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Jahresrückblick

Die Mensch-Maschine: Was über Mental Health im Pop-Business gesagt werden muss

Es gibt eine Szene in der Netflix-Doku „Avicii: True Stories“, die sich einbrennt: Tim Bergling, wie Avicii mit bürgerlichem Namen hieß, fährt mit seinem Tourmanager durch Australien. Tags zuvor ist er aus dem Krankenhaus entlassen worden, wo ihm aufgrund einer schweren Bauchspeicheldrüsenentzündung Ketamin gegen die Schmerzen gespritzt wurde.

Avicii ist blass, immer wieder fallen ihm die Augen zu. Trotzdem fragt ihn der Manager, ob er einem Radiosender ein Interview geben könne, in dem er erklärt, dass er wieder „back on track“ sei. Sichtlich benebelt – ob von den Schmerzmitteln oder dem Schmerz selbst – murmelt Avicii „Yes, sure“. Am oberen Bildrand läuft ein Zähler der Shows, die er seit seinem Karrierestart 2008 gespielt hat: 556, 557 … 2016, wenn er seine Livekarriere vorläufig beendet, werden es 813 sein.

Die 2017 fertiggestellte Doku erscheint am 31. März des vergangenen Jahres. Sie endet mit hoffnungsvollen Szenen, ein entspannter Avicii im Studio mit Meerblick, der seinen Frieden mit dem Ruhm gemacht hat. Drei Wochen nach Erscheinen der Doku nimmt sich der 28-jährige DJ und Produzent das Leben.

Kooperation

„Tim war nicht für die Maschinerie gemacht, in der er landete. Er war ein feinfühliger Junge, der seine Fans liebte und das Rampenlicht scheute“, schrieb seine Familie später. Damit ist Avicii auch 2018 keine Ausnahme: Die Rapper Lil Peep († November 2017) und Mac Miller verstarben an einer Drogenüberdosis, Sänger Daniel Küblböck sprang im September von einem Kreuzfahrtschiff und ist seitdem verschollen.

Dennoch schien sich nach Aviciis Tod etwas verändert zu haben: Statt ihn als tragischen Helden zu mystifizieren, wurde ein ernsthafter Diskurs zum Thema Mental Health in der Musikindustrie angestoßen. Auf Panels, Festivals und Konferenzen wurde das Problem diskutiert. DJ und Produzentin Emika veröffentlichte ihr Album FALLING IN LOVE WITH SADNESS bewusst am 10. Oktober, dem „Mental Health Day“, und spendete einen Teil der Erlöse an die Initiative Music Minds Matter.

Deren 24-Stunden-Telefonhotline bietet psychologische Beratung speziell für Musiker. Sie wurde 2017 von der britischen NGO Help Musicians UK ins Leben gerufen. Die vor fast 100 Jahren als Musicians Benevolent Fund gegründete Stiftung bietet Musikern aller Genres und Arbeitsfelder ein kreatives Förderprogramm, finanzielle Unterstützung sowie Weitervermittlung in Gesundheitsfragen.

Außerdem gab sie die 2016 veröffentlichte, vielbeachtete Studie „Can Music Make You Sick?“ in Auftrag. „Wir fanden heraus, dass Menschen, die in der Musikindustrie arbeiten, dreimal anfälliger für psychische Krankheiten sind als die Durchschnittsbevölkerung“, erklärt Joe Hastings, Head of Health and Welfare bei Help Musicians UK: „70 Prozent der Befragten hatten schon mit Panikattacken zu kämpfen, ebenso viele mit Depressionen.“

Dabei ist es natürlich nicht die Musik, die Künstler krank macht. Es sind die Arbeitsbedingungen, die sich auf die körperliche und psychische Gesundheit auswirken: enge Tourpläne, ein unregelmäßiger Lebensrhythmus, der ein normales Sozialleben unmöglich macht. Einsamkeit, die sich verstärkt, wenn man, eben noch bejubelt, in einem leeren Hotelzimmer sitzt.

Hinzu kommt die Rundum-Verfügbarkeit von Alkohol und Drogen – in der Doku angedeutet auch ein Grund für Aviciis schlechten Gesundheitszustand. Und: „Geldsorgen sind ein wiederkehrendes Thema. Viele aufstrebende Künstler haben mehrere Jobs. Ein Londoner Dubstep-Produzent sagte uns einmal: Das Erste woran ich morgens denke, ist Geld. Es ist konstanter Stress!‘“, berichtet Hastings.

