Interview

Shirin David: „Innerlich habe ich meine Karriere schon sehr oft beendet“ 

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Shirin David kündigte ihr zweites Album ursprünglich für 2020 an und veröffentlichte daraus bereits drei Single-Auskopplungen samt Musikvideos: „Babsi Bars“; „Hoes up G’s down“ und „90-60-111“. Von denen schaffte es schließlich nur „Babsi Bars“ auf ihr tatsächliches zweites Album  BITCHES BRAUCHEN RAP. Die gebürtige Hamburgerin legte ihr ursprüngliches Werk zu den Akten, nachdem es bereits fertig war. Dabei ähnelt der Erfolg ihrer drei neuen Single-Auskopplungen „Ich darf das“, „Lieben Wir“ und „Be a Hoe/Break a Hoe“ featuring Kitty Kat ihrer gerappten Fußballmetapher: „Deutsche Bad B**** mit ’nem Nummer-eins-Hattrick“. Denn: Shirin David landete mit allen Singles auf Platz 1 der Deutschen Charts und ist damit die erste und einzige weibliche Rapperin mit drei Nummer-Eins-Hits in Folge.

Wir trafen David zu einem Interview und sprachen mit ihr über die Verarbeitung von Schmerz, Erfolgsdruck und weshalb es wichtig ist, heranwachsenden Frauen mehr Gehör zu schenken.

Musikexpress.de: Shirin, wie würdest Du Dein Album in fünf Wörtern beschreiben?

Shirin David: Puh! Ich glaube, Wut ist auf jeden Fall ein wichtiger Aspekt des Albums. Auch Mut, weil ich zuvor immer eine defensive Haltung hatte und mich nun zum ersten Mal positioniert habe. Gleichzeitig klingt es erwachsen, da man seit meinen vorherigen Sachen einen Prozess und ein Wachstum erkennen kann. Dabei ist das Album auch ehrlich und abrechnend.

Obwohl Deine Albumsongs eher konfrontierend sind, zeigst Du Dich auf dem Cover von einer sensibleren Seite. Wie kam es dazu?

Shirin David: Ich wollte für das Cover etwas sehr Nahes und Persönliches haben. Bevor du als Befreiungsschlag Sachen sagst wie „ab jetzt könnt ihr mich canceln“, durchlebst du mehrere Stadien der Verarbeitung aus viel Wut, Trauer und Schmerz. Natürlich liefen die letzten sieben Jahre für mich mehr als gut und ich bin in einer sehr privilegierten Lage. Trotzdem entstand das Album aus viel Leid. Und auch wenn es BITCHES BRAUCHEN RAP heißt und laut ist, muss man durch eine schwere Zeit gehen, um überhaupt laut werden zu können. Deswegen sollte das Coverartwork eine Frau zeigen, die durch Schmerz gegangen ist, ihn verarbeitet hat und nun darüber steht.

Auf Instagram hast Du erklärt, dass es Dir wichtig sei die Reihenfolge der Trackliste einzuhalten. Weshalb?

Shirin David: Der erste Song „Babsi Bars“ war für mich ein bisschen der Opener einer neuen Ära. Er ist auch das erste Lied, das ich mit Laas geschrieben habe. Dafür haben wir uns zusammengesetzt und einfach darüber gesprochen, was mir zu der Zeit auf der Seele brannte. Und ich habe das Gefühl, dass durch den Song die Entstehung des Albums eingeleitet worden ist – bevor dieses überhaupt angekündigt wurde. Die danach entfachten Diskussionen darüber, dass ich die Songs nicht selber schreibe, die NDA’s und wie ich Credits an Songwriter und Produzenten gebe, haben dem Album den Input gegeben und sind die Themen, die ich darin auch anspreche. Der letzte Song „Bramfeld Storys“ soll die Leute abschließend nochmal auf eine Reise in die letzten sieben Jahre mitnehmen und wie es zu allem kam. Grundsätzlich finde ich es wichtig, dass Alben als ein ganzes Kunstwerk gesehen werden und nicht als einzelne, schnelle Singles.

Wie ist es mit Laas über persönliche und intime Erfahrungen zu sprechen, wissend, dass er anschließend darüber einen Song schreibt?

