Popkolumne, Folge 208

Aktuelles über Ikonen: Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Ikonischer Trend: Dump-Him-Culture

Diese Kolumne erscheint am Namenstag meines Exfreundes, also irgendeines Exfreundes, denn ich hatte sie alle, hahaha. Es ist so cool, wenn man sich von jemandem getrennt hat und dann noch mal der Person öffentlich eins mitgibt, ich slaaaaye so dermaßen, genau wie aktuell Miley Cyrus, Shakira und Lana Del Rey.

Miley hat ihren neuesten Song „Flowers“ doch tatsächlich am Geburtstag von ihrem Ex Liam Hemsworth rausgebracht und einige Hinweise auf die Beziehung in Lyrics, Musik und Video „versteckt“, zum Beispiel hier:

Und die Fans rasten aus! Miley ist wie wir, sie findet ihren Ex scheiße, genau wie wir, wenn wir mit unserer besten Freundin reden und feststellen, dass der Heini eigentlich mega der Oberknilch ist. Und jetzt machen wir voll in Selbstliebe, yaaay! Shakira ist noch cooler, denn sie hat in ihrem Song noch mehr Hinweise und noch mehr Hass ihrem Ex (diesem Fußballtypi) gegenüber „versteckt“, zum Beispiel verglich sie „die Neue“ mit einer Casio-Uhr und einem Twingo. Haha, die blöde neue Schlampe ist keine wertvolle Frau, wohoo! Und der Ex hat dann auch noch reagiert und ging Werbepartnerschaften mit Casio und Twingo ein. So kultig könnten auch unsere Beziehungen auseinandergehen, ein permanenter Kampf, ein herrliches Gegeneinander, Liebe ist das, wo es darum geht, wer am Ende gewinnt.

Na, und dann gibt es ja auch noch Lana Del Rey, die ist auch so eine Queeeeen, die ihr neues Album so bewirbt:

Klar, wer kennt es nicht, man wurde mies behandelt und ist dann wütend, da bin ich dabei. Und aus der Verzweiflung macht man Kunst, das ist super. Frauen sollen endlich auch mal ihre Geschichten erzählen, aber bitte doch. Aber darüber hinaus find ich aktuell einiges daran ganz schön lame und blöd und traurig, nicht so sehr an den Songs selbst, sondern eher an der Rezeption. Zum Beispiel zu denken, einen Ex zu hassen sei allein schon Selbstliebe oder gar Feminismus, und zwar nicht eines lyrischen Exes, sondern eines echten bekannten Exes. Denn okay, wir Frauen können auch tough und zerstörerisch sein und dann wird das alles noch so geil vermarktet und wir werden reich und gewinnen, gewinnen, gewinnen. Und die Message ist so ein bisschen, dass man als sanfte, verletzliche Person nicht besonders weit kommt und da weiß ich persönlich nicht so viel mit anzufangen, aber macht bitte wie ihr wollt, ich bin ja nicht die Heartbreak-Polizei. Ich bleib aber lieber bei Kelis, Alanis Morissette, Taylor Swift, Olivia Rodrigo und SZA und all den anderen nicht ganz so selbstgefälligen und sogar auch mal selbstironischen Heartbreak-Songs.

Ikonisches Biopic: „Whitney Houston – I Wanna Dance with Somebody“

Idee für ein Biopic: Eine schüchterne Person aus einfachem Hause oder einem schwierigen Milieu hat ein besonderes Talent. Das wird früh erkannt, die Person wird auf die Bühne beziehungsweise ins Rampenlicht gestellt, fiese Manager o.Ä. wollen die Person „aufbauen“. Erst muss sie sich beweisen, es gibt Rückschritte, doch schließlich der riesige Durchbruch. Es ist ein Song, von dem niemand erwartet hat, dass es ein Hit wird. Aber es ist Wahnsinn, was diese Person kann, die Leute kriegen sich nicht ein. Es wird in geile Häuser gezogen, schöne Klamotten kommen rein, die große wird Liebe gefunden, es ist alles da und nah. Doch dann wird es mit dem Ruhm schwierig. Alte Leute wenden sich ab, der Druck wird zu hoch, es klappt nicht alles, die Person will plötzlich was Authentisches machen. Sie wird nervös, panisch und drückt das alles mit Drogen weg, Zigaretten, Alkohol, Schlimmeres. Leute warnen, machen sich Sorgen, doch die Person ist immer weniger zu erreichen. Dann aber doch – die Person versucht aufzuhören, klarzukommen, von Neuem anzufangen. Es gelingt nicht, der Tod lauert und schlägt schließlich zu. Schade, wir haben als Gesellschaft, als Fans und als Musikindustrie mal wieder jemanden auf dem Gewissen, aber man kann nun mal nichts gegen „die Dämonen“ machen, die in Leuten lauern. Tut uns mega leid, aber immerhin bleiben die Songs, #freebritney.

