Popkolumne, Folge 135

Ha-Ha-Hauptstadthass: 18 Dinge, die an Berlin wirklich nerven

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

Gerade laufen die Sondierungsgespräche hinsichtlich der neuen Regierungsbildung. Natürlich in Berlin. Welche Koalition den nächsten Kanzler stellen wird, mag noch unklar sein, doch wo die Reise hingeht, hat das viral gegangene Power-Selfie der (zumindest im Verhältnis zur CDU) juvenilen Königsmacher von FDP und Grünen gezeigt. Die Berliner Republik schlägt zurück. Alle sehen aufgeräumt und adrett aus – wie eine Erbengemeinschaft, die die alten Mieter*innen eines übernommenen Straßenzugs via Luxussanierungen bis zum nächsten Ersten vor die Tür kehren wird. Dit is Berlin, Keule! Nu kiek doch ma‘ nich‘ so sparsam.

Bei soviel Verquickung von Zeitgeist, Popkultur und Hauptstadt ist es wirklich an der Zeit für eine ganz besondere Stadtrundfahrt. Alles dreht sich heute um Berlin – oder wie man auch sagt: „Boah, ist das trist, sag mal, kann ich Bonn bitte noch mal sehen?“ Die Kolumne als Beschwerdeformular. 18 Dinge, die an der Hauptstadt nerven.

Berlin – Arm aber sexy

Dieser Ausspruch stammte von dem bekannten Berliner Ortsvorsteher Klaus Wowereit. Klingt gut, aber sagt eigentlich nichts anderes als: „Hey, liebe Künstler*innen und andere geile Leute, bereitet hier bitte den Boden mit eurer Kreativität, macht den Standort attraktiv. Die Kohle werden dann aber definitiv andere verdienen. Doch keine Sorge, das müsst ihr euch nicht mitansehen, denn dann wurdet ihr eh längst aus eurem Kiez vertrieben.“

Späti-Kult

Schön ist es schon, wenn man um zwei Uhr morgens noch Snickers, Tampons und Ketamin kaufen kann, aber auch im Rest von Deutschland gibt es die ein oder andere Tankstelle an einer Ausfallstraße – die haben mitunter auch mal bis 20 Uhr 30 auf. Na, Berliners, wie denkt ihr jetzt über unser einfaches Life abseits eurer Mega-City?!

Wetter

Dauernd dieser kalte Ostwind, irgendwo pfeift es immer durch, ganz Berlin ist irgendwie schlecht isoliert. Circa neun Monate im Jahr Erkältungswetter. Wer hält das aus?

Die Berliner Musikszene

Betrachtet man sich allein die zentralsten Musiker*innen der Stadt, dürfte klar sein: Oida, hier stimmt doch was überhaupt nicht! Give a warm hand to Till Lindemann, Fler, Finch Asozial, DJ Frauenarzt, Frank Zander und Balbina. Immerhin Bushido ist in einen Schrebergarten in Kleinmachnow gezogen, um die Statistik etwas zu entlasten.

Top Gun, Keule!

Und diese großartige Powerballade aus diesem Tom-Cruise-Actionfilm mit den Flugzeugen und dem vielen Testosteron stammt bei genauem Hinschauen auch nicht aus Berlin, sondern lediglich von einer amerikanischen Band, die sich so nannte. Hätte man sich ja denken können: „Take My Breath Away, Walter Momper“.

Multitasking auf der Warschauer Brücke

Berlin ist ein Ort der Gleichzeitigkeit: Brad Pitt schreitet durch ein Filmset in Charlottenberg, trinkt einen Maracuja-Latte und zur selben Zeit cruist Hertha-Manager Michael Preetz mit einem Nerzmantel durch die dichten Büsche beim Olympiastadion. Aber okay, das ist natürlich eher das Berlin der oberen Zehntausend. Als stockbanaler Besucher erlebt man die Berliner Gleichzeitigkeit eher, wenn man auf der Warschauer Brücke parallel von Trickdieben angetanzt, von Touristen nach dem Weg gefragt, von Berbern wegen einem Euro gefragt und von durchmachenden Party Peoplen genervt wird. Immer wenn mir das passiert, habe ich ein schlechtes Gefühl danach, weil ich niemanden der vier so richtig gerecht werden konnte. Sorry dafür mal an dieser Stelle! Don’t hate the player, hate the game. Oder in diesem Fall eben: Berlin.

