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Twitter-Talk

El Hotzo im Interview: „Ich kann mir Lustigeres als Dieter Nuhr vorstellen“

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Sebastian Hotz alias El Hotzo schreibt Scherze ins Internet. Vornehmlich auf Twitter und Instagram. Vor zwei Jahren zählte er ein paar hundert Follower*innen, jetzt sind es hunderttausend, jeden Tag werden es mehr. Seine Tweets verbinden Haltung mit Humor, neue Generationen, die Stefan Raab nur noch aus Überlieferungen kennen, haben auf Social Media ihre Gag-Gurus gefunden. El Hotzo ist einer davon. Im analogen Leben studiert er in Bielefeld, ist 24 Jahre, hat keine Texterfahrung – und ist außerdem der Netz-Dude der Stunde.

Das ist ja das Geile an einer Sucht, man muss sich überhaupt nicht zwingen.

Musikexpress: Bei der Interviewanfrage hast du auf den Vorschlag, sich montags um 14 Uhr zu treffen, geschrieben, das passe perfekt. Hast du also wirklich nichts zu tun, außer Gags im Internet rauszuhauen?

SEBASTIAN HOTZ: Bis letzten September habe ich in einem Großraumbüro gearbeitet – und bin an dem Job auf allen Ebenen zerbrochen. Jetzt studiere ich, jobbe nebenbei und schreibe Dinge im Netz.

Der letzte Tweet eines Tages datiert nach Mitternacht und frühmorgens gibt’s schon wieder den ersten neuen zu lesen. Benötigst du Disziplin, um diesen täglichen Output aufrecht zu erhalten?

Das ist ja das Geile an einer Sucht, man muss sich überhaupt nicht zwingen. Und klar, Quantität ist auf jeden Fall eines meiner hervorstechenden Merkmale. Was ich tue, ist auf jeden Fall auch manisch.

Wo nimmt dieser Internet-Fame seinen Anfang? Du bist als ganz einfacher User gestartet, ohne irgendeine mitgebrachte Bekanntheit.

2017 habe ich damit begonnen, mein Twitterprofil als eine Art Tagebuch zu führen. Mir war bewusst, niemand interessiert sich für meine Gedanken und dementsprechend war es ein krasser Moment, als sich ein Jahr später hundert Leute gefunden hatten, die mir folgten. Und dann nahm das plötzlich diese Kurvenform an, also exponentielles Wachstum.

Deine Karriere ist die menschliche Entsprechung der Corona-Infektionen ohne Lockdown?

Ja, bloß dass es bei mir keine zweite Welle geben wird. Bei Internet-Hypes gibt es sowas nie.

Aber denk doch mal an Peter Wittkamp, der hat vor zehn Jahren im Netz schon mit seinen lustigen Listen abgeräumt und arbeitet mittlerweile mit Felix Scharlau u.a. für die „heute show“-online und steht für diese beliebte BVG-Kampagne in Berlin.

Stimmt, ich sollte irgendwann über ein Re-Branding mit Schnurrbart nachdenken.

In einem Podcast erfährt man, dass du das Anerkennungs-Prinzip von Social Media perfektioniert hast. Wenn jemand zum Beispiel bei Instagram kommentiert: „Gestern war’s lustiger“, dann löschst du den Kommentar – und sperrst die Person.

Haha. Ja, bei Instagram Kritiker*innen zu löschen, das ist eine seltsame Machtposition – aber auch eine gute… Wenn sich jemand einen langen Kommentar abbricht, warum ich mit einem Joke Werbung für Ladendiebstahl machen würde und ich den mit einer Fingerbewegung löschen kann, das hat einfach was. Ich schulde den Leuten doch nichts, ich liefere ihnen gratis Witze. Nur wenn ich unbewusst jemand diskriminiere, das nehme ich mir schon zu Herzen und lösche dann auch Postings.

