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🔥Die verstorbenen Persönlichkeiten 2018

Mental Health

Die Mensch-Maschine: Was über Mental Health im Pop-Business gesagt werden muss

Es gibt eine Szene in der Netflix-Doku „Avicii: True Stories“, die sich einbrennt: Tim Bergling, wie Avicii mit bürgerlichem Namen hieß, fährt mit seinem Tourmanager durch Australien. Tags zuvor ist er aus dem Krankenhaus entlassen worden, wo ihm aufgrund einer schweren Bauchspeicheldrüsenentzündung Ketamin gegen die Schmerzen gespritzt wurde.

Avicii ist blass, immer wieder fallen ihm die Augen zu. Trotzdem fragt ihn der Manager, ob er einem Radiosender ein Interview geben könne, in dem er erklärt, dass er wieder „back on track“ sei. Sichtlich benebelt – ob von den Schmerzmitteln oder dem Schmerz selbst – murmelt Avicii „Yes, sure“. Am oberen Bildrand läuft ein Zähler der Shows, die er seit seinem Karrierestart 2008 gespielt hat: 556, 557 … 2016, wenn er seine Livekarriere vorläufig beendet, werden es 813 sein.

Die 2017 fertiggestellte Doku erscheint am 31. März 2018. Sie endet mit hoffnungsvollen Szenen, ein entspannter Avicii im Studio mit Meerblick, der seinen Frieden mit dem Ruhm gemacht hat. Drei Wochen nach Erscheinen der Doku nimmt sich der 28-jährige DJ und Produzent das Leben.

„Tim war nicht für die Maschinerie gemacht, in der er landete. Er war ein feinfühliger Junge, der seine Fans liebte und das Rampenlicht scheute“, schrieb seine Familie später. Damit war Avicii auch 2018 keine Ausnahme: Die Rapper Lil Peep († November 2017) und Mac Miller verstarben an einer Drogenüberdosis, Sänger Daniel Küblböck sprang im September von einem Kreuzfahrtschiff und ist seitdem verschollen.

Dennoch schien sich nach Aviciis Tod etwas verändert zu haben: Statt ihn als tragischen Helden zu mystifizieren, wurde ein ernsthafter Diskurs zum Thema Mental Health in der Musikindustrie angestoßen. Auf Panels, Festivals und Konferenzen wurde das Problem diskutiert. DJ und Produzentin Emika veröffentlichte ihr Album FALLING IN LOVE WITH SADNESS bewusst am 10. Oktober, dem „Mental Health Day“, und spendete einen Teil der Erlöse an die Initiative Music Minds Matter.



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