Fotos und Nachbericht

So laut läuteten Casper, Kraftklub und K.I.Z in Berlin die Festivalsaison ein

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Wenn Casper, Kraftklub und K.I.Z. einladen, um sozusagen den bevorstehenden Festivalsommer einzuläuten, dann fahren Berliner auch raus bis nach Spandau. Oder vielleicht war es ja doch der Charity-Gedanke der Veranstaltung, der die Massen an diesem Abend an den Rand der Stadt bewegt hat? Sämtliche Einnahmen der „Wiedervereinigung 2.0“ gehen laut Artists „an die Leute, die sonst an so einem Abend manchmal übersehen werden: Die Crews und Helfer*innen.“ Es ist ein Abend wie gemacht für gutherzige Millennials, die mit den Klängen von Kraftklub ihre ersten Festivals erlebt und den ersten Herzschmerz mit dem Casper-Album XOXO überlebt haben. Dass alle Fans kurz vor Beginn des Mini-Festivals Wheatus´ „Teenage Dirtbag“ fehlerfrei mitgrölen, dürfte also niemanden wundern.

 

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ZURÜCK ZUR NORMALITÄT

Den Anfang macht um kurz nach 20 Uhr Casper – und haut direkt zu Beginn die Erfolgssingle seines aktuellen Albums raus. Sobald die ersten Töne von „Alles war schön und nichts tat weh“ erklingen, wird gesprungen, getanzt und gesungen, als hätte es die Pandemie nie gegeben. Mit „Im Ascheregen“ und „Auf und davon“ holt der 39-Jährige dann auch all diejenigen ab, die sich zu Fans seiner frühen Werke zählen. So richtig emotional und nostalgisch wird es, als Felix Kummer von Kraftklub auf die Bühne kommt, um gemeinsam den Song „Ganz schön okay“ aus dem Jahr 2013 zu performen. An diesem grauen Samstag im Mai, zwei Jahre nach Beginn der Pandemie, bekommen die Zeilen „Trotz all den Wolken und Regen, vielleicht doch der Sommer des Lebens“ eine ganz besondere Bedeutung.

 

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Casper, soviel weiß man, liefert live ab. Nicht nur stimmlich. Auch für seine Performance liebt ihn an diesem Abend die Crowd. Denn Benjamin Griffey, wie der Rapper bürgerlich heißt, springt und tanzt quietschfidel über die Bühne, als ob’s kein Morgen gibt. Nach einer bunten Wundertüte an Werken, darunter auch ein Stück von seinem Album 1982 mit Marteria, beendet Casper die Show mit seinem wohl festivaltauglichsten Song „Jambalaya“, der vor der Bühne noch mal zu ordentlicher Eskalation führt. Nach nur 50 Minuten ist das Set vorbei. Eine kleine Enttäuschung, aber the show must go on. Pünktlich um 21 Uhr soll nämlich schon der nächste Act auf der Bühne stehen: Kraftklub.

Wer findet, dass die Show von Casper zu kurz war, dürfte nach dem Auftritt von Kraftklub eine Beruhigungstablette in Form von Hochprozentigem brauchen. Die Band aus Chemnitz – oder Karl-Marx-Stadt, wie sie selbst sagen – ist schnell auf der Bühne und schnell wieder runter. Nur knapp 40 Minuten dauert das Set. Wer also an diesem Abend vor allem die Band mit K sehen wollte und 65 Euro für das Ticket hingeblättert hat, dürfte niedergeschlagen nach Hause gegangen sein. Das ist besonders schade, weil die Band um Felix Kummer wie immer eine Performance hinlegt, die sich gewaschen hat.

EINE KATHARSIS IN SPANDAU

Schon nach dem ersten Song „Unsere Fans“ steht niemand mehr da, wo er oder sie noch vor drei Minuten stand. Das Muskelgedächtnis scheint bei den Kraftklub-Fans noch bestens zu funktionieren, denn kein Song wird ohne Moshpit und liebevolles Rumschubsen begangen. Vor lauter Euphorie muss die Band jedoch zu Beginn noch mal daran erinnern: „Wenn jemand hinfällt, dann hilft man sich auf. Lasst uns das so machen, dass sich wirklich alle im Moshpit wohlfühlen.“ Nach dem kurzen Sicherheitshinweis geht es weiter im Programm.

