Die besten Alben von 2001: Diese 10 Platten prägten das Musikjahr
Von Aaliyah über The Strokes bis Radiohead – diese zehn Platten klingen 25 Jahre später noch immer nach.
Kante – ZWEILICHT
(8. Januar)
„Manchmal redest du im Schlaf …“ Es gibt kein anderes Lied wie „Im ersten Licht“, das so poetisch und zärtlich von den Morgenstunden erzählt, wenn der eine Mensch noch schläft und der andere noch wach ist und sich fragt, was der andere wohl träumen mag. Bereits auf ihrem ersten Album ZWISCHEN DEN ORTEN spielten Kante eine Musik aus dem Abseits der Existenz. Mit ZWEILICHT gelingt der Band um Sänger Peter Thiessen ein wundersames Werk, aufgenommen in Hamburg von Tobias Levin, der gemeinsam mit der Gruppe über schwerelose Musik diskutierte, insbesondere über Robert Wyatt. Aus dieser Theorie heraus entsteht das Album.
2002 wiederholt Levin dieses Arbeitskonzept mit Tocotronic. ZWEILICHT packt auch mal zu: Die Single „Die Summe der einzelnen Teile“ ist einer der besten Songs über Bandmusik und wird ein Hit in den Indie-Discos. „Ituri“ und „Best Of Both Worlds“ verbinden späte Talk Talk mit Tortoise – das muss gehört und erlebt werden, um es zu begreifen. „Life On Electric Avenue“ trägt Levins Hamburger Studio im Namen, beginnt als Indie-Pop-Stück, entwickelt sich zum Boogie-Woogie und endet als Folkrocker, fast wie bei Onkel Pö. Sonderbar und einzigartig. Die Platte klingt mit dem Instrumental „My Love Is Still Untold“ aus – mit Klarinetten und Standbass, einer Musik, die uralt sein könnte, die Kante aber im Zuge dieser magischen Sessions erfunden hat. Dass sich die Band heute aufs Theater fokussiert, ist ein Segen für die Bühnen. Aber dadurch fehlt etwas, das nur Kante geben kann: mit Musik und Text zu beschreiben, was man nicht verstehen kann. André Boße
Jan Delay – SEARCHING FOR THE JAN SOUL REBELS
(9. April)
Wie super man damals über diese Platte streiten konnte! Weniger über kulturelle Aneignung – das war 2001 noch kaum ein Thema. Sondern über das, was man Haltung nennt. Absolute Beginner hatten Pause, Jan Delay hatte Charts-, Bravo- und Viva-Luft geschnuppert; sein Cover von Nenas „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ lief wirklich überall. Jan Delay machte nun Ska und Reggae auf Deutsch. Mit SEARCHING FOR THE JAN SOUL REBELS wollte er der Popwelt zeigen, dass das auch ohne Coverversion funktioniert – und dass es auch gelingt, wenn man den Tracks politische Botschaften mitgibt. Passend dazu erscheint das Album beim Label mit dem Namen Buback.
Zu Delays Indie- und Linkssein-Gestus passt „Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt!“ – man beachte das Ausrufezeichen. Snobistisch oder eben genau die richtige Haltung? Man streitet darüber. Wie auch über „Söhne Stammheims“, eine Abrechnung mit der Trashkultur – aber nicht mit den Terroristen. Was bei aller Streiterei allen klar ist: SEARCHING FOR THE JAN SOUL REBELS ist eine fantastisch performte, arrangierte und produzierte Platte. Jan Delay und seine Leute spielen diesen Sound fürs Jahr 2001, es ist kaum Nostalgie zu spüren; ein Stück wie „B-Seite“ steht exemplarisch dafür. Unter den Gästen: Rocko Schamoni als Hörspiel-Künstler, D-Flame, der schon bei Advanced Chemistrys „Fremd im eigenen Land“ dabei war, sowie bei „Flashgott“ ein Typ namens Xavier Naidoo. Was hat dich bloß so ruiniert? André Boße
Destiny’s Child – SURVIVOR
(25. April)
Es gibt ein Davor und ein Danach: Schon mit ihrem zweiten Album THE WRITING’S ON THE WALL zwei Jahre zuvor hatten Destiny’s Child gezeigt, dass an ihnen im Pop kein Weg mehr vorbeiführen würde. Doch die internen Streitigkeiten waren zu viel: Gründungsmitglieder LeToya Luckett und LaTavia Roberson verließen das Quartett, weil sie mit Manager Mathew Knowles, seinem Geschäftsgebaren und der Bevorzugung seiner Tochter Beyoncé und Kelly Rowland nicht klarkamen. Auf sie folgten Michelle Williams und für knapp fünf Monate Farrah Franklin. Alles eigentlich keine gute Ausgangslage, um den Pop-Olymp zu erklimmen.