Okay, also ich hatte mich sehr auf das Biopic über Whitney Houston gefreut, weil sie natürlich unglaublich war. Natürlich hatte ich auch alle Dokus über sie gesehen und wusste schon über alles Bescheid, wie wahrscheinlich die meisten. Genau deswegen verstehe ich nicht ganz, wieso die Macher*innen von „I Wanna Dance With Somebody“ nicht einen anderen Zugang zu Whitneys Geschichte gesucht haben, als mal wieder möglichst alles chronologisch und dadurch – der Menge der Jahre geschuldet – nur oberflächlich aufzuzählen. Es war wieder die gleiche Schablone, unter der auch die Filme „Bohemian Rhapsody“, „Judy“ oder „Rocket Man“ entstanden sind, die allesamt schöne Filme sind, aber eben auch nicht so richtig originell. Aber auch „I Wanna Dance With Somebody“ gewinnt durch die umwerfende Hauptdarstellerin, hier ist es Naomi Ackie. Sie spielt so gut, dass man denkt, sie würde selbst singen – und macht durch Mimik und Gestik vollkommen wett, dass sie Whitney eigentlich gar nicht ähnlich sieht. Also, wenn ihr Biopics mögt, müsst ihr den Film gucken, sonst könnte man vielleicht noch mal warten, ob sich jemand anderes „dem Stoff“ annimmt.

Ikonischer Tweet: Der Masku-Mord

Einen wirklich guten und originellen Männer-Roast gab es kürzlich Dank Rebecca Black. Ja, genau die Rebecca Black, die ihr noch von „IT’S FRIDAY, FRIDAY, I GOTTA GET DOWN ON FRIDAY“ kennt; die Rebecca Black, über die 2011 das ganze Internet gelacht hat, als sie gerade mal 13 Jahre alt war. Ein Wunder, dass sie das wohl halbwegs gut überstanden hat. Im Februar veröffentlicht die mittlerweile 25-Jährige endlich ihr Debüt-Album LET HER BURN, und vor kurzem schenkte sie uns diesen Tweet, mit dem sie Frauenhasserarschloch Andrew Tate ERLEDIGTE:

Und das auch noch an einem Freitag, ich werd bekloppt.

Ikonischer Kumpel: Jennifer Coolidge

Cool und gleichzeitig sanft, so kann man sein, so ist Jennifer Coolidge. Eigensinnig, wunderschön, lustig, aber eben auch unsicher, menschlich halt, kein Girlboss, sondern Kumpel wie Sau. „White Lotus“ haben wahrscheinlich alle nur wegen ihr geguckt, beziehungsweise sind ihretwegen dran geblieben. Und auch bei „Legally Blonde“ oder „2 Broke Girls“ war sie die coolste Person, auch oder weil sie irgendwie immer sich selbst gespielt hat. Dass es für eine Frau „ihres Alters“ (sie ist Anfang 60) nicht normal ist, noch im Geschäft zu sein, hat sie kürzlich bei einer bezaubernden Rede bei den Golden Globes, wo sie verdienterweise einen Preis abgeräumt hat, thematisiert. Natürlich auf ihre bezaubernde Weise.

Ikonische Leerstelle: Celine Dion

Also, nur falls ihr es nicht mitbekommen habt: Der „Rolling Stone“ hat eine Liste der 200 besten Sänger*innen rausgegeben, und Celine Dion ist NICHT DABEI. Das ist doch Wahnsinn. Also, ich bin nicht unbedingt Fan, aber das ist doch wirklich nicht zu glauben. Und so sehen das sehr viele Menschen, denn seit nun fast zwei Wochen rasten viele darauf aus, es ist zu ulkig. Es hagelte nicht nur Kritik in den sozialen Netzwerken, es erschienen nicht nur Artikel von fassungslosen Musikjournalist*innen, es gab nicht nur Verschwörungstheorien um eine Anti-Dion-Kampagne, NEIN, Leute haben Gruppen gegründet, gingen zur „Rolling Stone“-Redaktion und demonstrierten! Ich liebe das alles, ich hoffe, es geht noch lange so weiter. Soll nochmal einer sagen, Musikjournalismus interessiere niemanden mehr!

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Rolling Stone (@rollingstone)

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

ME

Über ein Interview mit Panik Panzer & einen Shitstorm gegen Die Toten Hosen und „Rock am Ring“: Volkmanns Popwoche im Überblick
Weiterlesen