Konzertbericht

RAYE in der Uber Arena Berlin: Eine Show zwischen Theater und Rave

Von Gewitterwolken bis Baller-Finale: RAYE liefert in der Hauptstadt mehr als ein Konzert ab. Unser Nachbericht.

Die Südlondoner R&B-Künstlerin RAYE ist seit der Veröffentlichung ihres Debütalbums MY 21ST CENTURY BLUES für ihr starkes Storytelling bekannt. Dieses setzte sie am Samstagabend, den 24. Januar 2026, in der Berliner Uber Arena fort – nicht nur musikalisch, sondern auch mit einer aufwendig inszenierten Bühnenshow, die das Publikum von Beginn an in ihren Bann zog. Über ein Konzert in drei Akten.

Grollen und Blitzen zum Auftakt

Schon die erste Sekunde des Showabends startete RAYE mit einer Erzählung. Das Setting: Es war 02:27 Uhr an einem Novemberabend in Berlin. Eine Frau Ende 20, betrunken und allein, auf dem Weg zurück ins Hotel … Während sich diese Geschichte entfaltete, zog auf der Bühne ein Gewitter auf – wohl als Spiegel ihres inneren Zustands. Vor einem schweren roten Samtvorhang senkte sich mittig eine Gewitterwolke mit Lichteffekten herab, die Blitze imitierten – die Arena lag ansonsten im Dunkeln.

Unter Donnergrollen und einem einzelnen Spotlight betrat die Sängerin schließlich pünktlich um 20:30 Uhr barfuß die Bühne. Mit ihrem Markenzeichen, der kinnlangen Föhnfrisur, einer schwarzen Sonnenbrille und einem langen Mantel wurde sie vom Jubel der rund 17.000 Fans empfangen. Unter der grauen Wolke angekommen, eröffnete die 28-Jährige die zweistündige Show mit der bislang nicht offiziell herausgebrachten Ballade „I Will Overcome“, begleitet von einem Streichquartett. Schnell wurde klar: Gesten, Mimik und Inszenierung waren an diesem Abend bewusst groß und dramatisch – ganz im Sinne einer Diva.

Neue Musik und orchestraler Glanz

Schon mit dem Opener löste die sechsfache Brit-Award-Gewinnerin das Versprechen des Tourtitels „This Tour May Contain New Music“ ein. Und dabei blieb es nicht. Über den gesamten Gig hinweg wechselte sie mühelos zwischen neuen Songs und bekannten Hits. Pünktlich zum Start ihres aktuellen Chart-Erfolgs „Where Is My Husband!“ fiel der Vorhang und gab den Blick auf ihr Orchester frei, das auf unterschiedlich hohen LED-Podesten platziert war – elegant gekleidet in Abendgarderobe. Hinter ihnen prangte ein riesiger, wellenförmiger Screen, der jede Performance mit passenden Visuals unterstützte und bei neuen Songs die Lyrics einblendete. RAYE erschien dann in einem bodenlangen roten Abendkleid, das Mikrofonkabel locker über die Schulter geworfen. Spätestens hier hielt es niemanden mehr auf den Sitzen. Der schnelle, textreiche Song mit Jazz-Einflüssen lockte auch die letzten Tanzfaulen aus der Reserve.

Hier die Tour-Ankündigung ansehen und schauen, was die Shows sonst noch so versprechen:

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Charme, Imperfektion und Nähe zum Publikum

An einigen Stellen merkte man, dass es sich um die zweite Show der Tournee handelte, die RAYE noch bis Mitte Mai 2026 weiter durch Europa, Kanada und die USA führen wird. Kleine Unsicherheiten überspielte sie jedoch nicht, sondern begegnete ihnen mit Humor. „Ich brauche ein Skript“, scherzte sie – in Anspielung auf die zahlreichen Monologe, die fester Bestandteil der Show und ihrer Musik sind. Gerade diese kleinen unperfekten Stellen ließen den Menschen hinter der Performerin durchscheinen, machten sie nahbar und unterstrichen ihre Bodenständigkeit.

Ein persönlicher „I Made It“-Moment

Ihre Offenheit zeigte sich auch in einem anderen, sehr persönlichen Moment. Die Songwriterin erzählte, sie sei an diesem Abend „besonders emotional“, da sie „an ihr 17-jähriges Ich zurückdenken“ müsse. Damals war sie für einen mehrtägigen Gesangsunterricht nach Berlin gereist und wurde von einer Einheimischen durch die Stadt geführt. Gemeinsam standen sie vor der Arena und die Frau ermutigte sie, eines Tages genau hier aufzutreten. Und gut zehn Jahre später war es so weit: Rachel Agatha Keen, wie die Künstlerin mit bürgerlichem Namen heißt, spielte erstmals in der Uber Arena – und verkaufte sie direkt aus. Ein klarer „I Made It“-Moment, den sie mit dem Publikum teilte. Ihre Botschaft: Träume können wahr werden, brauchen aber Zeit, Geduld und Durchhaltevermögen.