Viele Marken entdecken heute das „lustige Internet“, wäre das was für sich? Humor als Auftragsarbeit?

Wenn mich beispielsweise Mercedes bezahlen würde für eine Kampagne, dann könnte ich im Umkehrschluss ja schon wieder keine Witze mehr über den Konzern machen und vielleicht auch nicht über brennende SUVs in Hamburg – das wäre doch blöd. Für mich sind meine Profile eher ein Portfolio. Mich kennen jetzt Menschen, mir eröffnen sich Möglichkeiten, das verschafft mir zum Beispiel freie Autorenjobs. Außerdem wurde ich gefragt, ob ich ein Buch schreiben möchte. Das ist ein riesiger Traum von mir – und das wird jetzt passieren. Vor Jahren noch hatte ich diesen Wunsch schon aufgeben und mich damit abgefunden, meine Gedanken auf ewig in einem unkreativen Job in Excel-Tabellen pressen zu müssen. Jetzt durch diese Hintertür Social Media wird das plötzlich alles möglich – und dafür muss ich nicht irgendeiner Werbeagentur zuarbeiten.

Aktuell setzen die großen Firmen oft keine Produkte mehr in Szene, sondern wollen Emotionen auf sich münzen. Verständnis soll man dann beispielsweise verbinden mit einer Creme von Nivea, seine Freunde lieben gehört bald Procter & Gamble und Dr.Oetker möchte im Netz für ein Lachen stehen.

Warum soll ich heute bloß eine emotionale Verbundenheit mit jeder einzelnen Marke besitzen? Dr. Oetker ist für mich kein „lustiger“ Konzern, das ist etwas, was ich mir koche, wenn ich verzweifelt bin.

Verzweiflung: Diese Emotion sollten die PR-Agenturen eines Konzerns mal für sich entdecken.

Burger King hatte in den USA zuletzt das Thema Mental Health für sich in Anspruch genommen. Das mündete in einem Anti-Depressions-Burger, der dazu angeboten wurde. Das ist doch absurd.

Vor ein, zwei Jahren haben Agenturen auch die Ausdrucksform des „Memes“ für sich entdeckt, die Internet-Gagsprache mit „I bims“ tauchte plötzlich in der Reklame der Sparkasse auf. Spürst du bei deiner Spaßmacherei im Netz den professionellen Atem der Verwerter im Nacken?

Es gibt ein paar „lustige“ Social-Media-Auftritte großer Marken, Dr.Oetker ist da wirklich ein gutes Beispiel. Die beschimpfen manchmal User in ihren Tweets oder Kommentaren – was lustig wirken kann, aber letztlich ist es ein millionenschwerer Konzern, der sich dann gegen jemand wendet, der 25 Follower hat… Sowas finde ich schräg. Ich meine, warum muss ein Konzern denn witzig sein? Das kann halbwegs unpeinlich funktionieren – wie beim Netflix-Account. Aber da wird sich oft dahinter versteckt, dass das hier ja nur der Online-Praktikant sei – doch das ist trotzdem ein Mensch, der vollzeitbeschäftigt ist und damit gut Kohle macht. Das finde ich persönlich nicht lustig, aber ich verstehe, warum es funktioniert.

Du würdest so einen Job also ablehnen?

Also wenn mir jetzt angeboten würde, Du kannst den Social-Media-Auftritt für adidas machen, aber dein Name kommt nicht raus… dann würde ich das machen. Wir sind alle käuflich.

In deinen Tweets deckt du zeitlich eine sehr große Spanne ab: Du erzählst, wie man in den 80ern noch in Telefonbüchern blättern musste, hast Songtexte aus den 90ern parat und beziehst Fakten der Zeichentrickserie „Kim Possible“ aus den Nullern in den Referenzkosmos deiner Gags mit ein. Wie wichtig ist Popkultur-Wissen im Netz?

