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Interview

AJ Tracey im Interview: „Wir müssen den Kids zeigen, dass Erfolg durch harte und ehrliche Arbeit kommt“

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London hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Metropole der besten Drill- & Grime-Künstler*innen entwickelt. Aus dem Untergrund heraus entstanden dort Subgenres, die mittlerweile weite Strecken der weltweiten HipHop-Kultur beeinflussen. Einer dieser Rapper, der schon lange ein wichtiger Teil dieser Bewegung ist und sich über die Jahre stetig weiterentwickelt hat, ist AJ Tracey. Geboren und aufgewachsen als Ché Wolton Grant in Ladbroke Grove, West-London, kam er schon sehr früh in Berührung mit Musik. Sein Vater, ein ehemaliger Rapper aus Trinidad und seine Mutter, DJ aus Wales, benannten ihn nach dem kubanischen Revolutionär Ché Guevara. Nachdem er bereits im Alter von sechs Jahren begann, selbst zu rappen, beendete er später sogar sein Kriminologie-Studium in der London Metropolitan University vorzeitig, um seinen Traum von einer professionellen Rap-Karriere zu erfüllen.

2015 gelang AJ Tracey erstmals zu größerer Aufmerksamkeit, als er zusammen mit Dave das Musikvideo zu dem Song „Thiago Silva“ veröffentlichte. 2017 sollte es mit der Veröffentlichung von der EP SECURE THE BAG! dann richtig losgehen. Es folgte mit „Butterfly“ sein erster kommerziell erfolgreicher Song mit dem bekannten UK-Rapper Not3s und sogar ein Model-Auftrag im Namen von Drakes OVO-Kleidungslinie, sowie einen Artikel in der „British Vogue“.

Nachdem er sich durch diverse Gast-Auftritte und Singles auch außerhalb Londons einen Namen gemacht hatte, kündigte er Ende 2018 sein erstes Studio-Album an. AJ TRACEY wurde am 08. Februar 2019 veröffentlicht und kennzeichnete endgültig seinen nationalen Durchbruch. Das Album landete auf Platz 3 der UK-Charts und wurde von der British Phonographic Industry (BPI) mit Silber ausgezeichnet. Vor allem der Tribut-Song an sein zu Hause, „Ladbroke Grove“, übertraf alle Erwartungen und landete auf Platz 3 der UK-Single-Charts.

Nachdem er seine Australien-Tour wegen der Covid-19-Pandemie absagen musste, ging AJ Tracey wieder zurück ins Studio, um an neuer Musik zu arbeiten. Rund zwei Jahre nach dem Erfolg des Debüts folgt nun das zweite Studio-Album des West-Londoners mit dem Titel FLU GAME, mit dem Tracey beweisen will, dass er ein Artist von Dauer ist. Passend zum Release des Projekts haben wir uns mit dem 26-jährigen Ché Wolton Grant aka AJ Tracey zu einem Zoom-Meeting verabredet, um mit ihm über FLU GAME, Independent-Labels, Erfolg, Fußball und die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu reden.

Musikexpress.de: Du hast gerade Dein zweites Studio-Album FLU GAME veröffentlicht. Nach Jahren im Geschäft bist Du immer noch ein Independent-Künstler. Wie kommt es dazu, dass Du alles selbst machst?

AJ Tracey: Ich liebe einfach die Freiheit. Ich will in der Lage sein, Musik zu veröffentlichen, wenn ich Lust darauf habe. Alles, was wir im Team erreichen, erreichen wir durch unsere eigene Arbeit. Und nebenbei bemerkt verdient man auf diese Art auch mehr Geld. (lacht)

Planst Du auch in der Zukunft ein Indie-Artist zu bleiben?

Ja, eigentlich möchte ich meine ganze Karriere unabhängig von großen Major-Labels bleiben. Aber wer weiß: Wenn ein Major ankommt und mir etwas anbietet, das ich alleine nicht machen kann, lässt sich bestimmt mit mir sprechen.

Du unterscheidest Dich in vielerlei Hinsicht von anderen Rappern in Deinem Alter. Beispielsweise hast du zuerst Deiner Mutter ein Haus gekauft und danach an Dich gedacht. Wo kommt diese Ader her?

Meine Mutter ist das Wichtigste für mich. Als ich angefangen habe zu rappen, habe ich mir gesagt: Wenn ich damit irgendwann meine Mom versorgen kann, bin ich glücklich. Ich finde, es ist alles eine Frage der Dankbarkeit und Prioritäten.

Deiner Mutter ging es im vergangenen Jahr schlecht. Hat sich ihr gesundheitlicher Zustand gebessert?

