Popkolumne, Folge 134

Nackenstarre und Currywurst im Autokino Porz – Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Allein für die Überschrift hat es sich gelohnt: Ich war mit drei lieben Menschen im Autokino Porz, um „den neuen Marvel“ zu sehen. Nun weiß ich nicht viel mehr über den Film als Leute, die ihn nicht gesehen haben, denn ich habe ihn nur halb gesehen, beziehungsweise etwa zu einem Drittel. Das war nämlich genau der Ausschnitt, den ich erkennen konnte, wenn ich mich mit dem Torso links ausm Fenster rausgehangen hab und den Kopf so nach rechts gedreht hab. Wusstet ihr, dass Autokino quasi keinen Sinn macht, wenn man hinten sitzt? Ist aber so. Aber es war trotzdem schön!!! Weil die Gastro so aussah wie ein Diner in den amerikanischen Serien, am Highway oder so. Es gab richtig leckeres Popcorn und Currywurst-Pommes in der Box plus einen schönen Energydrink von der Tanke. Dann noch Kuscheln mit und Gerüche von anderen Menschen – JUHUUU, Autokino Porz!

Grausiger Fund der Woche: Das neue Die-Ärzte-Album

Ja, es stimmt: Ich bin der größte Ärzte-Fan, so wie alle Ärzte-Fans die größten Ärzte-Fans sind, nur dass es bei mir stimmt. Dementsprechend wohlwollend, ja, nahezu blind, gehe ich an die neuen Veröffentlichungen ran. Das Album HELL zum Beispiel fand ich total gut, sprich: Ich habe es mir ganze zweieinhalb Male angehört. DUNKEL, das jetzt rauskam, verursachte mir hingegen körperliche Schmerzen, aber ich sag mal so: Auch die haben ihre Berechtigung?

Klar, ich hör mir gern auch den siebentausendsten Song darüber an, wie ironisch das mit dem Punksein heutzutage ist und, na logo, gib mir noch mal einen Witz über Bassisten und jooooo, ihr vermisst irgendjemanden, hier ist der Liebeskummerfüllsong, in dem es um Gefühle gehen soll, die alle kennen sollen, aber keiner kennt und na gut, schon wieder was mit Tinder und neuer Technik.

Was ich hingegen „nicht so geil“ finde, sind diese Sozialkundelehrersongs, dieses vertonte Bauchgrünengedöns. Nazis sind doof, okay und „wir lassen die im Still’n sein, wer sie sind“ (also, die Nazis), äh nein, auf keinen Fall? Und wenn Farin die Wahl hat zwischen Kommunismus und Religion, freut er sich nicht, weil er Kommunismus wählen darf, sondern ist lieber „gegen alles“? Wtf? Viel Spaß beim Demokratiefest, ihr Ottos!

Und „Kraft“ …, das schlimmste Lied ist „Kraft“. Warum hab ich mir jetzt zum zwölften Mal Tickets geholt für die neue Coronatour? Es keimt eine leichte Hoffnung, dass sie wieder abgeblasen wird … Ach, wie auch immer, bis zum nächsten Album bin ich dann wieder besänftigt und frage mich: Warum habe ich mich so für meine Gedichte geschämt, die ich als 13-Jährige schrieb? Ich hätte easy ein Ärzte-Album damit füllen können, wäre ich ein selbstbewusster Mann gewesen. Auaaaaa.

Schönstes Album der vorletzten Woche: Lil Nas X – „MONTERO“

Jaaa, endlich war es da. Um 0:00 Uhr am 17. September ward es geboren: MONTERO, das Debütalbum von Lil Nas X, der das Ganze tatsächlich als Geburt inszenierte. Und es ist genauso gut wie erhofft, jeder Song ein Hit, perfekt produziert und die Features die Allerbesten: Doja Cat, Elton John, Megan Thee Stallion und Miley Cyrus. Für den Part der Letzteren im Song „Am I Dreaming“ hat jemand ein Reaction-Video von Hörenden gemacht, es ist sehr cute.

Ich finde, MONTERO ist so ein richtiges Radio-Album und das ist kein Diss. Lil Nas X ist so super, weil er sich nicht scheut vor der guten alten Eingängigkeit und dem schönen Kitsch.

Serienfinale der Woche: „Pose“

Den wunderschönen, überragenden Billy Porter, den man im Lil-Nas-X-Video am Altar sieht, sieht man auch in „Pose“ genau dort. Und in was für einer Szene! Für mich die schönste Hochzeitsszene, die ich je gesehen habe und mir fehlt eigentlich gänzlich das Enzym für Hochzeitsgefühle. Aber das!!! Angel, eine Schwarze trans Frau (Indya Moore), die einfach ihr Leben als Frau leben will und hart dafür kämpfen musste und genau wie ihre Freund*innen so viele Menschen um sich herum leiden und sterben gesehen hat (vor allem an Aids), heiratet diesen bezaubernden Lil Papi, der dann noch „I Swear“ von All 4 One für sie singt und kriegt endlich was sie sich wünscht – ich krieg zuviel. Billy Porter als Pray Tell verheiratet die beiden, (ACHTUNG, SPOILER), kurz bevor er selbst an Aids stirbt.