Alkohol, Drogen, Geldsorgen, Einsamkeit, Druck, Depression

Dabei sei es wichtig zu betonen, dass Newcomer wie etablierte Musiker gleichermaßen von psychischen Problemen betroffen sind. Auch nach Aviciis Tod gab es wieder hämische Stimmen, die diesem „Millionär mit Traumjob“ das Recht auf Depressionen absprechen. Doch Hastings weiß: „Musiker sind konstanter Kritik ausgesetzt. Social Media sorgt für einen niemals endenden Fluss an Meinungen von Fans, Journalisten, Freunden, Bloggern und anderen Musikern. Das kann zu Angststörungen und Depressionen führen.“

Der Studie zufolge herrsche Einigkeit darüber, dass es zu wenige spezifische Hilfsangebote für MusikerInnen gebe. Die Hotline von Help Musicians UK ist ein Anfang. In Berlin eröffnete dieses Jahr in Kooperation mit der Charité die Popambulanz. „Die Zeiten, in denen Popularmusik tatsächlich viel Spaß gemacht hat und von Leuten gemacht wurde, die aus dem Bauch heraus gespielt haben, sind vorbei“, ist Psychologe und Musikwissenschaftler Richard von Georgi überzeugt. Er ist Studiengangsleiter der Medienpsychologie an der Hochschule der Populären Künste Berlin und hat die Popambulanz mit initiiert.

„Man kann Popmusik inzwischen studieren und die Musiker üben genauso viel wie die Klassiker, stehen unter demselben Leistungsdruck, körperlich wie psychisch. Hier sollte man möglichst schnell handeln, um den Problemen, die die klassische Musik hatte, vorzubeugen und nicht denselben Fehler noch mal zu machen.“ Auch in der Klassik habe es lange gedauert, bis Kurse zu Stressreduktion, Muskelaufbau und Entspannung als Teil der Ausbildung eingeführt wurden.

Popmusiker stehen im Gegensatz oft ziemlich allein da – und müssen neben ihrer Performance einiges leisten. Üben in dunklen Proberäumen, Gigs in verrauchten Bars, das Schleppen von schwerem Equipment sind konstante Belastungsfaktoren. Und: „Im Topbereich geht es den Menschen nicht besser”, weiß Richard von Georgi: „Die müssen ständig ins Studio, üben, mit Managern reden, Bandleute aussuchen, bis in die Abendstunden und das jeden Tag. Das ist nicht so, dass die ständig auf Mallorca rumliegen und Cocktails trinken.“

Dennoch werde erwartet, dass man permanent Höchstleistungen auf der Bühne liefert und Top-Laune zeigt. Belastend ist auch die Verschmelzung von Privat- und Bühnenperson – besonders dann, wenn das eine dem anderen eigentlich nicht entspricht. Glaubt man der Doku, steckte hinter dem bejubelten Megastar Avicii in Wirklichkeit ein schüchterner Kerl, der lieber im Studio Musik produzierte, als den Entertainer zu mimen.

Mit dem althergebrachten „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“-Klischee brechen

Ob Musiker per se anfälliger für psychische Krankheiten sind, erforschte eine 2015 erschienene Studie von Steinberg, Bjornsdottir et al. Die Wissenschaftler wollen Genmarker ausgemacht haben, die darauf hinweisen, dass Belastungsfaktoren bei Menschen mit hoher Kreativität schneller wirken. Doch Richard von Georgi ist da lieber vorsichtig: „Da steht die Forschung noch am Anfang. Man muss höllisch aufpassen, wenn man behauptet, dass Künstler generell anders wären. Es gibt unendlich viele normale, gesunde Musiker. Da sollte man die, die auffällig sind, nicht in den Mittelpunkt stellen.“

Dennoch sei es wichtig, dass auf die Diskussion um mentale Gesundheit im Popbusiness endlich ein Umdenken folgt – sowohl vonseiten der Fans als auch in der Industrie selbst. Mit ihrem „Do It Differently Fund“ bietet die Initiative Help Musicians UK Hilfestellung, wie man auf Tour gesund bleibt. Es geht vor allem auch darum, mit dem althergebrachten „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“-Klischee zu brechen. Das ist in einer hochprofessionalisierten Entertainment-Maschine nämlich nicht nur unzeitgemäß – sondern kostet im schlimmsten Fall Leben.

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