Popkolumne, Folge 79

Tollwut, Thees – und Bier für LGBT-freie Zonen: Volkmanns Popwoche im Überblick

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LOGBUCH: KALENDERWOCHE 33/2020

Im Sommer auf Konzerte gehen… eigentlich verdammt banal, aber wer es kurz vergessen haben sollte, wir schreiben immer noch das Seuchenjahr 2020. Da ist es dann doch ziemlich aufregend, in einer zerdehnten Schlange vor dem Tanzbrunnen in Köln zu warten. Drinnen dann mit Maske am Pommes-Stand stehen, die Sonne brennt, es ist beruhigend viel Platz überall. Die Atmosphäre wirkt durch die besondere Situation wacher und konzentrierter als sonst. „Ihr dürft nicht mitsingen“ – wird allerdings eine Herausforderung sein, die der Performer hier gleich bewältigen muss. Doch es handelt sich bei jenem um Thees Uhlmann, der könnte sein Publikum vermutlich auch durch schlimmere Weltuntergänge moderieren. Uhlmann, dieser deutsche Jürgen Klopp, erzählt, spielt und liest relativ unvermittelt eine Sexszene aus seinem Buch „Sophia, der Tod und ich“ vor. Und spätestens bei dem Song „Danke für die Angst“ muss jede*r einsehen, dass das hier nicht nur großes Entertainment, sondern auch große Musik ist.

LGBT-freie ZONE DER WOCHE: TYSKIE-BRAUEREI

Queeres Leben muss sich überall behaupten, doch wenn es auch von der herrschenden Politik angefeindet wird, bekommen natürlich die reaktionären Affen richtig Oberwasser. Herzlich willkommen im Polen der Jetztzeit. Die Saat der konservativen Regierung um Präsident Andrzej Duda geht an vielen Orten auf – und als wäre das nicht elend genug, sponsort die Brauerei Piwowarska eine Gala der rechtsnationalen Zeitung „Gazeta Polska“. Jene verteilen unter anderem Aufkleber mit der Aufschrift „LGBT-freie Zone“. Für die Bierbrauer, zu deren Produkten unter anderem die auch in Deutschland verbreitete Marke Tyskie zählt, offenbar kein Problem. Na, dann Prost!

Garantiert kein Tyskie
Foto: @1234just

DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE: BABSI TOLLWUT

Babsi Tollwut habe ich auf der Abschiedstournee von Sookee kennengelernt. Zusammen mit Spezial-K hat sie dort auf der Bühne ein Set beigesteuert. HipHop, der für eine gerechtere Welt streitet und dabei aber immer schnoddrig den Rotz hochzieht. Für Hits wie die von Babsi müsste der alte Kollegah lange stricken. Das ist safe.

Wie hast Du den Lockdown erlebt?
BABSI TOLLWUT: Es war wie aus einem Traum aufwachen – und in einem Alptraum landen. Denn die letzte Erinnerung davor ist das Abschluss-Konzert von Sookee in Berlin, wo ich Support gespielt habe. Ganz kurz darauf bin ich im dm, alle Regale leer und alle meine geplanten Konzerte wurden abgesagt. Sojamilch war auch aus – und ich hab gar nix mehr gecheckt.

Du hast in diesem Jahr dennoch Musik aufgenommen, Business as usual oder wie lief es?
Nee, ich bin in dem Lockdown erstmal in meine „Flucht nach vorn“-Manie verfallen, habe tagelang Tracks geschrieben und alles losgetreten, was ging, um bloß nicht in ein Loch zu fallen. Dann wollte ich aufnehmen gehen, aber alle, die ich gefragt habe, so „Ne, sorry, kein Studio wegen Corona“. Bisschen später haben sich alle irgendwie arrangiert und ich konnte ganz normal aufnehmen, nur ohne Umarmung an Anfang. Halt mit dem Corona-Schuh-Check, wie man das eben jetzt macht.