Shirin David: Laas und ich mussten viel über meine persönlichen Gedanken miteinander reden, bevor das Schreiben begann und genau deswegen setze ich auch NDA’s auf. Die Leute verstehen nicht, dass ich dir einhundert Sätze sagen muss, um zwanzig aufzuschreiben. Du musst die Geschichten viel ausführlicher hören, um sie verstehen zu können. Und dann braucht man jemanden wie Laas, der empathisch und reflektiert ist, der das Talent hat wirklich zuhören zu können. Mittlerweile haben wir einfach ein Vertrauensverhältnis, aber ich saß auch mit Songwritern zusammen, wusste, dass ich über ein bestimmtes Thema reden möchte und es mit ihnen nicht konnte. Ich habe enormen Respekt vor allen Rapper*innen, die ihre Tracks selber schreiben und vor allem bin ich Laas sehr dankbar.

In „Depressionen im Paradies“ machst Du in einem Telefonmitschnitt mit Deiner Schwester klar, unter Deinem Perfektionismus zu leiden. Wie sehr stellst Du Dich selbst unter Druck?

Shirin David: Ich spreche ungern darüber, weil ich weiß, dass ich mich in einer bevorteilten Lage befinde, aber ich habe dieses Jahr gelernt, dass ich dafür auch Opfer bringen muss. Zum Beispiel keine Freunde mehr zu haben, weil es zeitlich nicht machbar ist Kontakte zu pflegen. Es gibt Freitagabende, an denen ich gerne mit einer Freundin etwas trinken gehen wollen würde, aber ich habe einfach keinen Zugang mehr dazu. Das sind Dinge, die mir fehlen. Ich stehe jeden Tag unter Druck: Ich muss gut aussehen, zum Training gehen, Bilder machen, perfekt auswendig rappen können, die neuesten Klamotten tragen, mich positionieren und darf keine Fehler dabei machen, sondern muss next level sein. Aber meine Schwester und meine Mutter sind meine Art Therapiezentrum. Ich struggle zwar jeden Tag, aber bin auch maximal bereit dafür.

Gibt es Tage, an denen Du gerne mal eine Pause davon hättest DIE Shirin David zu sein und einfach unerkannt und ohne Stress auf die Straße zu können?

Shirin David: Das auf jeden Fall (lacht). Ich sage echt jede Woche, dass ich nach Bali ziehe, dort eine Kokosnuss-Bar eröffne und sie „Babsis Kokosnüsse“ nenne – ich weiß gar nicht, warum. Einmal hatte ich im Studio einen Nervenzusammenbruch und habe gegoogelt, ob man ohne Abi in London Business-Marketing studieren kann. Dabei habe ich realisiert, dass ich bei meinem Abschluss 30 wäre, daraufhin bin ich aufgestanden und habe weitergemacht. Innerlich habe ich echt so oft schon meine Karriere beendet und bin ausgewandert (lacht), aber irgendwie machst du das dann doch nicht. Ich bin noch nicht an dem Punkt einen endgültigen Cut zu machen, weil da noch zu viel offen ist. Aber vielleicht bin ich das irgendwann. 

Im Intro von „Last Bitch Standing“ hört man einen Interviewausschnitt von Nicki Minaj, in dem sie die Umstände der Frauen in der Musikbranche anspricht. Wieso hast Du gerade diesen verwendet?

Shirin David: Weil dieses Interview für mich sehr wegebnend war, da es den Kampf einer jeden Frau, unabhängig von ihrer Position oder Tätigkeit, beschreibt. Jede Frau spürt, was Nicki dort anspricht. Auch diese Wut mit der sie es sagt. Damit hat sie mich maßgeblich inspiriert, deswegen soll es auch ein Zeichen von Dankbarkeit und Liebe zu ihr sein. Dankbarkeit dafür, dass sie mir gezeigt hat, dass es okay ist, selbstbewusst zu sein, auch wenn uns ständig beigebracht wird, man gelte dann als zickig. Es hat mir so viel gegeben das gehört zu haben und nun will ich das, was ich sagen möchte, mit ihr einleiten.

In BBR greifst du die Kritik auf ein „Schlechtes Vorbild“ zu sein, allerdings aus der Sicht eines 14-jährigen Mädchens. Wie kam es zum Perspektivenwechsel?

