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10 Jahre „New Girl“: Warum die (wahnsinnig unterschätzte) Sitcom aktueller ist denn je

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Achtung, dieser Artikel enthält Spoiler zu „New Girl“.

Manche Serien fungieren als flüchtiges Momentum eines Jahrzehnts; als Zeitkapsel, in der bedeutende Charakteristiken einer Epoche wie Ästhetik, Humor, politische Ereignisse oder Mode eingeschlossen werden. Andere Shows wiederum entfalten ihr wahres Potenzial erst nach ihrem Run. Bei der Sitcom „New Girl“ ist beides der Fall. Ein Umstand, der allerdings jetzt erst in den Köpfen der Zuschauer*innen und Kritiker*innen anzukommen scheint – und das ganze drei Jahre nach dem Serienende. Dass die Progressivität der Show lange niemandem aufgefallen ist, hat einen simplen Grund: Kaum eine andere Serie wurde während ihres Bestehens so stark unter dem Radar gehandelt wie „New Girl“. Dabei (Achtung, steile These) handelt es sich bei der Show rund um Zooey Deschanel um eine der am meisten unterschätzten Sitcoms der 2010er Jahre. Jetzt, wo „New Girl“ 2021 ihr zehnjähriges Jubiläum feiert, bedarf es somit einer gründlichen Rekapitulation. Warum wurde die Show bagatellisiert und was macht sie so genial?

„New Girl“ reiht sich in eine lange Liste von Sitcoms ein, welche die Freundschaft einer Gruppe von Mitt- oder Endzwanziger*innen in den Mittelpunkt des Geschehens stellen. Die Message ist stets dieselbe: Beziehungen, Jobs und Krisen kommen und gehen – doch wahre Freundschaft hält ewig. Eine (wahrlich kitschige) Prämisse, die sich mit Erfolgs-Serien wie „Friends“, „Seinfeld“ oder „How I Met Your Mother“ aber immer bewährt hat. Und ähnlich wie bei „Friends“ beginnt auch „New Girl“ mit dem Aufbruch in ein neues Leben: Während Rachel bei „Friends“ von ihrer eigenen Hochzeit flüchtet und daraufhin bei Monica in der WG landet, zieht auch Jessica „Jess“ Day in der ersten Folge der Serie spontan aus ihrer Wohnung aus, nachdem ihr langjähriger Freund sie betrogen hat. Über eine Anzeige bei Craigslist stößt sie auf ein Loft in Downtown L.A., in dem bereits drei Typen wohnen: Nick (Jake Johnson), Schmidt (Max Greenfield) und Coach (Damon Wayans Jr.), der kurz darauf von Winston (Lamorne Morris) ersetzt wird und später zeitweise wieder zu der Gruppe hinzustößt. Gemeinsam mit Cece (Hannah Simone) – Jess‘ bester Freundin – muss sich die Gruppe über den Verlauf von sieben Staffeln verschiedenen Krisen stellen, darunter Jobverluste, begonnene und wieder beendete Beziehungen und den Verantwortungen, die das Erwachsenwerden so mit sich bringen.

Während die Sitcom immer besser wurde, nahm das Interesse der Medien ab

Man sieht: Die Storyline von „New Girl“ bietet nicht wirklich etwas Neues. Somit war es auch kein Wunder, dass die Kritiken zunächst eher mittelmäßig bis zurückhaltend-egal ausfielen – die ersten Episoden galten als unbeholfen, das generelle Thema der Show als überholt. Auch Zooey Deschanels Darstellung von Jess stand in der Kritik: So wurde der Schauspielerin, die mit Filmen wie „500 Days of Summer“ bekannt geworden war, vorgeworfen, stetig in ihrer Charakterdarstellung des liebenswert-tollpatschigen, naiven Mädchens zu verharren. Dadurch, so die Presse, fehle es Jess als Figur an Tiefe. Ein Vorwurf, der durchaus einen wahren Kern hat: In den ersten Episoden von „New Girl“ wirkt Jess aufgrund ihrer rehäugigen, übermäßig-überdrehten Art tatsächlich eher unerträglich als glaubwürdig. Doch die Autor*innen von „New Girl“ nahmen sich das durchwachsene Feedback zu Herzen und konnten die Qualität der Show von Folge zu Folge erhöhen. Das Problem war jedoch: Zu diesem Zeitpunkt hatte die Presse schon längst das Interesse verloren.

