Interview

Zuckerblitz Band: „Vielleicht sind wir die Band, mit der Kinder das erste Mal gegen ihre Eltern rebellieren“

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Viele „Popmusiker“ nehmen im Laufe der Karriere mal Kindermusik auf – manchmal nur einen Song, manchmal ein ganzes Album. Die Qualität ist schwankend, genau wie die Motivation – das schöne Geld oder doch die eigenen Kinder. Wie war das bei Euch?

Sebastian „Porky“ Dürre: Eher die eigenen Kinder als das Geld. Für sie wollten wir mal Musik machen, die nicht so arg nach Kindermusik klingt, sondern sich mit dem geilen Scheiß der Großen messen kann. Unsere Kinder sind ja schon aus dem Kita-Alter raus und interessieren sich brennend für die Musik, die wir Eltern hören.

Mario Wesser: Gleichzeitig sollten die Inhalte, Themen und der Humor kindgerecht sein. Deshalb kommen alle Texte und Ideen auch von unseren Kindern. Wir haben ihnen nur unser musikalisches Knowhow zu Verfügung gestellt.


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Welche Kindermusik lief oder läuft denn sonst so in Euren Kinderzimmern?

Sebastian „Porky“ Dürre: Wir haben kaum richtige Kindermusik gehört. Stattdessen haben meine Kinder einfach bei uns Großen mitgehört.

Mario Wesser: Ging uns ähnlich. Vielleicht liegt es auch an der Prägung. Meine Mutter war bei einer Neuen-Deutschen-Welle-Band namens „Triebstau“ und ich habe früher als Vierjähriger vor allem Major Tom gefeiert. Später kam dann der Electro-Boogie dazu und ich habe Breakdance getanzt. Kindermusik ist damit voll an mir vorbeigegangen.

Sebastian „Porky“ Dürre: An die einzige Kindermusik, an die ich mich wirklich erinnern kann, ist Rolf Zuckowski und seine Weihnachtsbäckerei. Das lief schon in meiner Kindheit und sicher auch mal bei meinen Kindern.

Mario Wesser: Stimmt, Rolf Zuckowski ist aber auch der Godfather of Kindermusik, eine echte Legende.

Rein musikalisch klingt „Achtung Kokosnuss!“ recht erwachsen – es gibt Punk-Einflüsse, Metal sowie HipHop-Elemente, fast gar kein Deichkind. Wonach habt Ihr den musikalischen Rahmen für die kindlichen Ideen ausgewählt?

Sebastian „Porky“ Dürre: Och, da waren kaum tiefe Hintergedanken. Ich bin zwar Rapper von Beruf. Meine musikalischen Wurzeln liegen aber eher im Rock, Punk und Reggae. Diese Einflüsse wollte ich bei der Zuckerblitz Band nochmal stärker ausleben. Ich habe einfach geschaut, welche Musik gut zum Text passt und dann losgelegt. Bei „Judo und Karate“ haben wir uns für Punk entschieden, bei „Spaghetti“ für Metal. Das waren aber alles Bauchentscheidungen ohne Anspruch auf ein Konzeptalbum.

Mario Wesser: Das war auch das Tolle an dem Album. Wir haben wirklich geschaut, was gut funktioniert und haben keine musikalischen Grenzen gegeben. Es wurde einfach gemacht. Das ist ein großer Unterschied zu meiner Arbeit als Autor für Popmusiker. Da muss man viel mehr kämpfen, hat viel mehr Vorgaben. Diese Freiheit habe ich sehr genossen.

Sebastian „Porky“ Dürre: Unser Album soll vor allem Spaß machen und kein großes Konzeptalbum sein oder eine politische Botschaft haben. Deshalb gab es auch weniger übergeordnete Entscheidungskriterien – außer Spaß und Flow.

Ist für Euch die Kindermusik also vor allem eine Spielwiese für Musik, die Ihr sonst nicht (mehr) machen könnt?

Sebastian „Porky“ Dürre: Ja, so könnte man das durchaus sehen. Ich bin mit Punkrock aufgewachsen, trotzdem war ich nie in einer erfolgreichen Rockband. Umso schöner ist es jetzt, all diese Einflüsse rauszulassen, ohne großen Druck oder schweren Plattendeal im Rücken. Natürlich würden wir uns über den Erfolg der Zuckerblitz Band freuen, gleichzeitig wäre es schön, wenn wir diese Freiheit und Leichtigkeit nicht verlieren.

Mario Wesser: Es gab ein großes Privileg. Wir mussten beim Musikmachen nicht auf den Markt schauen, um möglichst viele Album zu verkaufen. Damit unterscheiden wir uns vielleicht auch von manchen anderen Kindermusikern, die nur von ihrer Kindermusik leben müssen.

Waren Eure Kids neben Inspirationsquelle auch Testhörer?          