Popkultur-Wissen, das klingt so hochgestochen. Im Endeffekt bescheinigen mir diese genannten Referenzen doch nur, dass ich als Kind viel zuhause vor dem Fernseher gesessen habe – und das ist nichts, worauf man sich viel einbilden sollte. Und das mit dem Telefonbuch, das ist nur eine Projektion. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, jemanden, mit dem ich das nicht schriftlich Tage vorher ausgemacht habe, einfach anzurufen. Überhaupt: Es gibt so gute Emojis, manche sind mehr wert als jedes Telefongespräch.

Was bei dir auffällt, dass du zwar betont frei an Themen herangehst, dennoch gelingt es dir immer wieder, dabei auch Haltung zu verkörpern. Der Witz ist also nicht alles?

Ich identifiziere mich mit emanzipierten Positionen, aber ich kann mir nicht auf die Fahnen schreiben, dass ich ein politischer Aktivist wäre. Viel eher fände ich es fahrlässig, im Jahr 2020 Comedy zu machen, ohne eine Haltung zu besitzen. Und für sich klar zu haben, worüber man Witze macht und worüber nicht – und sich genauso bewusst zu sein, wer man ist und aus welcher Position man spricht. Das ist etwas, das mir sehr wichtig. Und ich lasse mich auch von Leuten, die es besser wissen, belehren. Kein Witz ist so gut, dass man jemand damit rassistisch, homophob, sexistisch oder auch klassistisch verletzen sollte.

Das aber unterscheidet dich ja von etablierten Humorinstitutionen im Netz. Wenn zum Beispiel bei Extra3 oder ähnlichen das Thema die AfD ist, dann scheint die Pointe oft bereits fest zu stehen: „Die sind so doof – und wir nicht“. Der Gag selbst scheint eher Abwicklung.

Man muss allgemein niemandem mehr sagen, dass die AfD doof ist. Das wäre ohnehin das falsche Argument gegen diese Partei, denn es stimmt de facto nicht, wenn man einfach nur die Schulabschlüsse dort als Maßstab nähme. Wenn dann sind sie doof, weil sie Faschisten sind – und das ist das viel bessere Argument statt zu sagen, der eine heißt jetzt „Bernd“ oder „Björn“ oder Beatrix von Storch sei nicht hübsch anzusehen, das sind keine guten Argumente und eben auch keine guten Pointen.

Du bist ja kein Einzelphänomen, es gibt etliche expandierende Gag-Accounts (@creamspeak, @susibumms, @KurtProedel, @DaxWerner …). Angesagter Humor findet heute nicht auf Bühnen oder gar im TV, sondern im Netz statt. Wie ist es so unter euch Web-Comedians, freut man sich wenn jemand einen viralen Gag landet oder denkt man: „Wieso schon wieder der Typ mit dieser billigen Drecks-Pointe? Ich raste aus!“

Ich glaube, Twitter ist ein Neidnetzwerk, hier ist nichts gefiltert und es kommt immer durch, wie man Sachen wirklich findet. Aber ich muss sagen, wenn zum Beispiel der „heute show“-Account 10.000 Likes bekommt, ist das keine große Kunst, aber wenn es irgendeinen ganz normalen User trifft, dann ist das doch auch nur jemand, der in seinem Zimmer hockt und sich total darüber freut. Und das gönne ich dem- oder derjenigen wirklich von Herzen.

Das klingt schön.

Gut, davon war jetzt auch viel gelogen.

An einer Stelle erzählst du, dass man auf Twitter Witze macht, damit andere Männer dann darüber lachen. Du sagst bewusst Männer an der Stelle, ist Humor im Netz wirklich so männlich geprägt?

Man kann schon sagen, es handelt es sich hierbei um so ein ziemliches Keksgewichse im Kreis, wer was lustig findet und wer nicht. Am Ende können alle so mainstream-kritisch sein, wie sie wollen, aber wenn dann Jan Böhmermann retweetet, freut sich doch jeder.