Aber die Vorab-Single „Independent Women Part I“ sollte alles ändern. Veröffentlicht für den Soundtrack von „Charlie’s Angels“, erklomm sie die 1 der Billboard-Charts und zeigte: Ja, auch diese Version von Destiny’s Child konnte funktionieren. Knapp 25 Jahre später muss man sagen: Diese Wette ist aufgegangen. SURVIVOR ist kein perfektes Album – es ist zu lang, und wie so oft in dieser Ära des Pop blähen zu viele Füller es auf. Songs wie „Nasty Girl“ zeigen ein eher missogynes Frauenbild, das noch weit von Beyoncés „***Flawless“ entfernt ist. Aber ein Bop ist der Song mit seinen geschichteten Harmonien trotzdem, ebenso wie die Banger „Survivor“ und „Bootylicious“ natürlich, aber auch Songs wie „Happy Face“ oder „Apple Pie À La Mode“. SURVIVOR war die Neugeburt von Destiny’s Child – das Album, mit dem sie sich in ihrer finalen Form vorgestellt haben. Und es funktioniert auch 25 Jahre später noch. Aida Baghernejad
Radiohead – AMNESIAC
(30. Mai)
Das fünfte Album von Radiohead hatte kaum eine Chance: Zu mächtig der Schatten des erst acht Monate zuvor erschienenen Vorgängers. KID A war zu revolutionär – in Klang und Release-Strategie (keine Singles, keine Videos, kaum Interviews und Pressefotos) –, um den ganz traditionell veröffentlichten Nachfolger auf eigenen Beinen stehen zu lassen. Dass AMNESIAC so viel mehr als das Kid B ist, als das es leider wahrgenommen wird, und keineswegs Ausschussware darstellt, obwohl beide Platten gleichzeitig entstanden sind, zeigt sich in der Popularität der Leadsingle „Pyramid Song“ mit seinem ungreifbaren Rhythmus. Erst 2023 verblüffte Drummer Phil Selway mit der Erklärung, dass es sich um die häufigste aller Taktarten – 4/4 – handelt, allerdings im Swing-Stil gespielt. Häufig führt der Song Fan-Votings an; selbst Gitarrist Ed O’Brien nennt das Stück die beste Arbeit seiner Band.
Thom Yorke bezeichnete die Platte als „zugänglicher als KID A“ – was es gut trifft. Obwohl sich mit „Knives Out“ nur ein klassischer Song auf der Tracklist findet, warten einige Stücke doch mit einprägsamen Hooks auf: „You And Whose Army?“ im Finale, der hypnotische Groove von „Packt Like Sardines In A Crushd Tin Box“ sowie die ineinander verschlungenen Gitarrenriffs in „I Might Be Wrong“ haben sich ebenfalls tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Eine Spezialausgabe der CD erschien damals in Form eines Bibliotheksbuchs samt Ausleihkärtchen. Und wenn es noch so viel Strafgebühr kostet – dieses Album wird nicht zurückgegeben! Stephan Rehm Rozanes
The White Stripes – WHITE BLOOD CELLS
(3. Juli)
Das dritte Album des Duos ist deshalb so wichtig, weil Meg und Jack White hier Erfolg und Mythos zusammenbringen. Das Cover gibt die Stimmung vor: Die beiden stehen nun im Fokus, belagert von fotografierenden Phantomen. Die weißen Blutzellen im Titel erklärt Jack White später in Interviews als Bakterien, die im bis dahin geschützten White-Stripes-Kosmos an Einfluss gewinnen. Das Duo wittert Ärger und reagiert darauf auf seine eigene Art. Sind die ersten beiden Alben noch sehr vom Blues inspiriert, öffnen sich die White Stripes hier für Garage-Rock und Artverwandtes – durchaus dem Zeitgeist entsprechend, denn der Neo-Garage-Boom liegt bereits in der Luft. Dabei sind die White Stripes deutlich näher an den Originalen als die Konkurrenz.
