Klassiker-Jubiläum

20 Jahre „KID A”: So gut (oder schlecht) ist Radioheads mutmaßlicher Meilenstein wirklich

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Vor 20 Jahren, am 2. Oktober 2000, erschien ein weiteres, nach OK COMPUTER ganz und gar anderes Meisterwerk von Radiohead: Mit KID A wendeten sich Thom Yorke und CO. völlig von der Rockmusik ab. Aus dem mutmaßlichen kommerziellen Selbstmord wurde das Gegenteil, die Platte sollte unter anderem einen Grammy als „Best Alternative Album“ gewinnen. Auch die Redaktion des Musikexpress war sich Jahre später ziemlich geschlossen einig: In unserer 2015 gewählten Liste der „50 besten Alben des neuen Jahrtausends“ schaffte es KID A von Radiohead auf Platz 3, vor FRANZ FERDINAND und Kanye Wests MY BEAUTIFUL DARK TWISTED FANTASY und nach The Strokes‚ IS THIS IT und The Libertines‚ UP THE BRACKET.

Lest hier unsere damalige Rezension:

RADIOHEAD – KID A (2000)

Der Vorgänger OK COMPUTER gilt nicht wenigen deiner alten Klassenkameraden vom Popchecker-Gymnasium als das beste Album der 90er-Jahre. Es hatte damals, 1997, aber auch schon das Zeug dazu gehabt, die Kundschaft, die die Band aus Oxford bis dahin irgendwo zwischen den Manic Street Preachers und den Smashing Pumpkins eingeordnet hatte, zu erschrecken. Ein Monster mit Monsterabgründen und monströsen Proganwandlungen, aber immerhin mit großartigen Gitarren.

Erst KID A sollte das Werk sein, mit dem sich Radiohead bis auf Weiteres von dem verabschieden, was man unter dem Begriff „Rockband“ versteht. Im Tausch dafür setzte es Wunderliches: Thom Yorke war auf neue Anregungen im Katalog des Warp-Labels gestoßen, bei Autechre, Aphex Twin und so weiter. Nun bauten er und die Kollegen eigene Stolperbeats und auf Synthesizer-Akkorden ihr Fundament, jagten bald jeden Ton durch Effektgeräte – es ging ihnen um bewusste Entfremdung von sich als Band. Die handgeklopften, krautigen Schlagzeugspuren hingegen schienen schon 25 Jahre zuvor von Conny Plank aufgenommen worden zu sein. Auch Jazz spielte als Einfluss eine Rolle, doch wo er hereinlugte, war die nächste Disharmonie nie weit. Schließlich legte Jonny Greenwood für dieses Schauspiel mit Streichern, Harfen und dem schauerlichen Wimmern der Ondes Martenot Soundtrack-artige Klangkulissen an (er würde sich bald einen eigenen Namen damit machen), sodass diese Platte an markanten Stellen auch noch ins Opulente wächst.

Die größte Leistung von KID A besteht ja vielleicht sogar darin, dass Radiohead hier gleich mehrfach übers Ziel hinaus schossen – und ihnen trotzdem ein rundes Album gelungen ist. Was zudem oft übersehen wird: Gerade der Einfluss von KID A (und seines acht Monate jüngeren Zwillings AMNESIAC) auf die kommende Generation derer, die sich aus dem Rock Richtung Kunst strecken wollten, kann gar nicht groß genug eingeschätzt werden. Bands wie Alt-J oder Foals haben hiervon gelernt, dass vorgestanzte Strophe-Bridge-Refrain-Bausätze, 4/4-Takte und der ewige Blues im Schuh nicht Anfang und Ende jedes Liedes sein müssen. Ganz und gar nicht. (Oliver Götz)

Haben wir oben „ziemlich geschlossen“ geschrieben? Genau: Unser Autor und Kolumnist Linus Volkmann zeigt sich naturgemäß nicht ganz so begeistert von dem Album. In Folge 5 seiner Popkolumne auf Musikexpress.de schrieb er in der Rubrik „Verhasster Klassiker“ über KID A die folgenden Worte.

Verhasster Klassiker: Radioheads „KID A“ klingt, als ob Käferfressgeräusche digitalisiert worden wären

Radiohead, die Zaubermäuse aus Oxford. Das schütterhaarige Fuckfest für den Sapiosexuellen. Verwackelt, verschüttet, verfranzt – Musik, als würde man ein iPad auf den Grill legen. (Der Grill ist in diesem Bild natürlich nicht an, versteht sich.)

Wobei alles ja noch so harmlos begann: Es waren die Neunziger. In Deutschland fand die Wiedervereinigung, in England der Britpop statt. Britpop stand für aufgeregte Männchen mit Faust in der Luft (Blur) beziehungsweise aggressive Männchen mit Faust und Steifen in der Luft – beides brennend (Oasis). Dieser Möglichkeitsraum lockte auch Bücherwürmer an. So nestelten sich auch die Musiker von Radiohead linkisch zur Garderobe, hielten ihre Geldbörsen fest, sahen sich um und ahnten: Hier würden sie nie reinpassen. Ok tschüss!

Doch Moment, die All-Men-Band hatte ja bereits etwas auf Tasche für diese neue Zeit! Im Selbstversuch und einem Drogenexperiment geschuldet, hatte man im Proberaum einst zwei Schachteln „Edle Tropfen in Nuss“ aufgefressen, auf ex! (Quelle: Wikipedia) Das Ergebnis dieses Spiels mit dem Feuer wurde nun ihr größter Hit: „Creep“. Er wurde aber auch ihr größtes Trauma.

Denn die fünf Musiker mit der verführerischen Bürokaufmann-Aura blieben hängen, richtig tragisch. Manisch versuchen sie seitdem jeden Gedanken daran auszumerzen, dass sie einmal einen catchy Sauf-Song geschrieben haben. Und spätestens mit KID A war es dann auch so weit. Der Sound darauf klingt so, als würden Käferfressgeräusche digitalisiert. Sänger Thom Yorke lässt das Meckernde seiner Ziegenstimme elektronisch besonders hervorheben.

Dass man auch damit eine Art Zeitgeist treffen kann, macht Pop erst zu der Bedrohung des Weltfriedens, der er heute ist.

Aber die Britpop-Fans der ersten Rutsche waren im Jahre 2000 eben müde geworden. Außer Sodbrennen hatten sie nichts mehr, das ihnen das Gefühl gab, in Flammen zu stehen. Da kommen Songs, die wie ein kaputtes Fax-Modem klingen, wohl gerade recht.

„Iiiihhh—wääähhh—-kkrrrkk—tüüü“

Das ist zum Beispiel schon ein ziemlicher Ohrwurm. Muss man der Band lassen.

– Linus Volkmann („Musikjournalist“)

Hört Radioheads KID A hier im Stream:


Thom Yorke: „Die Trump-Administration hat sich selbst sämtlicher moralischer Autorität beraubt“
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