Zweiter Akt: Jazzclub, Liebeskummer und Heilung

Für den zweiten Akt verwandelte sich die Bühne in einen stilvollen Jazzclub. Die Inszenierung wirkte zeitlos und erinnerte an eine Mischung aus Theater und Musical. RAYE nahm an einem der Tische Platz, setzte sich auf einen Barhocker und stimmte „Fly Me To The Moon“ von Kayle Ballard an, während ihre Band sanft dazustieß.

In diesem Kapitel erzählte sie – bewusst in der dritten Person – von ihrem schlimmsten Liebeskummer. Die Geschichte spielte an der Nightingale Lane in London, wo sich das Paar kennenlernte und sich später auch trennte. Dieser Teil der Show drehte sich vor allem um Schmerz, aber auch um Heilung. Durch ihre eigenen Songs kreiert sie „ihre eigene Medizin“ – so auch in „Nightingale Lane“, ihrem noch unveröffentlichten Track über die berühmte Londoner Straße.

Verletzlichkeit als Stärke

Besonders intim wurde es, als RAYE allein am Klavier vor heruntergelassenem Vorhang „Ice Cream Man“ performte – ein Song über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Die Anspannungen und Gefühle waren greifbar, sie selbst war den Tränen nah, während die Crowd aufmerksam lauschte und sie mit Zurufen unterstützte. Auch der nächste, bisher unveröffentlichte Song „I Know You’re Hurting“ schlug einen ernsten Ton an und thematisierte mutmaßlich Suizidgedanken. Vor der Performance richtete sie sich eindringlich an die Anwesenden: „Ihr wurdet aus einem Grund geboren, ihr gehört hierher, ihr werdet geliebt, ihr seid wichtig, ihr seid etwas Besonderes. Macht weiter, gebt euer Leben nicht auf – auch wenn es gerade weh tut. Es wird alles gut!“ Eine klare Botschaft der Hoffnung, die lange nachhallte.

Finale: Jetzt wird geravt!

Nach den emotionalen Augenblicken nahm die Show wieder Fahrt auf – ohne die Schwere der vorherigen Tracks. Es erfolgte ein Outfit-Wechsel: Im „kleinen Schwarzen“ mit tiefem Beinschlitz und Federn stimmte RAYE den Fan-Favoriten „Oscar Winning Tears“ an sowie auch die bald erscheinende Party-Hymne „Click Clack Symphony“. Erstgenannter wurde vom britischen Dirigenten Tom Richards geleitet.

Der dritte und letzte Akt stand ganz unter dem Motto „RAY(V)E“. Während die Bühne zuvor in warmen Farben wie Orange, Pink und Rot leuchtete, dominierten nun kaltes Blau und Neon-Grün. Dramatisch kündigte ein Schriftzug im Hintergrund den Stilwechsel an: Aus „RAYE“ wurde durch den Austausch eines einzelnen Buchstabens „RAVE“. Mit einem Medley aus früheren Songs wie „Prada“, „Secrets“, „You Don’t Know Me“ und „Black Mascara“ verwandelte sich die Uber Arena in einen pulsierenden Club – das Publikum tanzte, sang und gab alles.

Zugabe, Dankbarkeit und Zuversicht

Zum Abschluss holte RAYE für den Track „Joy“ ihre beiden Schwestern Amma und Absolutely auf die Bühne, die den Anwesenden bereits aus dem Vorprogramm bekannt waren. Als Zugabe folgte „Escapism“, jener Song, der ihr 2023 den internationalen Durchbruch bescherte. Ein Moment wie ein Kreislauf, der sich schließt.

Doch anstatt danach direkt zu gehen, blieb die Sängerin für einen kurzen Austausch mit den Fans auf der Bühne. Einer Zuschauerin, die einen selbstgestrickten Pullover mit RAYEs Gesicht hochhielt, sprach sie Mut zu: „Der ist echt gut – mach da ein Business draus!“ Außerdem erkannte sie Fans der ersten Stunde in den vorderen Reihen und zeigte sich überrascht über Konzertbesucher:innen in ihren Fünfzigern und Sechzigern.

Dass sie mehrfach für einen Grammy nominiert wurde, spielte an diesem Abend keine Rolle. Stattdessen betonte sie ihre Unabhängigkeit als Künstlerin und hielt zum Schluss ein Schild mit dem QR-Code ihres neuen Albums in die Höhe – das am 27. März auf den Markt kommt –, um sich ihre hart erkämpfte kreative Freiheit möglichst lange zu bewahren.

Der Vorgeschmack auf die auf der Platte enthaltenen Songs und deren Titel THIS MUSIC MAY CONTAIN HOPE fasste den Abend treffend zusammen: Es ging um Zuversicht in dunklen Zeiten – ein mächtiges Gefühl, das das Publikum nach einer musikalischen Therapiestunde mit nach Hause nahm.
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