Mario Wesser: Ja. Wenn unsere Kinder mitgesummt oder gelacht haben, wurde die Nummer weiterverfolgt. Gab es keine Reaktion, landete die Idee im Papierkorb. Damit haben es nur Songs auf die Platte geschafft, die bei unseren Kindern schon mal gut ankamen. Ich hoffe natürlich, dass auch andere Kinder unsere Songs ähnlich gerne hören.


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Wie haben das Schreiben und Produzieren funktioniert? Sebastian sitzt ja in Hamburg, Mario, Du bist als Weltenbummler mit Familie unterwegs.

Mario Wesser: Wir haben uns für die Arbeiten am Album tatsächlich getroffen. Erst war Porky samt Familie bei uns auf Hawaii, danach wir in Hamburg. Finalisiert wurde das Ganze in Los Angeles. Virtuellen Austausch von Musik oder Text gab es dagegen kaum. Das persönliche Pingpong von Text-Schnipseln und Melodien funktioniert einfach besser – immerhin kennen wir uns ja auch seit über 20 Jahren.

Sebastian „Porky“ Dürre: Genau, darum hat die Produktion auch etwas länger gedauert. Die ersten Kinder-Sprüche haben wir im Familien-Urlaub in Hawaii zusammengeschrieben, während wir die Insel erkundeten. Am Ende stand der Song „Judo & Karate“ und damit auch der Entschluss ein ganzes Kindermusik-Album zu machen. Im Mega-Sommer 2018 sind wir dann durch Hamburg geradelt – ich auf einem E-Bike und Mario auf einem viel zu kleinen Mountainbike. Nebenbei haben wir an weiteren Songs gearbeitet. Mit dem Album verbinden wir deshalb viele tolle Erinnerungen.

Wollt Ihr eigentlich auch ganz klassische Konzerte für Kinder spielen oder sogar mit Euren Songs in Schulen auftreten – so wie es die „normalen“ Kindermusiker tun?

Sebastian „Porky“ Dürre: Ich war vor der Corona-Pandemie mal auf einem „Deine Freunde“-Konzert. Das war eine ganz geile Stimmung, der Innenraum war für die Großen gesperrt. Drinnen haben die Kleinen getobt. Es roch nach Pups und Windel und um 18 Uhr war Feierabend. Das ist ein spannender Kontrast zu einem Auftritt mit Deichkind. Andererseits sind wir selbst Väter und wissen solche Angebote zu schätzen. Aber ein Zuckerblitz-Band-Konzert sollte sich auf jeden Fall so erwachsen wie möglich anfühlen – vielleicht in einem Klub auf dem Kiez oder im Kinderzelt auf dem Wacken Open Air. Aber wir spielen sicher nicht auf dem Parkplatz vorm Supermarkt oder sowas. Aber das ist angesichts der Pandemie erstmal Zukunftsmusik. Jetzt wollen wir erstmal, dass die Platte gut ankommt.

Eure Musik ist kinderzentriert. Trotzdem müssen die Eltern Eure Musik ja anmachen. Habt Ihr beim Schreiben auch an die Erwachsenen gedacht?

Sebastian „Porky“ Dürre: Ach, nicht so stark. Von der Plattenfirma gab es sogar bei einigen Songs Bedenken. Nicht wegen expliziter Sprache, sondern eher wegen zu starker Kindersicht. Zum Beispiel ruft „Ausgesahnt“ zum Schenken auf. Das wird bei einigen überpädagogischen Eltern sicher eher auf Kopfschütteln stoßen. Und im Lied „Judo & Karate“ wird auch dem Hausmeister der Schlüsselbund um die Ohren gehauen. Mit etwas weniger Humor kann man das vielleicht sogar verwerflich finden. Auch der Name „Zuckerblitz Band“ ist darauf eine gewisse Anspielung – alle Kinder lieben Zucker und die Eltern verdrehen eher die Augen. Vielleicht sind wir gerade die Band, mit der die Kinder das erste Mal gegen die Eltern rebellieren können.

Mario Wesser: Das würde mir gefallen. Auch alterstechnisch sprechen wir ja eher die kleinen Großen an. Also die Kinder, die schon zu groß für richtige Kindermusik und noch zu klein für Teenager-Musik sind. Also die coolen Girls und Boys, die schon viel dürfen, auf dem Skateboard oder dem Fahrrad unterwegs sind und trotzdem noch gerne mit Mama und Papa kuscheln. Natürlich wären wir auch sehr zufrieden, wenn die ganz Kleinen dazu tanzen und Opa genauso die Musik mag.

Beginnen denn Eure Kinder schon gegen Euren Musikgeschmack zu rebellieren?

Sebastian „Porky“ Dürre: Zum Glück noch nicht so ganz. Mein Großer kam letztens mit Apache 207 an. Gleichzeitig hört er aber auch noch Papas Musik oder eben die Zuckerblitz Band gerne. Die Pubertät hat aber noch nicht so zugeschlagen, dass die Revolution gegen die Eltern beginnt. Gleichzeitig bin ich musikalisch eh sehr tolerant und lasse mich von kaum etwas schocken.

„Achtung Kokosnuss“ von der Zuckerblitz Band hier im Stream hören:


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