Interview

Nadja Benaissa über 25 Jahre No Angels: „Damals war die Welt noch in Ordnung“

Nadja Benaissa erinnert sich an die erste „Popstars“-Staffel, die Anfänge der No Angels und erklärt, warum dieser Zauber heute unmöglich wäre.

ME: Wenn Menschen Ü-35 die ersten Töne von „Daylight In Your Eyes“ hören, kriegen sie leuchtende Augen. Warum?

Nadja Benaissa: Da hängt ganz viel Erinnerung dran. Man denkt zurück an eine Zeit, in der man jünger war, vielleicht noch ein Kind. Und je mehr Zeit vergeht, desto lieber erinnert man sich an die schönen Momente.

Du auch?

Für mich persönlich war es keine leichte, unbeschwerte Zeit. Ich war 18 und schon Mutter. Wir haben wahnsinnig viel gearbeitet. Im ersten Jahr konnte ich mich manchmal vor Übermüdung kaum bewegen und musste trotzdem auf dem Berg in Alta Badia im Schnee eine Choreografie tanzen. Wir lernten: In diesem Job gibt es kein Krankschreiben.

Das „Daylight“-Original von New Life Crisis klingt im Rückblick fast wie ein ironisch schlechtes Cover eurer Version.

Ja, oder? Beim ersten Ton der Neuauflage haben wir trotzdem alle gewusst: Das muss unsere Single werden. Den Text habe ich bis heute nicht ganz verstanden, ehrlich gesagt. Aber das ist ja auch Kunst – es geht ums Gesamtpaket, um das Gefühl. Und dieser Song transportiert Freude und Leichtigkeit. Beides können wir alle besonders heute wieder gut gebrauchen.

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Die erste Staffel „Popstars“ mit euch als Siegerinnen war ein Phänomen. Worin lag ihr Zauber?

Erstens hatten wir das Glück, die Ersten zu sein. So ein Reality-Format kannte man in Deutschland einfach noch nicht. Zweitens war überhaupt nichts gestellt. Wir stopften ungeschminkt und mit Augenringen Rigatoni al Forno in uns hinein und redeten. Ich hatte keine Sekunde darüber nachgedacht, wie das später im Fernsehen rüberkommt. Wir waren echt und divers. Jeder konnte sich mit einer von uns identifizieren. Diese Form der Unschuld ließ sich danach nie wieder reanimieren, weil durch uns alle wussten, was sich daraus entwickeln kann, und sich entsprechend vorbereiteten. Und drittens gab es damals noch keine KI, kein Social Media, keine Streamingdienste. Der Musikmarkt war ein anderer.

Das Format hat sich schnell verbraucht und wurde trotzdem künstlich am Leben gehalten.

Leider. Nach uns kamen jedes Jahr neue Bands, und dann hat man sie vergessen. Es ging nur noch ums TV-Format, nicht um die Musik oder eine Karriere danach.

Ihr wart geplant als deutsche Spice Girls. Ist der Plan aufgegangen?

Teilweise. Die Spice Girls sind natürlich tausendmal erfolgreicher weltweit. Sie waren ein Phänomen. Aber die No Angels sind die erfolgreichste Girlband Kontinentaleuropas.

Die Popkritik hat euch trotzdem nie ganz ernst genommen. Dein R’n’B- und Soul-Soloalbum SCHRITT FÜR SCHRITT ging 2006 sogar kommerziell unter.

Es ging dabei nie um Verkaufszahlen und Hits. Ich brauchte diese eigene Musik nach all den Jahren einfach.

Seitdem ist viel passiert: 2010 hast du die Band nach den Schlagzeilen um deine HIV-Erkrankung und einen Gerichtsprozess verlassen, dein Abi nachgeholt, eine Ausbildung abgeschlossen, als Fitnesstrainerin gearbeitet und in einem Gospelchor gesungen …

Die Öffentlichkeit hat mich belastet, ja.

Warum dann 2021 die Reunion?

Wir wollten unser Jubiläum mit einem würdevollen Abschied feiern. Das machte überraschend viel Spaß. Wenn sich was Schönes ergibt und wir Lust haben, dann machen wir es. Dass unsere Fans uns nach all der Zeit mit offenen Armen empfingen, war das schönste Kompliment, das wir kriegen konnten. Dass die Leute bei unseren Konzerten ausflippen – das hätten wir vor zehn Jahren wirklich nicht gedacht.

Heute tauchen die No Angels außerdem im Haus der Geschichte in Bonn, im Museum für Kommunikation, auf Konzerten von K.I.Z und im Deichbrand-Line-up auf. Der „Preis für Popkultur“ ehrte euch mit einem Lifetime Achievement Award.

Auch all das hätte man damals wirklich nicht voraussehen können. Wir wurden sogar mal fürs Wacken angefragt. Hat leider nicht geklappt. Ich hätte es mega geil gefunden!

Könnte eine Castingshow heute noch mal so einen Erfolg produzieren?

Man müsste wirklich back to the roots gehen. Den jungen Leuten sagen: Leg die Maske ab, sei du selbst. Aber das funktioniert kaum noch, weil heute die Ansprüche so viel höher sind. Gesang, Aussehen, Selbstvermarktung, alles muss perfekt sein. Social Media hat das alles so krass verändert. Früher konntest du noch ungeschliffen irgendwo hingehen. Heute nicht mehr.

Jungen Menschen, die ernsthaft Musiker:in werden wollen, würdest du also dringend von einer Teilnahme an Castingformaten abraten?

Meiner eigenen Tochter würde ich es nicht empfehlen. Aber wenn jemand das Gefühl hat, er muss da hin und bekommt dadurch eine Bühne – warum nicht? Gerade wenn man auf Social Media keine Reichweite aufbauen kann, ist jede Chance, gesehen und gehört zu werden, doch grundsätzlich in Ordnung.

Du selbst warst gerade mit SCHRITT FÜR SCHRITT auf Jubiläumstour, hast bei „Let’s Dance“ teilgenommen und eine neue EP veröffentlicht.

Bei meiner eigenen Musik geht es nach wie vor nicht zuerst um Aufmerksamkeit. Die No Angels sind eine wieder funktionierende Band mit Struktur. Als Nadja Benaissa aber mache ich mir die Welt, wie sie mir gefällt. Es ist schön, diese Freiheit zu haben.