Shirin David: Ich finde, dass die meisten nicht verstehen von wo die Wünsche kommen, die man später äußert. Die intensivsten Träume, die man hat, entstehen nicht in den Zwanzigern, sondern in der Kindheit oder Jugend. Gleichzeitig nimmt man junge Mädchen nicht ernst und hört ihnen nicht richtig zu, sondern schiebt es auf die schlechten Vorbilder. Das ist das Problem. Auch bei mir – zum Glück nicht Zuhause – wurden von außen immer meine Ängste und Meinungen klein gemacht. Du stellst dir in der Zeit viele Fragen, aber hast das Gefühl von niemandem verstanden zu werden, wegen Situationen, in denen du in der Schule fertig gemacht wirst, weil man deinen BH-Träger im Sportunterricht gesehen hat. Deswegen schreibt sie das Mädchen in dem Song diesen Brief, um sich jemandem mitzuteilen. Die Inspiration dazu kam von Eminems und Didos „Stan“, deswegen die Briefform. 

Video: Shirin David- „Schlechtes Vorbild“

Du beschriebst „Bramfeld Storys“ als Deinen aufwendigsten Song: neun Tage schreiben, fast neun Minuten Länge, 154 Bars. Wie kann man sich den Entstehungsprozess vorstellen?

Shirin David: Die Idee war es, meine Geschichte seit 2014 zu erzählen und zu sagen, dass ich nicht „industry made“ bin, weil das oft der Vorwurf ist. Eines Tages kam Laas überraschend mit einer kleinen Niederschrift meiner Biografie zu mir. Ich wusste von gar nichts und es war furchtbar (lacht). Die Hälfte war nicht wahr und mit völlig falschen Infos aus dem Internet. Also wollten wir ein wenig ändern… und so sind dann einfach aus zwei Minuten fast neun geworden. Wir haben wirklich neun Tage lang den Song bei mir zuhause strukturiert, Sachen umgeworfen, Lines angepasst und immer wieder gemerkt, dass wir noch was vergessen haben. Am Anfang gab es auch noch nicht verschiedene Beats, sondern nur einen, der neun Tage konstant lief (lacht).

Die meisten Rapsongs dauern zwei Minuten, weshalb hast Du Dich dazu entschieden den Track so lang zu lassen?

Shirin David: Auf „NDA’s“ sage ich auch: „Mit zwei Minuten minimum das Maximum verdienen“ (lacht). Die erste Version vom zweiten Album, was 2020 erscheinen sollte, die ich dann aber gecancelt habe, war genau so eine Musik: Playlistenmusik. Die hätte im Streaming funktioniert, hatte stabile Sachen und coole Hooks. Aber für Laas und mich – und deswegen liebe ich Laas – steht Kunst über Kommerz. Ich weiß, es ist nicht das streambarste Album und viele hätten sich andere Hooks und ein bisschen leichtere Sachen gewünscht, aber das passt gerade nicht in diese Ära. Ich kann jetzt keine Radionummer machen, nur weil es vielleicht für irgendwelche Zahlen cool wäre. Es ist mir bei diesem Album wichtig, dass alle Sachen gesagt werden und nicht ein oberflächlicher Song darauf ist. 

Video: Shirin David- „Bramfeld Storys“

Du hast zu allen Deinen Feature-Partnern eine Art emotionale Bindung, sei es melancholisch wie bei Kitty Kat oder freundschaftlich wie bei Shindy. Hast Du Traumfeatures, die Du gerne noch realisieren willst?

Shirin: Das ist sehr gut analysiert, aber: Ich bin ein wenig abergläubisch durch die litauische Kultur. Ich habe immer Angst, wenn ich etwas verrate, dass es nicht in Erfüllung geht. Weil man das bei uns so sagt. Außerdem muss auch der Song passen. Bei „Be a Hoe/Break a Hoe“ wusste ich einfach, dass Kitty Kat darauf muss. Und auch wenn Shindy sich bei „NDA’s“ zwar selbst eingeladen hat (lacht), hat es unfassbar gut gepasst und es war mir natürlich auch eine Riesen Ehre, dass er diesen Song beim Durchhören meines Albums so gefeiert hat, dass er einfach einen Part darauf geschrieben hat. Im Deutschrap wünscht sich jeder Künstler ein Feature mit Shindy. Es sind aber auf jeden Fall noch Features offen, die ich gerne machen wollen würde.

Hört hier Shirin Davids Album BITCHES BRAUCHEN RAP (hier zu unserer Kritik) im Stream:


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