Warum es viel mehr Songs über den Valentinstag geben sollte
Jan Müller referiert in seiner Kolumne über die besten Songs zum Valentinstag.
Irgendwann im Dezember letzten Jahres telefonierte ich ausführlich mit Stephan Rehm Rozanes, meinem obersten Musikexpress-Reflektor-Kolumnen-Chef. Wie immer sprachen wir zunächst eine halbe Stunde euphorisch über Popmusik. Dann entspann sich folgender Dialog (Gedächtnisprotokoll):
REHM ROZANES: „Achja, weshalb ich anrief …“
MÜLLER: „…ja, achso, der Grund …“
REHM-ROZANES: „Ich wollte dir nur sagen, die nächste Kolumne …“
MÜLLER: „Ohje, nein, bin ich zu spät?!“
REHM ROZANES: „Nein!“
MÜLLER: „Uff. Und ich dachte schon!“ (Ich weiß nämlich nie, wirklich NIE, wann die Abgabe meiner Zeilen erforderlich ist.)
REHM ROZANES: „Du hast noch ganz viel Zeit, wirklich ewig viel!“
MÜLLER: „Ok, wann denn?“
REHM ROZANES: „Mitte Januar, das reicht vollkommen!“
MÜLLER: „Wann kommt das Heft denn raus? Vielleicht kann ich das dann irgendwie thematisch verknüpfen …“
REHM ROZANES: „Das kann ich dir ganz genau sagen! Am 14. Februar, am Valentinstag!“
MÜLLER: „Genial, dann mache ich was mit Valentinstag-Liedern. Das ist gebongt. Ist quasi schon geschrieben.“
REHM ROZANES: „Durchaus romantisch, Herr Müller. Ja, das ist doch wunderbar. My Müller Valentine.“
MÜLLER: „My Bloody Valentine – hat die Band eigentlich was mit dem Valentinstag zu tun? …“
Es folgten weitere 25 Minuten intensive Popmusik-Dialoge. Tja, und nun sitze ich hier. Und zerbreche mir den Schädel. Es gibt nämlich die von mir angenommene große Masse von Valentinstags-Songs nicht. Sie existiert nicht. Erstaunlich, aber wahr. Ich glaube, ich hatte bei dem Gespräch den Song „Valentinstag“ von Mia Morgan im Kopf und ihn sogleich multipliziert: „Es ist Valentinstag und ich werde dein Herz brechen / Und es blutig und heiß zu einem Glas Wein fressen“. Mia Morgan zitiert dann sogar im weiteren Textverlauf die von mir und Stephan Rehm Rozanes erwähnte Creation-Band My Bloody Valentine.
Ich fände es gut, wenn ein möglichst lärmendes Lied von My Bloody Valentine offizielle Valentins-Hymne werden würde. „Feed Me With Your Kiss“ wäre zum Beispiel gut geeignet. Staatliche und nichtstaatliche Körperschaften könnten demzufolge dazu abkommandiert werden, dieses Lied am Valentinstag stündlich in Originallautstärke über die ihnen zur Verfügung stehenden Lautsprecher-Anlagen abzuspielen.
Wer über den Valentinstag lästert und sagt: „Den hat die Blumenindustrie erfunden“, der redet Unfug und hat kein Herz
Sollte sich mein Vorschlag durchsetzen, so würde ich behördliche Termine künftig stets auf den 14. Februar legen. Zum Beispiel würde ich an diesem Tag die Erneuerung der Sperrung meiner Melderegisterauskunft beim Bürgeramt Berlin Mitte absolvieren. Während ich im entsprechenden Raum der Behörde vorstellig bin, dort noch die Gründe für meinen Antrag erläutere und meine Unterschriften auf das digitale Brettchen des Meldebeamten setze, ertönt dann plötzlich das grandiose Lied der fabelhaften irisch-britischen Band aus den Behördenlautsprechern. Der Beamte zuckt zusammen, aber ganz tief in seinem Inneren berührt sie ihn doch, die Musik. Und als ich dann eine Blume aus meinem Pilotenkoffer hervorhole und ihm überreiche, bewegen sich sogar seine Mundwinkel ein wenig.
Wer über den Valentinstag lästert und sagt: „Den hat die Blumenindustrie erfunden“, der redet Unfug und hat kein Herz. Aber zurück zur Musik: Hier präsentiere ich euch meine ultimative Playlist fr den Valentinstag. Neben Mia Morgan und My Bloody Valentine sind dies: Elvis Presley – „Love Me Tender“: Das ist ja eh klar, da geht nichts drüber. Achtet mal auf den wunderschönen Hintergrundgesang. Der ist von Jon Dodson. Ausnahmsweise sollte außerdem ein Song von Bob Dylan in die Liste. Und zwar „I Want You“. Erstens wegen des schönen Refrains und zweitens wegen all dem Storytelling in den Strophen. Zum Ausgleich dann natürlich Leonard Cohen mit „Dance Me To Te End Of Love“. Um das noch zu steigern, folgt dann „Nothing Compares 2 U“ in der Fassung von Sinéad O’Connor. Schon immer habe ich dieses Lied geliebt. Und nein, es war mir nie peinlich. Wie lässt sich das noch toppen?
Und die Liebe erklingt
Natürlich mit Clowns & Helden und ihrem Hit „Ich liebe dich“. Wegen des Intros, des Drumsounds, der Chöre und der Handschuhe. Trotzdem, im Anschluss muss ein Kontrast gesetzt werden. Und zwar mit den Neurotic Arseholes und dem Schmacht-Punk-Hit „Kein Tag ohne Liebe“: „Die Zigarette glimmt in meiner Hand / Ich kann nicht rauchen / Du raubst mir den Verstand /Ich hab’ mir fast schon die Finger verbrannt / Von mir aus könnte heut die Welt untergeh’n / Wenn wir zusammen am Abgrund steh’n“. Das ist so wundervoll!
Ok, ich muss raus aus dem deutschen Eck, daher nun noch Method Man und Mary J. Blige mit „I’ll Be Tere For You / You’re All I Need To Get By“. Allein schon wegen des „Cheeba cheeba, y’all“, mehr Valentinstag geht kaum! Doch! Der letzte Titel in der Liste ist dann ein Jazz-Standard. Und zwar „My Funny Valentne“ in der Fassung von Ella Fitzgerald. Auch wenn der besungene Valentine nichts mit dem Valentinstag zu tun hat und der Text vielleicht auch gar nicht romantisch ist. Das sehen wir nicht so eng und lassen die Musik sprechen. Und die Liebe erklingt.
Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 3/2025.