Mit dabei hat die Band auch eine Weltpremiere: Ihre neue Single „Wittenberg ist nicht Paris“ spielen sie an diesem Abend zum allerersten Mal live. Und obwohl der Song musikalisch auf den ersten Blick nicht direkt zum Pogen einlädt, macht es das feierwütige Publikum trotzdem. Wiedervereinigung ist eben nicht alle Tage. Als dann „Randale“ erklingt, ein Song, den es nur in der Live-Version bei Spotify zu hören gibt, zeigt sich: Kraftklub haben ihre Fans bestens trainiert. Ganz ohne Anweisungen gehen tausende Berliner*innen in die Knie, springen auf und werfen hunderte Becher und Gegenstände in die Höhe. Zu dieser Katharsis hatte Felix Kummer an diesem Samstag ausnahmsweise mal nicht aufgerufen, doch eingefleischte Fans wissen, zu „Randale“ gehört das dazu. Für das Closing des Sets kommt erneut Casper auf die Bühne und macht aus dem All-Time-Favorit „Songs für Liam“ kurzerhand ein Duett.

Nach einer kurzen Pause folgt für viele an diesem Abend das absolute Highlight. K.I.Z kommen zu den Klängen von „Everybody“ von den Backstreet Boys auf die Bühne und die Menge tobt. Zu diesem Zeitpunkt hat auch der Alkoholpegel bei vielen den Höhepunkt erreicht. Während es bei Casper um Mental Health geht und von Kraftklub sozialer Widerstand angezettelt wird, werden bei K.I.Z. andere Töne angeschlagen. RAP ÜBER HASS – das aktuelle Album der Band aus dem Jahr 2021 – beschreibt ihren Auftritt in der Zitadelle nur zu gut. Direkt mit dem ersten Song machen die Berliner klar, was nun passieren wird: „Ich ficke euch (alle)“. Bei „VIP in der Psychiatrie“ gehen alle erneut in die Knie. Als die Menge aufspringt, bebt der Erdboden in der historischen Festung am Rande der Stadt so stark wie den ganzen Abend nicht.

K.I.Z. bringen „eine gute Portion Fun nach der Pandemie“ mit, die sich gewaschen hat. Bei dem Song „Bier“ von Maxim und den Drunken Masters fühlt es sich kurz an, als wäre man doch tatsächlich bei einer Ballermann-Party gelandet, was wohl nicht zu sehr verwundert, schließlich feiert die Crowd an diesem Samstag im Jahr 2022 noch immer „Fick deine Mutter Rap“, wie es K.I.Z. selbst nennen. So eskalativ wie ihre Lyrics – hier wird schamlos darüber gerappt, dass man sich an Leichen vergeht – ist mittlerweile auch das Publikum unterwegs. Knapp 40 Minuten nach Beginn der Show brennt inmitten der Menschenmassen das erste bengalisches Feuer.

 

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„ZEIT FÜR FREUNDE“

Für das große Finale holen K.I.Z. um kurz vor 23 Uhr noch einmal Casper und Kraftklub auf die Bühne. Gemeinsam performen die drei Acts des Abends unter dem genialen Künstlernamen „Achtzig Tausend Millionen“ den Song „Geboren weil du lebst“, den sie kurzerhand für dieses Event geschrieben zu haben scheinen – mit unausgesprochenen Grüßen an Max Giesinger, Unheilig und die Onkelz. Die schlagereske Hymne, die fortan wohl vor allem morgens um 3 Uhr in einer Berliner Eckkneipe von Männern mit Bierbauch Arm in Arm gesungen wird, bildet einen überraschend zahmen Abschluss des Abends. Vielleicht ist das aber auch gar nicht so schlecht, schließlich muss das Berliner Feiervolk in dieser Samstagnacht ja noch den langwierigen Heimweg aus Spandau auf sich nehmen. Fazit: Wiedervereinigung gelungen.



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