Du spielst am Wochenende wieder live – wie erlebst Du es? Irritation, Erlösung, Vorsicht?
Nachdem ich bei der Livestream-Sache ein bisschen das Gefühl hatte, ich bin ein armer verrückter Wellensittich, der sich selber vor einem Spiegel bespaßt und so seine Einsamkeit erträglicher macht, empfinde ich es hauptsächlich als Erlösung. Hab‘ mir aber auch überlegt, dass ich nochmal auf Solidarität mit allen hinweise – also dass die Leute sich an die Abstandsregeln halten sollen und so. Fühl‘ mich da natürlich verantwortlich, aber ich freu‘ mir auch ein Loch in den Arsch, wieder live vor echten Leuten auftreten zu können! Die Mucke ist ein riesiger Anteil meiner Identität, der die ganze Zeit auf dem Trocknen lag. Toll, dass ich Babsi mal wieder Gassi führen kann.


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ANKÜNDIGUNG DER WOCHE: THE SCREENSHOTS

The Screenshots haben mit spleenigem Schrammelpunk auf dem Kurznachrichtendienst Twitter ihren Ausgang genommen. Der übersprudelnde Insider-Joke wuchert seitdem allerdings energisch darüber hinaus – also über Twitter UND über Schrammelpunk. Diese Woche wurde seitens des sympathischen westdeutschen Trios ein neues Album in Aussicht gestellt. „2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee“ soll es heißen und am 16.Oktober erscheinen.

Der Hype ist real. The Screenshots sind nicht mehr virales Gag-Phänomen – viel eher deutscher Art-School-Punk. Post-ironische Texte über Schokoriegel treffen auf Emo und Verzweiflung – genau die Spannung, an der man wirklich interessante Acts erkennt. Vorausgeschickt haben sie uns aktuell dieses Stück:


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KOMMENTAR DER WOCHE: ZAP

„Die einzige Frau, die musikjournalistisch was auf die Kette bekommt, ist Linus Volkmann.“ (Zap 154)

ZAP, das wiederbelebte Magazin des internationalen Rotzlöffeltums, besitzt heute etwas von Al Bundy mit Iro. Ein wenig überholt, irgendwie originell, mal zum Lachen, mal zum Augenrollen. Ich habe es (siehe Ausriss) in eine der Comeback-Ausgaben geschafft, zumindest als Empfänger von dieser Mischung hier aus, ja aus was eigentlich?, „Diss“ und „Hommage“? Keine Ahnung, aber Punk.

VIDEO DER WOCHE: KALEO SANSAA

Also wenn das hier nicht der Sound der Zukunft ist, dann weiß ich aber auch nicht. Kaleo Sansaa aus Köln erinnert mit ihrer Mischung aus hochinszenierter Rap-Coolness und sehr archaischen afrikanischen Elementen an Sampa The Great. Wäre ich in einer großen Plattenfirma, ich hätte keine Ruhe mehr, bevor ich sie nicht gesigned hätte…


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MEME DER WOCHE

PunHub

GUILTY OR PLEASURE (90S-EDITION, PT.12): CLAWFINGER

Die Sache ist ganz einfach: Ein verhaltensauffälliger Act aus dem Trash-Kanon der 90er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Urteilt selbst!

FOLGE 12:
Clawfinger
 

HERKUNFT: Schweden / Norwegen
DISKOGRAPHIE: 7 Studio-Alben
ERFOLGE: Das Debüt-Album „Deaf Dumb Blind“ von 1993 erreicht in Deutschland Gold-Status für über eine Viertelmillion verkaufte Tonträger.

TRIVIA: Ihr größter Hit ist mit Abstand einer der kontroversesten Songs der 90er-Crossover-Geschichte: In „N*****“ richtet man sich an die afro-amerikanische Community, um diese zu belehren, dass sie diesen abwertenden Begriff doch nicht für sich selbst benutzen solle. Die Intention des Stücks ist durchaus anti-rassistisch, das Ergebnis allerdings das Gegenteil. Heute – zum Glück – ein undenkbarer Text, aber schon damals auch ein ziemlicher Affront.

PRO
Sie waren die europäischen Rage Against The Machine, mit der typisch skandinavischen Fähigkeit, einen bestimmten Sound gleichsam cool, eingängig und geleckt aufstellen zu können. Die Energie von Clawfinger hat die damalige Konkurrenz an die Wand gedrückt.

CONTRA
Wie peinlich kann man als weiße Rockband sein? Nun, Clawfinger mit ihrer dick-eiernden Klischee-Mucke sind dahingehend das Maß aller Dinge. Überflüssiger Mucker-Stammtisch, von dem natürlich nur dieser eine unsägliche Refrain-Shout übrig geblieben ist. Vorsicht, hier kommt er auch noch mal…


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