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AI Song Contest: Der Sound der Künstlichen Intelligenz

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38 internationale Teams gingen beim diesjährigen AI Song Contest an den Start. In Kooperation mit einer so genannten Künstlichen Intelligenz (auch als AI oder KI abgekürzt) zeigten die Teilnehmenden aus aller Welt, was an der Schnittstelle zwischen Mensch und Computer so alles möglich ist. Die Einsendungen wurden online vom Publikum und von einer Fach-Jury bewertet, in der einige spannende Namen zu finden sind. Zum Beispiel die britische Sängerin, Komponistin, Musikerin und Produzentin Imogen Heap, die viele von ihrem 2005er-Album „Speak For Yourself“ und dem Hit „Hide And Seek“ kennen dürften. Sie ist eine Künstlerin, die AI als Inspiration begreift, weil diese im direkten Austausch mit dem Menschen unsere Kreativität in neue Gefilde treiben könne. Das erklärte sie kürzlich der BBC in diesem Video sehr überzeugend.

Auch die Beiträge des AI Song Contest machen deutlich, dass es nicht darum geht, eine Künstliche Intelligenz einfach mit Daten zu füttern und machen zu lassen, sondern als Mensch mit ihr zu interagieren. Ein Austausch, den ja auch Holly Herndon für ihre Kunst nutzt und der ihr Album „PROTO“ prägte. Im ME-Interview sagte sie: „Eigentlich finde ich es kontraproduktiv, Künstliche Intelligenz zu sehr zu vermenschlichen. Ich denke auch nicht, dass Cyborgs unsere Zukunft bestimmen werden, sondern dass KI systematisch die unterschiedlichsten Bereiche unseres Lebens durchdringt.“

Wir haben uns die fünf spannendste Beiträge des AI Song Contest 2021 mal angehört. Los geht’s …

M.O.G.I.I.7.E.D. – „Listen To Your Body Choir“

Hinter dem etwas sperrigen Namen verbergen sich Jon Gillick, Max Savage, Matt Sims und Brodie Jenkins, die gemeinsam mit einer AI dieses weirdschöne Stück komponierten, das einen für dieses Thema nicht unwichtigen Song aufgreift: „Daisy Bell“ (1892 geschrieben von Harry Dacre) war das allererste Lied, das 1961 von einem Computer gesungen wurde. „Listen To Your Body Choir“ gewann den AI Song Contest.

AIMCAT – „I Feel The Wires“

Der schwedische Tech-Head Tomas Nihlén lebt in Katalonien und kam dort auf die Idee, quasi in seiner Nachbarschaft ein Team zu suchen, das mit ihm beim AI Song Contest antritt. Der Song „I Feel The Wires“ ist ein Dialog zwischen einem Menschen und einer AI, der von vier Stimmen gesungen wird. Zwei davon sind menschlich, zwei synthetisch. AIMCAT waren die Erstplatzierten beim Publikums-Voting.

Smorgasborg – „Like A Diamond Dust“

Leila, LJ und Dav sind in der Reihenfolge Künstlerin, Musikerin und Ex-IBM-Research-Director. LJ ist Pianistin und begann mit einer AI zu arbeiten, als sie während ihrer Chemo-Therapie, spürte, dass sie ihre Hände nicht mehr richtig kontrollieren konnte. Also holte sie sich quasi Hilfe von einem AI-Programm, um ihre musikalischen Visionen umsetzen zu können. Mit ihren Mitstreitern entstand so ein geheimnisvolles, poetisches Stück, bei dem die Lyrics von einer GPT-3 AI Engine stammen.

H:Ai:N – „HAN:한“

Der südkoreanische Beitrag ist eine düstere, aber faszinierende Angelegenheit: Komponiert und getextet wurde er zu großen Teilen mit einer AI. Diese wurde zuvor mit koreanischen Balladen, Pansori und anderen Volksmusikstilen „gefüttert“ und angeleitet, Lyrics und Gedichte im Stile von K-Pop aber auch im Stile der Lyrik der Joseon-Dynastie-Zeit zu produzieren. Thematisch sollten sich diese um das Wort „Han“ drehen, eine sehr spezielle Emotion, die von Schmerz und dem Gefühl der Trennung und von der Geschichte Koreas geprägt ist. Der fertige Song ist dementsprechend dunkel und wurde von dem Projekt natürlich editiert und kompiliert. Es wäre also ein Trugschluss zu glauben, die AI können fertige Lyrics ausspucken.

Nous sommes Whim Therapy – „Let It Go“

Es ist wohl der Beitrag, dem man die Arbeit mit einer KI am wenigsten anmerkt. Das Projekt ist eine Zusammenarbeit des französischen Singer-Songwriters Jeremy Bénichou alias Whim Therapy und den Sony CSL (Computer Science Laboratories). Dort forscht man in der Abteilung „Music and Artificial Intelligence“ an Produktionstools, die mit KI arbeiten. Bénichou schrieb zunächst das grobe Demo-Gerüst des Songs, der betont analog klingen sollte, und spielte Gitarre und Piano ein. Er ließ dabei viel „Luft“ für die AI-Programme, die nun dazu geholt wurden und BasNet, DrumGAN und NOTONO heißen. Die finalen Lyrics entstanden dann mit Hilfe eine Programms namens Poiesis.

Alle weiteren Tracks und Teilnehmenden findet ihr hier.

Wer sich weiter mit dem Thema Künstliche Intelligenz auseinandersetzen oder auch seine Ängste davor abbauen möchte, dem sei das Buch „Die technologische Singularität“ von Murray Shanahan empfohlen. Der Robotik-Professor erläutert darin auch für Laien verständlich, ob man fürchten muss, dass es bald eine AI wie „Skynet“ gibt, die uns seit „Terminator“ das Fürchten lehrt. Nach der Lektüre hat man weniger Angst vor der Technik als Respekt vor der Leistung des menschlichen Gehirns – aber eben auch eine große Neugierde für den Teil des Spielfelds, auf dem Mensch und Maschine zusammenarbeiten.


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