Ja, ihr ging es eine Zeit lang sehr schlecht. Jetzt ist aber wieder alles gut und sie erfreut sich bester Gesundheit. Sehr nett, dass Du danach fragst.

Du hattest auch immer eine klare Meinung über materielle Dinge, wie dicke Goldketten und riesige Juwelen. Üben Status-Symbole wie diese einen negativen Einfluss auf HipHop und die Kultur aus?

Ich habe das Gefühl, dass das Image mittlerweile wichtiger als die Musik selbst ist. Die Leute wollen lieber aussehen wie ein Rapper, als einer zu sein. Das ist ein Irrtum und ein riesiges Problem. Viele haben dadurch ein verzerrtes Bild und glauben, dass sie eine dicke Kette tragen müssen, um erfolgreich zu sein. Und ich finde, es ist die Aufgabe von uns Künstler*innen diesen Kids zu zeigen, dass Erfolg durch harte und ehrliche Arbeit kommt. Das ist wichtiger als jede Kette. Es ist nichts Verkehrtes daran, wenn man Fan von Materiellem ist. Aber da sind wir wieder bei den Prioritäten: Wenn du eine Rolex haben willst, dann hol dir eine. Schau aber vorher, dass es deiner Familie gut geht.

Die Londoner Fußball-Mannschaft Tottenham Hotspurs wurde schon häufig in Deinen Songs erwähnt. Du bist Fan. Siehst Du Dich als ihr HipHop-Vertreter?

Schon ein kleines bisschen. Ich habe keinen offiziellen Vertrag oder so, aber ich repräsentiere sie oft in meiner Musik und habe allgemein ein sehr gutes Verhältnis zu dem Team. Ich tue ihnen Gefallen, wo ich kann und dasselbe tun sie auch für mich. Ich fühle mich sehr privilegiert, dass ich meiner Fußballmannschaft etwas bedeute.

Vor kurzer Zeit ist die HipHop-Legende DMX verstorben. Du warst einer derjenigen, die auf Twitter ihre Trauer ausgedrückt haben. Wie wichtig war die Musik von DMX für Dich?

DMX hatte einen wirklich riesigen Einfluss auf mich. Als ich klein war, habe ich seine alten Alben rauf und runter gehört. Es ist schade zu sehen, dass echter Rap, authentische Texte und die Kunst in ihrer ganzen Pracht anscheinend aussterben. DMX hat viel für die Community getan und ich bin dankbar, dass ich seinen Siegeszug miterleben durfte.

 

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Vor einer Weile hattest Du Deine Social-Media-Accounts gelöscht. Mittlerweile bist Du wieder auf Twitter & Instagram aktiv. Woher der Sinneswandel?

Ich bin der festen Überzeugung, dass soziale Medien nicht gut für die mentale Gesundheit sind. Du schaust dir den ganzen Tag irgendwelche Leute an, die nicht echt sind. Es ist einfach nur eine Zusammenfassung von ihren besten Momenten und sie geben dir dadurch das Gefühl, dass ihr ganzes Leben so verläuft. Dadurch fühlen viele Menschen sich angreifbar und wertlos und das ist schrecklich. Jeder Mensch ist wertvoll, in uns allen steckt etwas Besonderes. Ich habe ein wenig Zeit gebraucht, um mich um mein Wohlbefinden zu kümmern. Wenn ich ehrlich bin, habe ich es mir nur wegen der Promotion meines Albums wieder zugelegt.

Du hattest eine Zeit lang auch aufgehört, Alkohol zu trinken. Wie sieht es damit aktuell aus?

Vielen Leuten ist nicht klar, dass Alkohol ein Depressivum ist. Wenn du also unter Depressionen und Angstzuständen leidest, so wie ich es tue, ist Alkohol eine ganz gefährliche Sache. Du fühlst dich für den Moment vielleicht besser, aber danach wird alles nur viel schlimmer. Und ich rede nicht nur von dem Hangover am nächsten Tag, sondern von den psychischen Folgen. Man sollte immer wieder eine Pause von solchen Dingen nehmen. Ich habe vier Monate lang nichts anderes als Wasser getrunken und habe mich so gut gefühlt wie lange nicht. Am 04. März hatte ich Geburtstag, da habe ich mir mal wieder einen Drink genehmigt, aber ansonsten habe ich meinen Konsum fast gänzlich zurückgefahren und bin auch glücklich damit.

Dein neues Album heißt FLU GAME. Woher kam die Idee für den Titel?