„Pose“ ist für mich die beste Serie der letzten Jahre, mit den besten Schauspieler*innen, den vielseitigsten Charakteren, der besten Musik, den schönsten Klamotten und der besten Story. Ich finde, man hätte gut noch eine Staffel in den späteren 90ern spielen lassen können (sie spielte von 1987-1994), aber es ist auch okay, dass die Serie jetzt endet, denn sie endet so gut. Und zwar on top auf alledem noch mit einem schönen Seitenhieb auf „Sex and the City“: Die vier weiblichen Charaktere sitzen in einer Bar und der Kellner denkt, sie wollen einen Cosmopolitan bestellen, weil das Sex-and-the-City-bedingt alle Frauen zu dieser Zeit tun. Die grandiose Elektra lehnt ab und ordert Whisky und lässt verlauten, dass man sich nicht von irgendwelchen weißen Frauen vorschreiben lässt, wie man zu leben hat.

Hier ein Video der süßesten Szene ever:

Musikvideo der Woche: Remi Wolf – „Anthony Kiedis“

Bisher kannte ich nur paar Songs von Remi Wolf, aber ihre ganze Genialität ergibt sich für mich erst jetzt, wo ich ihre Videos kenne. Wie cool, kreativ und süß kann man sein? Besoffene Rumschreitante meets Windows-Desktophintergrund meets Love Parade, what’s not to love? Wenn irgendwas auf der Welt noch Sinn macht, wird Remi Wolf der nächste größte Popstar und Modeikone.


 

Politik der Woche: Deutsche Wohnen und Co. enteignen

Wohnen ist für die meisten in meinem Alter ein schwieriges Thema. Vor allem in großen Städten sorgt es dafür, dass wir in ständiger Unsicherheit leben. Wie lange können wir noch dort bleiben wo wir sind und finden wir danach wieder was? Ich bekomme bald einen Mietvertrag und freue mich darüber als wäre es ein Uniabschluss, weil ich seit Jahren keinen Mietvertrag mehr hatte. Sehnsuchtsort Wohnung – wie konnte es soweit kommen?

Wer daran etwas ändern will und mir zumindest wahnsinnig viel Hoffnung macht, sind die tollen Aktivist*innen von „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“, die einen Volksentscheid über die Enteignung und Vergesellschaftung privater Wohnungsunternehmen auf den Weg gebracht haben. Wann immer ich in Berlin war in den vergangenen zwei oder drei Jahren, waren sie sichtbar, haben alles abgeklappert, waren präsent und engagiert und haben geworben. Während in anderen Städten in Deutschland viele schon resigniert haben oder längst weggezogen sind, lehnen sich so viele Berliner*innen auf, und ich find’s so toll.

Jetzt haben tatsächlich über eine Million Menschen für die Enteignung gestimmt. Warum die Initiative so besonders ist, hat auch Nelli Tügel im „Freitag“ aufgeschrieben, ihre Vertreter kämen nämlich „raus aus den linken Kiezen, den Szeneblasen, raus aus bloßem Internetaktivismus“ und: „Jeder konnte dabei mitmachen, und wer sich nicht traute, konnte es lernen.“ Jetzt muss nur noch die fiese Giffey überwunden werden. Giffey, gib Wohnungen.

Millenial-Häppchen der Woche: Kelly Clarkson jammt mit Chris Martin

Hä, Kelly Clarkson hat eine eigene Show? Und sie wird täglich ausgestrahlt? Und sie ist supererfolgreich? Wie viele Paralleluniversen soll es denn noch geben? Ich weiß jetzt davon, weil mir dieses Video zugespielt wurde, wo Clarkson mit Chris Martin (viele schließen jetzt den Tab dieser Kolumne) ein bisschen (jetzt kommt das unangenehme Wort) GEJAMMT hat. Und zwar einmal „Green Eyes“ (Coldplay) und „Since U Been Gone“ (Clarkson). Unnormal, wie süß Clarkson ist, die sich hier benimmt wie ein Fangast, aber halt die verdammte HOST der Show ist. Ist die Sendung sonst gut? Schreibt es mir in die comments, also die vom Video, ich guck bestimmt noch mal öfter rein.

Und mir ist da noch was aufgefallen, mindblown:

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

ME

Billy Porter: „Wovor habt ihr Angst? Vor einer geschlechtslosen Fee?“ (Videointerview)
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