Berghain

Pro: Die Clubs dürfen seit dieser Woche bundesweit wieder öffnen. Contra: In der Berichterstattung darüber geht es wie immer zu 90 Prozent nur um’s Berghain. Ey, Berghain, Berghain, Berghain, wenn ich das Wort noch einmal höre, trete ich eine dieser bunt angemalten Berliner-Bär-Skulpturen kaputt.

Dieser Berliner Dialekt

Ja, genau, ich meine Schwäbisch!

Die Berliner Amtssprache

Endlich mal wieder in Restaurants gehen, in denen die Amtssprache englisch ist. Und nachts lernt man dann Spanisch von einem Grüppchen, das vor dem Fenster deines Airbnb angeregt brüllend Sterni trinkt.

Sterni

Ausgeschrieben: Sternburg Pilsener. Streng genommen auch ein Grund, warum man bei der Hauptstadtfrage immer schweren Herzens an die steinerne Adenauer-Hüpfburg Bonn zurückdenkt. Da gab’s wenigstens noch Moselwein.

Schreibtisch im Co-Working-Space 600 Euro pro Monat

Aber drei Toilettenbesuche pro Tag sind frei.

Nicht auffallen

Ja, man muss es zugeben: In unseren stinkenden Provinzkäffern wird man oft schon komisch angeschaut, wenn man versehentlich zwei verschiedenfarbige Socken anhat (blau und dunkelblau). Oder weil man wieder vergessen hat, sich ein Onkelz-Shirt fürs Schützenfest zu leihen.

Das ist in Berlin lockerer. Hier sehen alle aus wie aus einer Endzeit-Doku und man wird nicht wegen seiner freakigen Klamotten zusammengeschlagen – sondern einfach nur so.

Rollkoffer vs. Kopfsteinpflaster

Zieht es uns Nicht-Berliner*innen einmal in die Hauptstadt, kann man gewiss sein: Es ist meist nicht freiwillig. Irgendwelche Meetings, soziale Verpflichtungen oder Veranstaltungen machen den Besuch nötig. Ich jedenfalls träume schon beim Einfahren in den Hauptbahnhof vom überstürzten Aufbruch am nächsten Morgen – noch mit der Hose auf halb acht, bloß weg. Vorher allerdings ist nichts unangenehmer, als wenn ich den Rollkoffer klappernd laut übers alberne Kopfsteinpflaster zur nächsten „Kreativ-Schmiede“ oder zu einem Michelberger Hotel für Arme ziehen muss – und dabei merke, wie Ansässige mich hasserfüllt anblicken. Als wäre ich verantwortlich dafür, dass die Mieten schon wieder verdoppelt wurden dieses Jahr. Hey, Vonovia will halt auch leben von eurem (gesamten) Einkommen! Wenn euch das so nervt, sendet dort den bösen Blick hin – aber nicht zu uns Besucher*innen. Nur weil man sich einen Rollkoffer leisten kann, heißt das nicht, man shoppt gerade einen Straßenzug.

Der Berliner Hauptbahnhof

Don’t get me started on this one, dear Berliners and Expats. Wieviel Lebenszeit schon verloren gegangen ist, weil niemand weiß, wo vorne und wo hinten in diesem Beton-gewordenen Hieronymus-Bosch-Gemälde ist!