Vor allem bietet WHITE BLOOD CELLS Hits: den Country-Folk-Stomper „Hotel Yorba“, den Power Pop von „Fell In Love With A Girl“. „We’re Going To Be Friends“ ist ein herzzerreißendes College-Stück über eine sich anbahnende Freundschaft zum Beginn eines Schuljahres. Ein zentrales Stück für die Deutung der Band ist „The Union Forever“: Der dunkelste Track der Platte ist eine Hommage an „Citizen Kane“, den Filmklassiker von Orson Welles, der darin auch die Hauptfigur spielt – den Medienmogul Charles Foster Kane. „Citizen Kane“ ist für White ein Schlüsselwerk für seine Sicht auf Themen wie Kunst, Erinnerung und das Schaffen eines eigenen Imperiums. Im Stück singt er Dialoge aus dem Film nach; an einer Stelle heißt es: „Sure, I’m C.F.K.“ Jack White ist 2001 ein Musikmogul im Werden. André Boße
Aaliyah – AALIYAH
(17. Juli)
Es ist und bleibt tragisch: Knapp einen Monat nach der Veröffentlichung ihres dritten, selbstbetitelten Albums verstarb Aaliyah bei einem Flugzeugabsturz auf dem Rückweg von einem Musikvideodreh. Dabei hätte das ihr größter Triumph werden sollen: Befreit von ihrem Abuser R. Kelly entwickelte sie einen Sound, der den bisweilen zu kariessüß neigenden R&B ihrer Zeit gegen eine lässige Coolness austauschte. Poppiger, aber gleichzeitig auch kantiger und futuristischer – Aaliyah war die Avantgarde des Pop ihrer Zeit. Eigentlich wollte sie mit ihrem musikalischen Vorbild Trent Reznor arbeiten, doch das scheiterte an Terminschwierigkeiten. Stattdessen entstanden Songs mit Timbaland, wie etwa „We Need a Resolution“ oder der Über-Hit „Try Again“, der auf internationalen Bonus-Editionen des Albums sowie auf dem Soundtrack ihres ersten Films „Romeo Must Die“ veröffentlicht wurde.
Nach ihrem Flugzeugabsturz schoss der Albumverkauf in die Höhe. Anscheinend gilt nicht nur Sex sells, sondern auch Death sells. Hört man AALIYAH fünfundzwanzig Jahre später, weiß man jedoch: Das Album wäre auch so ein Hit geworden. Aaliyahs Sound beeinflusste R&B, Pop und elektronische Musik für mindestens das nächste Jahrzehnt und klingt aufgrund seiner reduzierten Instrumentierung und minimalistischen Produktion noch immer gegenwärtig. Aaliyah for ever! Aida Baghernejad
The Strokes – IS THIS IT
(30. Juli)
Wie Punk 1977 angetreten war, den abgehobenen Progrock zurück aufs Kopfsteinpflaster der Tatsachen krachen zu lassen, ereignete sich 2001 das Garage-Rock-Revival, um uns von den kurzhosigen Nu-Metal-Posern zu befreien. In den USA ließen die Kommerzerfolge von Limp Bizkit, Korn und erst recht des Neokonservatismus vertonenden Creed den Glauben an das Gute verlieren. Cool Britannia befand sich seit dem Sommer of ’96 im Reha-Zentrum und vertrug dort katerbedingt nur die leiseren Töne von Starsailor, Travis und Coldplay. Dann schickte eine höhere Macht eine Rockband wie aus dem Bilderbuch auf die Erde: The Strokes.
Als ob dieser schmissige Name nicht schon brillant genug gewesen wäre, trugen die Mitglieder auch noch Namen wie Filmstars: Julian Casablancas (!), Nick Valensi, Albert Hammond Jr., Nikolai Fraiture und Fabrizio Moretti. Jeder davon ein Traummann. Alle um die 20. Aus der Stadt der Städte, New York. Der Idealtypus einer Band. Irreal. Fantastisch. Und Musik haben sie auch noch gemacht, diese Boyband in gut. Ungestüm und dennoch traditionsbewusst (man vergleiche „Last Nite“ mit Iggy Pops „Lust For Life“ und Tom Pettys „American Girl“, den Titeltrack mit „Where Is My Mind?“ der Pixies) – vertraut und dennoch fresh. Klassischer Rock’n’Roll, gereift durch die Erfahrungen von Grunge und Britpop. Elf Songs, jeder davon eine potenzielle Single. Singles gab es zunächst keine – Verweigerungshaltung rocks! Erst mit dem Hype um das Album koppelte das Label ein paar Songs aus. Videos wollte die Band ebenfalls keine drehen. Unantastbar und cool wie der Damenpopo auf dem (in den USA indizierten) Cover. Stephan Rehm Rozanes
Jay-Z – THE BLUEPRINT
(11. September)
Kein guter Tag, um ein Album zu veröffentlichen – wie viele Alben wurden übersehen, vergessen, hatten nie eine Chance, weil sie an so düsteren historischen Tagen wie dem 11. September 2001 erschienen? Es ist ein Beweis der künstlerischen Wucht von THE BLUEPRINT, dass sich Jay-Zs sechstes Studioalbum trotz seines ungünstigen Veröffentlichungsdatums einen Platz in der Musikgeschichte erkämpfen konnte. Und nicht nur das: Die US-amerikanische Library of Congress hat das Album aufgrund seiner kulturellen, historischen und ästhetischen Relevanz als erstes Album des 21. Jahrhunderts in ihre Sammlung aufgenommen.
