Nachbericht

Splash!-Festival 2018: „Sind Sie der Herr Cro?“

Hunderte von Jugendlichen laufen schnellen Schrittes in die gleiche Richtung. Die T-Shirts haben sie ausgezogen und um die Gesichter gewickelt. Bei knapp 30 Grad Celsius steht der Staub in der Luft. Ob KitschKrieg-Protegé Joey Bargeld oder Zugezogen Maskulin, die Auftritte sind energiegeladen wie die Powerbank im Festival-Beutel und wirbeln nur noch mehr Staub auf. Schon am späten Freitagnachmittag spuckt man schwarzen Schleim auf die glühenden Asphaltwege, die sich durch Ferropolis schlängeln.

Durch die Umgestaltung und Vergrößerung der Hauptbühne haben selbst Acts wie Prinz Pi und Savas & Sido mittlerweile Probleme, die Betonbecken zwischen den gigantischen Maschinen zu füllen. Die Stimmung beim Splash! 2018 ist trotzdem gut, die ersten Sonnenbrände sind schnell da. Die überraschendste Erkenntnis für den nicht mehr ganz jungen Festivalbesucher gibt es auf einer der kleineren Stages: Lil Pump ist 2018 das, was früher Tokio Hotel waren. Junge Mädchen brechen vor „Gucci Gang“ in Tränen aus, es gibt Ohnmachtsanfälle, benommene Heranwachsende werden von den Securitys zur eigenen Sicherheit aus dem Publikum gezogen. Pump selbst steht irgendwann nur noch in Boxershorts auf der Bühne. Vielleicht hätte er auch die Hauptbühne vollbekommen, wenn man ihm die Chance gegeben hätte.

Lil Pump

Brechend voll ist derweil die Snipes Mainstage das erste Mal bei RIN. Der springt bei bester Laune zu Halb- und manchmal Vollplayback über die Bühne (hier zum Stream des Konzerts), den Zuschauern reicht das. Die Leute, die keinen Bock auf  sogenannten Turnup haben, sind zu diesem Zeitpunkt eh entweder bei Luciano, dem Berliner mit dem aggressiven Stakkato-Flow und den Fußball-Lines oder beim Karlsruher Haze, der zum zigsten Mal die Geschichte seiner Hündin erzählt, die einen unliebsamen Einbrecher in den Arm gebissen hat, so dass dieser schneller wieder aus dem Fenster raus war, als man „True story“ sagen kann. Beeindruckend ist diese Geschichte immer wieder.

Ein Tropfen Alkohol für ausgebrannte Autos

Die Hitze bestimmt dieses Splash!-Wochenende. Bei erhöhter Brandgefahr sieht man vom Parkplatz irgendwann dicke schwarze Rauchschwaden aufsteigen, macht sich eigentlich viel zu wenige Sorgen, was das eigentlich sein könnte und erfährt später, dass wirklich ein paar Autos Feuer gefangen haben und ausgebrannt sind. Besucher gießen einige Tropfen Alkohol auf den Boden. Für die armen Seelen, die nach dem Festival nicht mehr so leicht nach Hause kommen.

Fast unbemerkt hat der Täubling samt Hasenmaske und Champagner vor knapp 20 Leuten einen der schönsten Splash-Auftritte der jüngeren Festival-Geschichte, auch wenn Punchlines wie „Ich bin gefährlicher als die römisch-katholische Kirche“ nicht jedermanns Sache sind. Aber für Liebhaberthemen wie Sichtexot oder Corn.Dawg stehen mit Green Stage und The Corner eben auch kleinere Bühnen in einem abgeschiedeneren Teil der Insel. Hier muss man sich nicht vor fliegenden Bierbechern oder Tetrapaks hüten, sondern kann sich der Musik widmen.

US-Auftritte werden zur Geduldsprobe

Bhad Bhabie

Einige fliegende Becher gibt es bei dem Love-it-or-hate-it-Auftritt schlechthin: Bhad Bhabie aka das Cash-Me-Outside-Girl, die durch besonders asoziales Verhalten in einer US-Talkshow bekannt wurde, lässt ihre Fans eine satte halbe Stunde warten, in der ein Double (das als solches natürlich nicht erkannt wird) immer wieder über die Bühne läuft und Aufnahmen mit dem Handy macht. Gerade als eine ganze Reihe von Leuten genervt den Auftritt verlassen hat, springt die 15-Jährige doch selbst auf die Bühne und keift, spittet, reißt ab, dass man nach dem Moshpit an einer ganz anderen Stelle steht, als noch 30 Sekunden zuvor. Trotzdem bleibt der bittere Beigeschmack, der im Querschnitt viele der US-Auftritte begleitet: Die DJs nutzen die ersten 10 bis 20 Minuten für Anheizer und Call and Response, was in manchen Momenten, gerade bei der Hitze und dem Staub, eher ein Zerreißprobe für den Geduldsfaden ist. So verlässt man immer wieder Konzerte nach wenigen Songs, weil man selbst dafür schon eine halbe Stunde auf den müden Beinen stand.

Einen der schönsten Momente gibt es am Sonntag im Bereich hinter der splash! Mag Stage, die direkt an Strand und Wasser aufgebaut ist. Eine lokale Renterin mit Rollator, die das Festival umsonst besuchen kann, fragt wahllos Leute, ob sie der „Herr Cro“ seien. Schließlich wüsste sie ja nicht, wie er aussieht. Am Ende hat sie zahllose Autogramme gesammelt. Vermutlich nicht von Herrn Cro, dafür unter anderem von einem sehr geduldigen Vince Staples. Beide machen am letzten Festivaltag übrigens eine super Show. Staples ist mit seinen Techno-inspirierten Beats eine willkommene Abwechslung, ballert den Bass in den staubtrockenen Boden und bringt mit Uptempo wieder Bewegung in die mittlerweile etwas müde Festivalcrowd. Genau da schließt nach ihm auch Tyler, the Creator an. Er flucht, schreit und springt rum und macht den Sonntagabend noch mal zu einem Happening. In den Stories, die die Fans währenddessen aufnehmen, sind viele Herzchenaugen-Emojis zu sehen.

Während man ein letztes Mal in sein Handbrot beißt und die letzten Tage Revue passieren lässt, spuckt man immer mal wieder ein paar klumpige Brocken Staub aus, ärgert sich ein wenig über die vergrößerte Mainstage und die Auswahl der Künstler die dort spielen oder eben nicht spielen durften, aber pünktlich zum abschließenden Feuerwerk ist man mit dem Splash! wieder im Reinen und gerade als man sagen wollte, dass man zu alt für den Scheiß ist, da ist man doch wieder verliebt.

Tabatha Fireman Getty Images
Scott Dudelson Getty Images

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