Aber schließt diese Beschreibung Frauen aus?

Theoretisch nicht, doch ich fürchte, ich habe da selbst Scheuklappen auf, dabei gibt es wirklich viele coole weibliche Accounts, die allerdings teilweise durch gezielte Hate Speech runtergemacht werden. Ich hab das bei einer Freundin von mir mitbekommen, wie schrecklich das ist, als Frau politisch lustig auf Twitter zu sein.

Also jemand, die ähnliche Sachen macht wie die Typen und eine ganz andere Resonanz bekommt, weil sie eine Frau ist?

Ich bin der Überzeugung, dass Frauen im Internet einfacher, aggressiver und schneller runtergemacht werden als Männer. Es ist 2020, es herrscht Gleichbehandlung – aber de facto stimmt das einfach nicht. Da können dann auch mal unzählige Kommentare kommen, die sagen „wir sind für dich da“. Sowas wiegt im Kopf nicht so viel wie 30 negative – und auch mit Netzwerkdurchsetzungsgesetz, die Belastung entsteht nicht nur durch direkte Beschimpfungen und Morddrohungen ,sondern auch durch konstante Kritik, die bei weiblich gelesenen Accounts offener und konstanter geäußert wird, als bei männlich gelesenen.

Ein großer Unterschied ist sicher auch, dass es bei Frauen oft auf Aussehen, auf den Körper abzielt. Diese Form der Aggression begegnet einem als Mann nicht in diesem Maße.

Das ist ein Punkt, und es ist alles auch eine Frage deiner Position. Das ist schon eine große Differenz, ob man da mit einer gewissen Lobby auftreten kann, oder ob man einfach ein kleiner Twitter-Account ist – ohne jeglichen Einfluss – der sich plötzlich 200 Mann entgegensehen muss. Das ist schon gefährlich – und dann ist schnell mal die Adresse irgendwie rausgefunden oder auch irgendwelche Familienprofile auf Facebook… und plötzlich steht da auch so eine private Nähe im Raum. Schrecklich.

Dir selbst ist ja offensichtlich auch schon Hate entgegengeschlagen, man kann in deiner Twitter-Beschreibung das Zitat lesen: „Luke Mockridge für Schwuchteln“.

Das habe ich letzten Sommer mal bekommen und habe das einfach für mich genutzt.

Was ist denn als Internet-Hype, wie du dich selbst betitelt hast, der nächste Schritt? Kommt die Bühnenshow El Hotzo?

Ja, das wird tatsächlich passieren. Meine einzige Bühnenerfahrung ist bis jetzt das Schultheater gewesen – und bei Mia Morgan auf Tour Vampir-DJ sein.

Wegen eines eigenen Programms bin ich gespalten, ich finde, in Deutschland liegt die gute alte Stand-Up-Comedy als Handwerk ziemlich brach, vielleicht tue ich da dem ein oder anderen Talent unrecht, aber wenn Dieter Nuhr um 20:15 auf ARD auftritt, da könnte ich mir schon was Lustigeres vorstellen. Es gibt sie, die lustigen Menschen, nur nicht in dieser Form von Öffentlichkeit. Jedenfalls: Stand-Up würde mich reizen, aber andererseits interessiert mich auch so komplett Anarchisches wie das Werk von Andy Kaufman. Wenn man das miteinander kombinieren könnte, wäre ich sehr glücklich.


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Kannst du uns zum Abschluss sagen, wie man einen erfolgreichen Gag für Twitter schreibt?

Eine einfache Formel ist: wenig Text. Die Leute hassen es zu lesen. Listen sind gut und die Patterns, die gerade groß sind. Also bestimmte Tweet-Formate – und wenn man ein aktuelles Thema mit einem angesagten Pattern verbindet, dann kann es funktionieren. Interessanter ist für mich bei sowas aber eher, ob der Gag auch noch in sechs Wochen lustig ist.


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