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Ein Nachruf auf Jaki Liebezeit

Wie hat der erste Mensch auf Erden getrommelt?

Alles eine Sache der Wiederholung. Wiederholung war so etwas wie das Mantra, das die freigeisternde Musik der Band Can seit den späten 1960ern tief in ihrem Inneren trug. Ein Krautrockverein auf Beats, denen später einmal das Etikett „Techno“ zugesprochen werden sollte. Und Jaki Liebezeit war derjenige, der diesen Rhythmus prägte. „Er spielte wie eine Maschine, nur besser“, bemerkte sein Bandkollege Holger Czukay. Liebezeit und Can spielten ihrer Zeit voraus, ohne sich darum zu scheren. Komponieren, Proben und Spielen fielen in den Aufnahmen der Kölner Band in einem Akt der Ekstase zusammen, bis die Musik sich selbst spielte. Ein Kollektivsound, frei von solistischen Extravaganzen. Das war wegweisend für Generationen von Künstlern der Punk- und Postrock-und Electro-Ära.

Frühe Aufnahmen des 1938 in Dresden geborenen Musikers verraten noch nichts von der Beat-Revolution, die Liebezeit ab 1968 in den Aufnahmen von Can probte. Er begann als Drummer in Free-Jazz-Gruppen, begleitete Chet Baker in Barcelona und gehörte zum Ensemble von Manfred Schoof Mitte der 1960er. Liebezeit befand sich auf Abschiedstournee von seiner ersten Liebe Jazz, als er bei Can anklopfte, er fand dort Verbündete fürs Neutönen und Grenzen Einreißen: den Stockhausen-Schüler Irmin Schmidt, den Bassisten und Soundbastler Holger Czukay, den Rock-Gitarristen Michael Karoli und den schwarzen Sänger Malcolm Mooney, der Bildende Kunst studiert hatte. Liebezeit reduzierte in diesem Avantgarderockkreis den Beat auf das Wesentliche und machte damit den Weg für einen hochgradig organisierten wie organischen Gruppensound frei, der schlanker und schnörkelloser als das war, was man mit Rockmusik in den 70ern verband. Das Medium Sound wurde die Message, das Studio („Inner Space“) zum Star. Mit dem Song „Spoon“ aus dem Soundtrack zum Durbridge-Straßenfeger „Das Messer“ gelang der Band 1971 ein Top-Ten-Hit in den deutschen Charts.

Darüber hinaus blieben Can dem deutschen Publikum seltsam fremd, im Ausland aber wurde die Band bald als deutsches Klangwunder bejubelt. Jaki Liebezeit genoss in anglo-amerikanischen Zirkeln schon in den Can-Jahren (1968 bis 1979) den Ruf eines großen Erneuerers an den Drumkits. Holger Czukay beschrieb den Bandkollegen einmal so: „Er ist jemand, der sich fragt: Wie hat der erste Mensch auf Erden getrommelt? Ein durchschlagender Rhythmus ist das Ergebnis einer geradlinigen Mathematik, in der 2+2=4 ist. ‚Yoo Doo Right’ ist eines der ersten Ergebnisse dieser Milchmädchenrechnung.“ 

Liebezeits Einfluss ist schon auf den Punk-nahen Alben der nächsten Jahre dokumentiert, bei P.I.L., den Talking Heads oder Mark E. Smiths The Fall etwa. John Lydon bedankte sich gar in seiner Autobiografie bei Jaki Liebezeit für dessen Mensch-Maschinensound. Depeche Mode, die Eurythmics, Michael Rother und Brian Eno engagierten den Ex-Can-Drummer für Auftritte und Album-Aufnahmen. Mit Can ging’s auch weiter, aber anders, als Fans sich das erhofft hatten. 1999 stellten die vier Original-Recken im Zuge der „Can Box“-Veröffentlichung ihre „Solo Projects“ auf einer Mini-Tournee vor, jeder für sich und weit voneinander entfernt. Jaki Liebezeit war der stoisch-geniale Schlagwerker in seinem eigenen Ensemble Club Off Chaos, im Hintergrund und doch ganz zentral, wie man das von Can in den 1970er Jahren kannte. Er spielte in weiteren Formationen seiner Wahlheimat (Phantomband, Drums Off Chaos), nahm in den letzten Jahren Platten mit Robert Coyne, Burnt Friedman und Joachim Irmler (Faust) auf. Liebezeit blieb die Herzrhythmusmaschine einer sich nur schwerlich erneuernden experimentellen Szene – er wird vor allem als Taktgeber einer Rock-Revolution erinnert werden, die dem Rock die so wichtige Rosskur verpasste.

Jaki Liebezeit ist jetzt, wie die Facebook-Seite des Spoon-Labels der Band Can bekanntgab, an einer plötzlichen Lungenentzündung im Alter von 78 Jahren gestorben. Das für April vorgesehene Konzert zum 50. Geburtstag von Can in London an der Seite von Irmin Schmidt, Malcom Mooney, Mitgliedern von Sonic Youth und dem London Symphony Orchestra wird sich den Beat erst noch suchen müssen – im Gedenken an den großen Vereinfacher Jaki Liebezeit.

Can-Drummer Jaki Liebezeit ist tot


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