Während „New Girl“ also kontinuierlich besser wurde, nahm die Aufmerksamkeit der Medien immer weiter ab. Zwar kann man der Show einen gewissen Fan-Kult, der sie vor der Absetzung bewahrt hat, nicht absprechen – als popkulturell relevant galt sie jedoch nie wirklich. Bis jetzt. Seit einiger Zeit wird die Sitcom wieder aus dem Archiv hervorgekramt, neu besprochen und lobgepriesen. Doch wieso eigentlich? Was macht „New Girl“ so gut? First things first: Die Sitcom ist verdammt lustig. Ein Fakt, der einerseits auf das fantastisch-absurde Skript von Elizabeth Meriwether und ihrem Autor*innen-Team zurückzuführen ist, und andererseits auf dem Schauspieltalent und der internen Dynamik der fünf Hauptdarsteller*innen beruht. Wie von der „New York Times“ schön zusammenfasst: „Schon bald wird die Serie schneller und verrückter, und die vier Hauptdarsteller*innen erweisen sich als begnadete Körperkomiker*innen, die sich gegenseitig mit Leichtigkeit überbieten.“ Dabei haben alle Schauspieler*innen regelmäßig Glanzmomente; sei es Jake Johnson, der Nicks Überforderung mit alltäglichen Dingen in Form von grandioser Mimik und Improvisationskunst illustriert, oder Max Greenfield in der Rolle des emotional fragilen und bestätigungssuchenden Schmidt, der allein durch seine Körpersprache und Stimmgewandtheit einige der herausragendsten Momente der Serie schafft.

„New Girl“: Fluide Männlichkeit und komplexe Weiblichkeit

Während ältere Sitcoms wie „How I Met Your Mother“ oder „Friends“ aus heutiger Perspektive Fragen und Kritik bezüglich ihrer Diversität oder Reproduktion von Sexismus und toxischer Männlichkeit hervorrufen, ist das bei „New Girl“ nicht der Fall. Selbst zehn Jahre, nachdem die Pilot-Folge über die Bildschirme flimmerte, bleibt die Sitcom beeindruckend aktuell und progressiv. Das liegt nicht nur an der diversen Besetzung und hohen Anzahl von BIPOC-Nebendarsteller*innen – es ist auch ihre wunderbar ausgearbeitete Darstellung von fluider Männlichkeit und komplexer Weiblichkeit. Cece und Jess sind die beiden weiblichen Hauptcharaktere – sie sind seit der Kindheit beste Freundinnen, unterscheiden sich in ihrer Art jedoch wie Tag und Nacht. Während Jess prinzipiell mit einem optimistisch-naiven Blick durch die Welt geht und mit ihrer Liebe fürs Backen, Nähen, Basteln und süß verspielte Kleider eine „traditionelle“ Form von Weiblichkeit ausstrahlt, ist Cece in vielen Dingen ihr Gegenpol. Das Model hat einen eher zynischen Blick auf das Leben, tritt leidenschaftlich und temperamentvoll auf und ist trotz ihrer Unabhängigkeit von einem geringen Selbstwertgefühl gezeichnet. Anstatt diese beiden Frauen innerhalb der Serie abzuwerten oder gegeneinander auszuspielen, zelebriert und legitimiert „New Girl“ ihre Unterschiede jedoch und hebt dadurch hervor, dass jede Form von Weiblichkeit eine Daseinsberechtigung hat.

Dasselbe gilt für die männlichen Figuren: Zwar können Nick, Schmidt, Winston und Coach auch ein macho- oder rüpelhaftes Verhalten an den Tag legen – dies wird häufig jedoch so überzogen und karikativ dargestellt, dass die darunterliegende Unsicherherheit bezüglich ihrer Maskulinität sofort durchscheint. Mithilfe dieses Bruchs von Machohaftigkeit zu einer fluiden Männlichkeit, die sich durch Verletzlichkeit und Emotionalität auszeichnet, wirft „New Girl“ somit die Frage auf: Wer ist der moderne Mann im 21. Jahrhundert und wie muss er sich definieren, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden? Beispielhaft dafür ist Winston, der von den anderen Mitbewohner*innen oft für seine sensible und verletzliche Seite ausgelacht wird, letztendlich aber einer der wenigen Charaktere ist, der mit sich selbst vollkommen im Reinen ist. Und auch bei Schmidt, einem der komplexesten Charaktere der Show, wird die Abweichung einer „traditionellen Vorstellung von Männlichkeit deutlich: In den ersten Staffeln definiert sich die früher stark übergewichtige Figur gänzlich über Oberflächlichkeiten, die häufig auch zu abwertenden Kommentaren gegenüber Frauen führen. Seine sexistischen Aussagen machen ihn als Figur unsympathisch und man freut sich zunächst über jede Abfuhr, die er von seinen Freund*innen, Kolleg*innen oder Affären erhält. Erst, als Schmidt seine tiefe Unsicherheit anerkennt und über seine Liebe zu Cece zu sich selbst findet, scheinen immer stärker auch seine metrosexuellen Eigenschaften durch, die er nicht unterdrückt, sondern offen auslebt. Ein Beispiel dafür ist die enge Freundschaft zwischen Nick und Schmidt, die oft mehr einer Beziehung gleicht; so organisiert Schmidt zu ihrem zehnjährigen Zusammenleben eine hochzeitsähnliche Gartenparty, die beiden tauschen im Laufe der Show einige Küsse aus und streiten sich wie ein altes Ehepaar.