Ich bin seit meiner Kindheit ein großer Fan von Michael Jordan. 1997 hatten seine Chicago Bulls ein extrem wichtiges Spiel in den Playoffs der NBA, das sie unbedingt gewinnen mussten. Teamleader Jordan hatte sich in der Nacht zuvor eine Lebensmittelvergiftung eingefangen und war eigentlich nicht in der Lage zu spielen. Trotzdem hat er es getan und seine Mannschaft mit seinem Einsatz zum Sieg geführt. Damals haben die Leute gesagt, dass er eine Grippe hatte, deswegen bekam das Spiel später den Namen „Flu Game“.

Was hat das mit Deiner Musik zu tun?

Auch für mich war der Prozess während der Album-Produktion nicht leicht. Wie ich schon erwähnt habe, ging es meiner Mutter nicht gut und auch persönlich hatte ich meine Probleme. Aber dafür bin ich jetzt glücklich darüber, dass ich es geschafft habe, ein gutes Stück Arbeit abzuliefern. Deswegen der Titel.

Der Großteil des Albums ist während der Pandemie entstanden. War der Arbeitsprozess dadurch auch anders?

Keine Frage. Davor war ich immer mit vielen Leuten im Studio und das Ganze endete oft in einer Art Party. Während der Pandemie war die Situation entspannter und wir haben viel konzentrierter gearbeitet. Selbstverständlich waren auch weniger Leute im Studio. Die Regeln hier in London sind oder waren ja auch sehr strikt.

FLU GAME fühlt sich über weite Strecken viel HipHop-lastiger an als frühere Projekte von Dir. Kam das auch durch die Tatsache, dass Du bewiesen hast, dass Du in so gut wie jedem Genre erfolgreich sein kannst?

Ich bin ja ein Produkt von HipHop und bin mit Rappern wie DMX, Nas und 50 Cent groß geworden. Deshalb ist der Einfluss eigentlich immer da für mich. In Zeiten von Snapchat und TikTok ist Musik oft nur sehr kurzlebig und ich wollte etwas schaffen, das bleibt und ich bin der Meinung, dass in der HipHop-Kultur traditioneller Rap immer am längsten bestanden hat.

Auf dem Album befindet sich auch ein Song mit dem Auto-Tune-Gott T-Pain, der trotz des exzessiven Gebrauchs des Effekts von der Community wertgeschätzt wurde und wird. Wie kam der Kontakt zustande?

Ich habe meine Leute darum gebeten, sich mal mit seinen Leuten in Verbindung zu setzen und ihnen zu erzählen, dass ich ein großer Fan von T-Pain bin und Lust hätte, mit ihm zu arbeiten. Er hat meine Musik auch gefeiert und dann habe ich ihm ein Demo rübergeschickt, das er ziemlich schnell auseinandergenommen hat. Er hat sogar meinen Text benutzt. Das war mir eine gewaltige Ehre.

Du bist in den USA kein Unbekannter mehr, hast bereits mit Stars wie Missy Elliot und Rick Ross zusammengearbeitet. Gibt es weitere Traum-Features auf Deiner Liste?

Es wäre ein Traum von mir, irgendwann mal einen Song mit Nas zu machen. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wie das klingen würde, aber es wäre bestimmt gut. Mariah Carey wäre natürlich auch verrückt.

Du hast auf dem Album auch einen Song mit Digga D, der ja bekannt für seine Strafauflage ist, die ihm verbietet, in seiner Musik über bestimmte Dinge zu sprechen. Wie lief diese Zusammenarbeit?

Viele Leute denken falsch von Digga D. Er hat natürlich gerade ein paar Probleme am Hals, aber er ist ein wirklich guter und aufrichtiger Mensch. Er ist unter sehr schwierigen Verhältnissen groß geworden und ist gerade dabei Fuß in einer anderen, gesünderen Welt zu fassen. Ich bin viel mit ihm im Studio und deswegen weiß ich ungefähr wie seine Arbeitsweise und der Kontakt zum Gericht aussieht. Es gab wirklich überhaupt keine Probleme. Aber es ist schon komisch, wenn du deine Musik erst mal von der Polizei absegnen lassen musst.

Du hast bereits einen weiten Weg hinter Dir. Nun ist FLU GAME endlich draußen. Was wünschst Du Dir für das Album?

Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine wirklichen Wünsche, was Dinge wie Verkaufszahlen und Auszeichnungen angeht. Mich interessiert aber trotzdem, ob dieses Album von mehr Leuten gehört wird als das vorherige. So lange ich das Gefühl habe, dass die Menschen dieses große Stück Arbeit wertschätzen, bin ich glücklich.

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