Alle waren hier dabei: Kanye West, damals noch vor seinem Abrutschen in den Rassismus, Timbaland, Eminem. Und Jay-Z präsentierte einen neuen Sound: eine Rückkehr zu den Roots, zu Samples als Kern der Produktionen – aber im frischen Outfit, bassgewichtig, heavy. Ein perfekter Hintergrund für Jay-Zs dichte Flows und immer wieder auch emotionale Lyrics. Spaß kommt dabei nicht zu kurz, wie etwa auf dem bouncigen „Izzo (H.O.V.A.)“. THE BLUEPRINT hat den Sound des Hip-Hop auf Jahre geprägt, auch weil Co-Produzent Kanye die auf THE BLUEPRINT entwickelten Ideen auf seinen eigenen Alben weiterentwickelte. THE BLUEPRINT zeigt einen Jay-Z, der noch nicht ganz oben ist – aber genau weiß, dass dieser Platz ihm allein zusteht. Wie sonst bliebe man so entspannt dabei, sämtliche Dissversuche der Kollegenschaft mit einem schlichten „you only get half a bar, fuck y’all, n*****“ abzufrühstücken? Aida Baghernejad
Pulp – WE LOVE LIFE
(22. Oktober)
Mit dem alptraumhaften THIS IS HARDCORE hatte Jarvis Cocker seine Dämonen exorziert und konnte nun, drei Jahre später, seine Lebensgeister wiedererwecken – und dabei auch der Musik seiner Band zu einer neuen Inkarnation verhelfen. Auf WE LOVE LIFE wandten sich die Spätblüher des Britpop ab von Glamour und Drama und richteten den Blick auf das Natürliche: Flora, Fauna, die Vögel im Garten, die uns zum Bumsen anstacheln, die nutzlosen Bäume, die uns nicht Bescheid gesagt haben, dass du gehen wirst. Hinter der Öko-Symbolik steckt ein klares Bekenntnis zur Einfachheit.
Musikalisch schlug die Band aus Sheffield einen neuen, bescheideneren Weg ein. Statt orchestraler Üppigkeit und Großstadtmelancholie dominieren akustische Gitarren, leichte Folk-Anklänge und eine fast pastorale Ruhe. In manchen Momenten meldet sich sogar der ungeschliffene Spirit des 80er-Jahre-Pulp zurück – jener Zeit, als der Sound noch kantiger und unmittelbarer war. Produziert von 60s-Legende Scott Walker, bringt das Album den Hang der Band zur Selbstreflexion und Reduktion perfekt auf den Punkt. Doch die Welt wollte nicht mehr zuhören: Nach drei Bestsellern debütierte WE LOVE LIFE auf einem beschämenden Platz sechs in den UK-Charts und verschwand nach nur drei weiteren Wochen aus den Top 100. Möge der überragende Comebackerfolg von MORE ganze 24 Jahre später Unwissende dazu animieren, dieser Platte einen zweiten Frühling zu gönnen. Stephan Rehm Rozanes
Fischerspooner – #1
(26. November)
In seiner US-amerikanischen Heimat galt das New Yorker Duo aus dem klassisch ausgebildeten Musiker Warren Fischer und seinem Schulfreund, dem Videokünstler Casey Spooner, nichts: Pitchfork bezeichnete die beiden als „eine weitere eintönige Tribute-Band, bestehend aus hochnäsigen weißen Amerikanern“, als „Geisteswissenschafts-Dilettanten“, die in den Liner Notes ihres Debütalbums nur Credits für „Kostüme“, „Frisur“ und „Stylist“ verdienen würden. Tatsächlich ließen die um mehrere aufgedonnerte Tänzer:innen aufgestockten Performances von Fischerspooner gleich mehrere Parallelen in Sound & Vision zu den 80er-Elektropunks von Sigue Sigue Sputnik erkennen. Doch wo die Cyberchaoten damals ohne die tatkräftige Unterstützung von Disco-Gott Giorgio Moroder nie ihren One Hit „Love Missile F-11“ hätten abfeuern können, schufen Fischerspooner mit ihrer ersten Single „Emerge“ ein Standalone-Sequel dazu mit der Sprengkraft von „Firestarter“.
Während die USA bei Techno-Trends traditionell hinterherhinken, tanzte man sich in Europa – vor allem im UK, wo die irre Truppe es bis auf die Showbühne von „Top Of The Pops“ schaffte – die Füße wund zum Abgesang an die „Hypermediocrity“. Fischerspooner standen 2001 im Zentrum eines weitgehend in Vergessenheit geratenen Genres namens Electroclash und machten gemeinsam mit Acts wie Peaches, DJ Hell und Miss Kittin and The Hacker den Electro-Pop der frühen 80er von Gary Numan, OMD und New Order fit fürs neue Jahrtausend. Stephan Rehm Rozanes







