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Warum die „Stadtmusikbande“ gerade alle verrückt macht

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Wer sich auf Instagram und Twitter in ansatzweise musikinteressierten Sphären bewegt, dem ist diese auf den ersten Blick befremdliche Doku wahrscheinlich schon begegnet. Befremdlich, weil die Dokumentation der Bremer Jugendlichen „Stadtmusikbande“ angeblich von 1992 ist, aber erst jetzt auf Social Media geteilt wird. Und die Urigkeit, in der sich die Protagonist*innen wälzen, vielleicht doch ein bisschen zu urig ist, um wahr zu sein.

In der Mockumentary zeigt sich die „Gruppe heranwachsender aus verschiedenen sozialen Vierteln der Hansestadt“, die sich täglich in der Kneipe „Zum Blauen Manfred“ trifft, von ihrer derbsten Seite. Es folgen Szenen von gemeinsamen Sprechgesang, Graffiti-Versuchen und Partys, die eskalieren. Und oben drauf gibt’s Sprüche, die auch aus dem Werner-Brösel-Universum oder der legendären Penny-Markt-Doku von Spiegel TV stammen könnten. „Wir sind Musikanten, wir sind aber auch Banditen“, sagt Tony zu Beginn der Pseudo-Reportage. Das Werk des Filmproduktionsunternehmen Sendefähig besticht nicht nur durch Humor, sondern auch durch Authentizität. Sowohl die Protagonisten als auch die Umgebung und die Ästhetik des Filmmaterials wirken wie aus den 90er Jahren gesogen.

Was hinter diesem Video steckt und was das Musik-Kollektiv Erotik Toy Records damit zu tun hat, haben wir die Macher des Films, Hannes Rademacher und Till Lucas im Interview gefragt. Till Lucas ist hier nicht nur Filmemacher, sondern auch Teil des Kollektivs Erotik Toy Records und besser bekannt unter seinem Künstlernamen Tightill.

Musikexpress: Wie kam es zu der Produktion von „Stadtmusikbande“ in Zusammenarbeit mit Erotik Toy Records?

Till Lucas: Wir (ETR) haben schon oft mit Hannes an Musikvideos gearbeitet und die Ideen brodeln immer in uns. Es herrscht ein super kreativer Vibe zwischen Hannes und mir und wir machen auch sehr oft Memes zusammen. Diese Doku war einfach der nächste Schritt und bestimmt einer von vielen.

Wie kamt ihr auf die Idee – gab es Inspiration von bestimmten Bands, TV- Beiträgen oder Filmen?

Hannes Rademacher: Wir saßen nach einem Musikvideodreh im „Blauen Manfred“ und waren am Trash talken. Als die Idee aufkam, waren alle direkt angefixt. Wir sind zum einen alle aus dem Norden und dadurch ganz natürlich durch Werner/Brösel sozialisiert, zum anderen sind wir Fans von alten TV-Dokumentationen, wie „Youth Wars und „Bandenkrieg in der Berliner Gropiusstadt“ – Reportagen und Milieustudien also, die mit seriösem Duktus und ein bisschen unbeholfen diverse Jugendkulturen beleuchten. Und wir feiern natürlich eine ganze Reihe gut gemachter Mockumentaries, von „Dieter-Therapie“ bis „Party Monster – Scratching The Surface“.

Tatsächlich erinnert die Mockumentary auch an die Spiegel-TV-Reportage „Kieler Straßengangs“. Tightill könnte an „Kneipenterrorist“ Bernd Knauer angelegt sein. Auch bei den Kieler Straßengangs ging es um Alkohol, Graffiti, Hip Hop, aber auch Zusammenhalt.

Um was geht es in der Doku für Euch?

Till Lucas: Wir bei ETR sind Rapper, Graffiti Maler, usw. Wenn man es so sehen will, sind wir Hip Hopper. Aus Erzählungen und Dokus weiß ich, wie Hip Hop nach Deutschland geschwappt ist Mitte der 80er. Es geht in dem Film sozusagen um unser Kulturerbe von deutschem Hip Hop. Mir haben viele meiner Freunde, die damals den Hip Hop gelebt haben gesagt, dass wir es sehr original getreu dargestellt haben. Das ist das mit Abstand schönste Kompliment für mich im Hinblick auf die Doku gewesen.

Wie war bisher das Feedback zum Film? Gibt es Leute, die die Doku falsch verstehen?

Till Lucas: Manche Menschen verstehen zuerst nicht, dass es sich um eine Mockumentary handelt. Das ist aber natürlich ein Kompliment für uns. Ansonsten bin ich sehr happy, dass alle in den Comments mitmachen, von wegen: „Ich kann mich noch erinnern an die Legenden der Stadtmusikbande damals auf der Breminale 93 abgerissen haben…“ Das macht super Spaß zu lesen und macht es zu einem echten Kunstwerk.

Also ein gelungener Promo-Streich – mittlerweile hat das Video, das seit dem 21.09.2020 online ist, fast 50.000 Klicks. Was die Jungs von Erotik Toy Records aber noch mehr freuen könnte, ist das namhafte Hip-Hop-Seiten und Szenegrößen schnell darauf aufmerksam geworden sind.

Seid ihr überrascht vom Erfolg?

Hannes Rademacher: Wenn ich ganz ehrlich bin, hab ich durch die letzte Woche im Schnitt komplett den Durchblick verloren, ob der Scheiß was taugt, oder nicht. Aber es war bei uns die ganze Zeit so eine leise Vorahnung da, dass der Film kicken könnte. Wir sind alle super happy, dass er so gut aufgenommen wird, gerade auch bei Leuten, zu denen man aufschaut.

Ist eine Fortsetzung geplant?

Hannes Rademacher: Till bringt mit Erotik Toy Records am 25.09. erstmal den Labelsampler HAFENWIND und nächstes Jahr sein Soloalbum raus und ich habe bei der Sendefähig in Bremen noch ein paar andere Filme und Formate zu drehen. But who knows? Wir haben jedenfalls noch eine alte Kiste mit VHS-Kassetten im Keller gefunden…

Ob eine Fortsetzung mit Jörn, Tommy, Biene, Tony, Ilona, Jochen, Monika, Sven und Hagen genauso einschlagen würde, werden wir also nicht so schnell erfahren. Eins verwundert aber beim Schauen. Warum Hagen Krücken trägt, die bei illegalen Tätigkeiten wie dem Sprayen extrem unpraktisch sind, bleibt in der Doku offen.

Warum braucht Hagen Krücken?

Till Lucas: Der Schauspieler, der Häggi verkörpert (doubtboy) ist nicht nur in der Doku, sondern auch im echten Leben ein Haudegen. Andauernd hat er einen Gips oder einen gebrochenen Fuß. Er ist ein paar Tage vorher beim Skaten umgeknackst und wir haben es einfach in die Doku mit eingebaut. Das war stark.

Die Mockumentary hat uns auf jeden Fall überrascht und amüsiert. Passend zum Hype erscheint am 25. September 2020 das Album HAFENWIND von Erotik Toy Records. Das Album, das eigentlich ein „Crew Sampler“ ist, mutet nordisch an – vereint mit ungewohnt einfühlsamen Rap-Lyrics. Die Crew bestehend aus Tightill, Skinnyblackboy, Doubtboy, Florida Juice, Jay Pop und Young Meyerlack bezeichnete sich in der Vergangenheit selbst als „most sensitive Rap-Crew alive“.


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