiszkas also nach der Anerkennung ihrer Eltern. Seit frühester Kindheit machen die Brüder kaum etwas anders als Musik: „Zeit für Freundschaften hatten wir nur wenig, weil wir unablässig zu Hause probten und jedes Wochenende in irgendeiner Bar spielten“, erzählte Jake dem amerikanischen „Rolling Stone“.

Greta Van Fleets Sänger Josh Kiszka, live in London.

Im vergangenen Jahr erschienen dann zwei EPs und der Wahnsinn nahm seinen Lauf. Ihr Song „Highway Tune“ erzielte über 36 Millionen Plays bei Spotify , ein YouTube-Video, in dem Greta Van Fleet ihren „Safari Song“ für eine Radiostation aufführen, wurde sieben Millionen Mal angeklickt, im Sommer 2018 spielten sie zur besten Zeit auf dem wichtigsten Festival der Welt, dem Coachella. Als bald darauf ihr erstes Album erschien, hätte man vielleicht gedacht, dass sich Greta Van Fleet eventuell einer minimalen Kurskorrektur zugunsten einer eigenen Note befleißigen würden, doch auch ANTHEM OF THE PEACEFUL ARMY ist wieder eine lupenreine Reminiszenz an Led Zeppelin. Allerdings ohne: den Sex, den Schmutz, den Blues. Josh Kiszka klingt in der Columbiahalle wie eine keimfreie Mickey-Mouse-Gimmick-Variante des jungen Robert Plant. Es gibt insofern absolut keinen Grund, diese Musik zu hören, wenn man die alten Zeppelin-Alben im Schrank hat.

Außer natürlich den, dass Greta Van Fleet jung sind und JETZT passieren. Man kann sie also live sehen, und der Algorithmus braucht Futter: „Früher trugen Models T-Shirts von coolen Rockbands, die sie nicht kannten, heute gehören ein paar Rock-Klassiker zum Grundinventar vieler Influencer-Playlisten“, sagt Linda Perry. „Am Ende kommt dabei dann eine Band wie Greta Van Fleet heraus.“ Was die Produzentin und Songschreiberin damit meint, hat „Pitchfork“ kürzlich mit einem denkwürdigen Verriss des Greta-Van-Fleet-Debüts auf den Punkt gebracht: In Zeiten algorithmisch definierter Playlists sei weder Originalität noch Klasse nötig, es reiche vollkommen, so zu klingen wie die alten Helden, dann werde man ganz von selbst in deren Nähe platziert und also millionenfach gespielt.

Wertkonservatismus von Led-Klonen

Ein Umstand, den sich nicht zuletzt Linda Perry selbst zunutze macht. Die ehemalige Sängerin der 4 Non Blondes, heute eine etablierte Charts-Songwriterin, managt mit Dorothy die neben Greta Van Fleet aktuell erfolgversprechendste unter den neuen alten Rockbands. Bei der Gründung der kalifornischen Band im Jahre 2014, so die Sängerin Dorothy Martin, sei es vor allem darum gegangen, Songs zu schreiben, die Beavis und Butt-Head gefallen hätten. Ein Witz, der 2019 eigentlich nicht funktioniert, weil kein Mensch unter 40 sich an die rockistischen MTV-Cartoonfiguren erinnern kann.

Sängerin Dorothy Martin mit Band, live in Detroit

Dorothy unterschrieben bereits vor drei Jahren einen umfangreichen Vertrag bei Jay-Zs Label Roc Nation, der Song „Wicked Ones“ wurde für Kampagnen von Levi’s und Gatorade verwendet, das Debütalbum hatte den superwitzigen Ironie-Titel ROCKISDEAD. Das 2018 erschienene zweite Album, 28 DAYS IN THE VALLEY, verfolgt einen blueslastigeren Ansatz. Bei den Konzerten ihrer Band – zuletzt praktischerweise im Vorprogramm der US-Tour von Greta Van Fleet – trinkt Martin auf der Bühne Whiskey, ein Song heißt „Black Tar & Nicotine“. Auch das: Posen und Zitate, die zu dieser Musik immer irgendwie dazugehörten, also gelebter Wertkonservatismus.

Ein Unterschied besteht aber doch: In vielen der neuen Classic-Rock-Bands wie Dorothy, den bluesrock-basierten The Damn Truth aus Montreal oder Thunderpussy aus Seattle geben Frauen den Ton an. So auch bei Starcrawler, die sich am Glamrock der Siebziger orientieren und deren Sängerin Arrow de Wilde die Tochter der Rock-Fotografin Autumn de Wilde ist.

Weitere Zugeständnisse an die Gegenwart werden nicht gemacht: Dirty Honey aus Los Angeles orientieren sich an Aerosmith und AC/DC, die klassische Blues-Hardrock-Band The Temperance Movement ist schon länger aktiv und spielte ebenso bei den Stones im Vorprogramm wie Tyler Bryant & The Shakedowns, deren Sänger ein bisschen so aussieht wie der junge Freddie Mercury, was außerdem für Luke Spiller, den Sänger der britischen Power-Glam-Revivalisten The Struts, gilt. Deren neues Album YOUNG & DANGEROUS bezeichnete die „Washington Times“ kürzlich als das beste Rockalbum der letzten 20 Jahre, viele trauen der Band mit dem direkten Zug zum Refrain ähnliche Erfolge zu wie Greta Van Fleet.

Sind all diese Bands und Phänomene ein kurzes retromanisches Nostalgieflackern, oder kommt 2019 tatsächlich die große Classic-Rock-Renaissance? Dafür spricht die Tatsache, dass einige Mechanismen der Branche sich auch in Zeiten von Spotify und YouTube nicht großartig verändert haben. Man kann also getrost davon ausgehen, dass in diesem Moment irgendwo auf der Welt eine ganze Reihe Coachella-tauglicher Jung-Classic-Rock-Bands gesignt werden.

Ein Gedanke, dem ausgerechnet der ehemalige Led- Zeppelin-Sänger Robert Plant nicht viel abgewinnen kann. Auf Greta Van Fleet angesprochen, bezeichnete Plant Josh Kiszka als „beautiful little singer“. Er sagt aber auch Folgendes: „Hört auf, in der Vergangenheit zu leben. Öffnet eure Augen und Ohren. Magazine und Internetplattformen sollten neue Musik unterstützen und jungen Musikern helfen, ein Publikum zu finden.“

Das Zitat ist aus einem Interview, in dem Plant zum zigsten Mal nach einer möglichen Led-Zeppelin-Reunion gefragt wurde, aber es passt auch in anderer Hinsicht: Die neuen Classic-Rock-Bands sind alles andere als schlecht, aber über die Zeit, in der wir leben, haben sie nichts zu sagen.

Dieser Artikel erschien erstmals im ME 03/19.

Burak Cingi Redferns
Scott Legato Getty Images

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