Der Berliner Flughafen

Nein, es geht einem doch gar nicht um ein fehlgeschlagenes Bauprojekt, das öffentliche Gelder wasserfallmäßig in gleichermaßen korrupte wie inkompetente Firmen pumpte. Ist mir doch egal, von wo in Berlin geflogen wird. Was allerdings der Rest der Republik ertragen musste, waren Kabarettprogramme und schale Witze über den Flughafen BER. Mehrjährig! Spätestens mit diesem „witzigen“ Bauvorhaben ist deutscher Humor gestorben – und wir reden hierbei ohnehin schon von einem Zombie.

Berlin, gib unsere Leute wieder her!

Wer hat sie nicht schon von seinen friends oder dem Partner beziehungsweise der Partnerin gehört – diese neun magischen Worte: „Ich zieh jetzt nach Berlin. Bis nie mehr dann!“

Fünf Songs darüber nach Berlin zu ziehen – und wie falsch es ist

Aber was soll man denen, die es in die Hauptstadt zieht denn bloß sagen? Außer vielleicht ein „Dann geh doch nach Berlin!“ hinterher brüllen. Dieser Frust hat immerhin ein paar gute Songs auf dem Gewissen. Hier fünf herrliche Anti-Berlin-Hymnen:

„Scheiß Berliner“ von Rong Kong Koma

„Ich will nicht nach Berlin“ von Kraftklub

„In Berlin“ von Tubbe

„Big in Berlin“ von Die Sterne

„Geh doch nach Berlin“ von Angelika Express

Die Grethers

Ein Verlust, der wirklich schwer wiegt. Dieses hochverdichtete Zwillingspaar ist komplett zeitlos immer am Drücker der gerade aktuellen Popkultur. Seit allzu langer Zeit hält Berlin nun die Rechte an den beiden Ausnahmeerscheinungen.

Aktuell haben Kersty und Sandra Grether ein Songbook herausgegeben, das sich mit der Rolle von Autorinnen im Popbetrieb beschäftigt. Als große Geister gelten dort nämlich gemeinhin bloß Typen. Wie lahm und falsch diese Annahme ist, beweist „Ich brauche eine Genie“ (mikrotext, 300 Seiten, 2021). Dort haben die glamourösen Zwillinge Songtexte von unzähligen Frauen* kompiliert. Unter anderem Finna, Mary Ocher, Almut Klotz, FaulenzA, Malaria, Maike Rosa Vogel, Schnipo Schranke und natürlich Doctorella herselves. Wer jetzt immer noch Songtexte von Heinrich Heine oder Haftbefehl vor dem Einschlafen liest, dem kann keine*r mehr helfen.
Ja, dieser Punkt hier war natürlich ein Buchtipp und kein Berlin-Rant – aber man kann doch auch nicht nur hassen, Leute!

Okay, ein Zungenkuss von Kurt Krömer

„Die größten Kritiker der Elche sind selber welche“. Ich kann euch nicht sagen, wie sehr ich diesen Spruch immer gehasst habe. Allgemein – aber auch deshalb, weil ich ihn nie kapiert habe.

Heute denke ich, es soll sowas heißen wie, dass jemand, der etwas kritisiert, immer auch in dem Verdacht steht, genau dieser Sache selbst allzu nah zu sein. Also wenn du laufend Random-Passanten als „Dumme Sau“ titulierst, könnte es sein, dass diese Zuschreibung dich selber viel besser trifft. Naja, Redewendung stehen in ihrer Welthaltigkeit gerade noch so über Horoskopen – allerdings habe auch ich einmal ziemlich viel Berlin auf mich geladen. Für den allseits beliebten Hauptstadt-Komiker Kurt Krömer (Wedding) habe ich an einigen Teaser-Clips für seine Talkshow „Chez Krömer“ mitgewirkt. In einem dieser Mini-Filmchen bin ich selbst zu sehen, werde von Kurt Krömer geküsst (Jackpot), allerdings auch on camera als „Berliner“ tituliert (Ehre verloren).

Vielleicht ist diese Kolumne also bloß eine Teufelsaustreibung dieser Story…

In diesem Sinne möchte ich nun schließen mit einem ganz herzlichen: Nichts für ungut und berlin mich nicht voll!

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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