Berufliche Einbrüche und Jobunsicherheiten sind bei „New Girl“ keine Phasen

Neben der komplexen Darstellung ihrer Figuren brilliert „New Girl“ auch darin, die postmoderne Überforderung und Sehnsüchte von jungen Erwachsenen in einer leistungsgeprägten Gesellschaft aufzuzeigen. Die Philosophie, sich auch mit Mitte 30 noch nicht „gefunden“ haben zu müssen, wurde bereits von „Friends“ und „How I Met Your Mother“ vorgelegt – doch bei „New Girl“ erreicht sie ihren Höhepunkt. Denn bei Jess, Nick, Winston, Schmidt, Cece und Coach sind diese beruflichen Einbrüche nicht bloß temporäre Phasen oder kurze Momente der Unsicherheit: Es definiert ihre Charaktere über den gesamten Verlauf der Show. So arbeitet Cece beispielsweise hauptberuflich als Model und leidet ihr gesamtes Leben darunter, nur über ihre Schönheit definiert zu werden. Dies hat sie über die Zeit jedoch so stark internalisiert, dass sie ihren Selbstwert ausschließlich über ihr Äußeres zieht und sich nichts Anderes zutraut. Nick hat sein Jura-Studium abgebrochen, weil er lieber als Barkeeper arbeiten wollte, hinterfragt seine Entscheidung aber ständig aufgrund von gesellschaftlichen Vorstellungen einer „richtigen“ beruflichen Laufbahn. Winston muss erst dreimal seinen Job wechseln, bevor er seine wahre Passion entdeckt. Und Jess wird trotz ihres hohen Engagements als Lehrerin gekündigt und muss sich plötzlich mit der Frage auseinandersetzen, was den eigenen beruflichen Wert überhaupt ausmacht.

Kindlichkeit als Überlebensstrategie

Die Job-Unsicherheit, die bei „New Girl“ ein stetiger Begleiter ist, wird von der Filmanalyse-Plattform „The Take“ mit der Entstehungszeit der Serie begründet: Im Jahr 2011, als die Pilotfolge von „New Girl“ bei Fox anlief, war die große Wirtschaftskrise von 2008 gerade einmal drei Jahre her. Somit, analysiert „The Take“, kann man die fiktiven Charaktere auch als Parabeln für die Generation betrachten, die vor 2008 noch dachten, die Welt stehe ihnen offen – und nach der Krise lernen mussten, dass das Leben doch mehr Hindernisse bereitstellt als gedacht. Eine wichtige Überlebensstrategie für die Hauptfiguren sei deshalb ihre „Peter Pan“-Mentalität, die sie mit aller Kraft aufrechterhalten wollen. Obwohl sich alle Figuren zu Beginn der Show bereits in ihren Endzwanzigern befinden, weisen alle Charaktere auf ihre eigene Art und Weise eine Kindlichkeit und Verspieltheit auf, die sie vor der großen, bösen, gefährlichen Welt da draußen beschützt. Besonders deutlich wird dies durch die College-Mentalität, die bei „New Girl“ an den Tag gelegt wird; die Loftbewohner*innen verbringen ihre Zeit gerne und regelmäßig mit dem Trinkspiel „True American“, pranken sich gegenseitig und hängen am liebsten 24/7 miteinander ab. Diese trotzige Haltung beschreibt „The Take“ als eine von „New Girls“ besten Qualitäten: „So suggerierte „New Girl“, dass Jess‘ Generation etwas mehr Zeit als die ihrer Eltern brauchte, um sich zu entwickeln; nicht nur beruflich oder karrieremäßig, sondern auch emotional.“

Was „New Girl“ damit schafft, ist, die schönsten Zeiten des Jungseins hervorzuheben aber dennoch immer wieder bewusst die Frage zu stellen: Ist das alles, was mein Leben für mich bereitstellt? Kann ich mehr vom Leben erwarten? Dies ist der Antrieb aller Charaktere, um sich stetig weiterzuentwickeln. Dadurch suggeriert „New Girl“ zudem, dass alle Figuren erst lernen müssen, sich selbst zu akzeptieren, bevor sie überhaupt eine feste Bindung eingehen können. Anstatt ein „Ross und Rachel“- ähnliches „Will-they-won’t-they“-Szenario herbeizuquälen, ist bei „New Girl“ von Anfang klar, dass Nick und Jess zusammengehören. Die Frage ist also nicht ob, sondern nur wie. Ein Punkt, bei dem die Anti-Hollywoodstrategie durchschimmert, welche die Sitcom mit häufigen Richtungswechseln und Brüchen in ihrer Dramaturgie aktiv fährt. Und alleine dafür hat „New Girl“ einen Platz in der Ehrenloge der besten Sitcoms verdient: Unterschätzt ja, aber noch lange nicht vergessen.


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