Im Gespräch

Alice Merton im Interview: Erwartet jetzt bloß keine Love-Songs!

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Erst in der vergangenen Woche durften wir Alice Merton im Konzert für #SEATsoundsLIVE x Musikexpress erleben. Wer nicht schon via Livestream dabei war, kann die Show mit Hits wie „No Roots“ und „Vertigo“ noch ganz schnell via YouTube nachschauen. Jetzt hat uns die Musikerin im Gespräch mehr dazu erzählt, wie sie ihre Schwächen in Stärken umwandeln möchte, wie sich das Touren seit Corona verändert hat und warum sie überhaupt keine Lust hat, Love-Songs auf die Bühne zu bringen.

 

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Musikexpress: Du bist gerade mittendrin in einer zweiwöchigen Tour. Ist so ein Tourleben etwas, was du wieder neu lernen musst nach der ganzen Corona-Zeit?

Alice Merton: Ich würde es nicht neu lernen, sondern neu genießen nennen. Ich weiß das Tourleben einfach wieder mehr zu schätzen. Es ist auch eine komplett neue Art, an ein Konzert heranzugehen. Schon allein, weil ich weniger aufgeregt bin.

Das überrascht mich. Nach so einer langen Zeit in Lockdowns und ohne die sonstige Alltagsroutine wäre ich gerade davon ausgegangen, dass die Nervosität vor einer Show steigt.

Ich konnte eineinhalb Jahre gar nicht mehr auf der Bühne stehen und durch diese Zeit habe ich irgendwie vergessen, warum ich jemals so aufgeregt war. Warum habe ich mir Sorgen darüber gemacht, was passiert, wenn ein Konzert nicht gut läuft? Selbst wenn das einmal der Fall ist, gibt es doch immer noch eine nächste Show. Für mich gewinnt jetzt jedes Mal die Freude und die Sorge bleibt im Hintergrund.

Vorher hat schon mal die Aufregung die Oberhand gehabt?

Ja, ich habe mir einen Kopf darüber gemacht, wie und ob ich mit manchen Sachen überhaupt klarkomme. Ob ich präsent genug bin. Ob alle hassen, was ich mache. Das alles hat mich nicht fokussiert genug sein lassen, weil ich bestimmten Dingen hinterherjagte. Während der Corona-Krise habe ich aber tatsächlich gelernt, mehr im Hier und Jetzt zu leben. Zum einen, weil ich Zeit zum Nachdenken hatte, zum anderen, weil ich es aktiv geübt habe. Auch wenn meine Aufmerksamkeit nie richtig gut war, schaffe ich nun endlich, ganz im Konzert zu sein und dabei nicht an andere Sachen zu denken. Auch in anderen Situationen schaffe ich nun mich besser zu konzentrieren.

Wie sieht es zum Beispiel mit dem Lesen von Büchern aus? Hast du dafür denn Fokus?

Wenn ich ehrlich bin, ist es meist so, dass ich nach zwei oder drei Seiten die Konzentration auf den Inhalt verliere, weil ich ein Wort gelesen habe, was mich auf eine Idee bringt. Und dann fange ich lieber an, dazu einen Song zu schreiben. So entstand zum Beispiel „Hit The Ground Running“. Diese Redewendung habe ich öfter gelesen und musste das dann einfach weiter verarbeiten. Aber ich bin da auch ein leichtes Opfer, ich lasse mich zu gerne treiben und träume weiter. Doch so ganz hört es nie auf, ein Zwiespalt zu sein – entweder bin ich richtig Hier oder ich bin mit meinem Kopf in den Wolken.

Dieses visuelle Vorstellungsvermögen ist auf jeden Fall kein Nachteil beim Songschreiben. Gerade „Vertigo“ wirkt, als hättest du dich bei einem düsteren Actionfilm inspirieren lassen. Bin ich da in der richtigen Ecke gelandet?

Ja doch, ich habe mir dazu eine wirklich düstere Clubszene mit komischen Gestalten vorgestellt. Also nicht so die typische Musikvideo-Clubszene, sondern eher einen halbleeren, dunklen Raum, der sonst schon ans Berghain erinnert. Wobei ich dazu sagen muss, dass ich noch nie im Berghain war. Aber so stelle ich mir das halt vor. Eine Kombination aus Energie, Monstern und Erlösung.

Mal abgesehen vom Berghain bist du ja auch sonst nicht so die Clubgängerin. Woran liegt das?

Ich mag keine engen Räume, keine Menschenmenschen auf zu wenig Platz. Ich habe es auch nie wirklich verstanden, warum das andere so mögen. Das ist für mich einfach so eine andere Welt, gerade wenn dann auch noch Drogen im Spiel sind. Da spüre ich einfach überhaupt kein Bedürfnis nach. Und wenn noch in der Enge laute Musik hinzukommt, macht mich das total verrückt. Ich liebe es schon, laute Musik über Boxen zu hören, aber nicht zusammen mit mehr als 100 Leuten.

Das ist doch mal eine Ansage.

Ich finde es selbst ja ganz komisch, dass ich eigentlich schon immer so eine klare Vorstellung davon hatte, was ich mag und was nicht. Das ist nicht immer hilfreich – gerade wenn man sich als offener Mensch versteht. Aber von manchen Sachen weiß ich einfach, dass sie nichts für mich sind.

Kannst du das noch näher ausführen?

Ich gehe auch selten in Bars und auf große Partys. Das ist weniger mein Ding als im Studio Spaß zu haben und zu überlegen, welche Art von Song ich als nächstes schreiben will. Dafür bringe ich lieber Zeit auf als für eine Party. Wobei ich mich dadurch natürlich sehr unsozial fühle. Aber kleinere Gruppen und ein Treffen unter Freund*innen zuhause finde ich einfach besser.

 

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Zumindest ist da auch eher ein Gespräch möglich als in einem Club.

Und das ist mir auch wichtig. Ich mag ehrliche, offene, echte Gespräche. Ich will dabei nicht laut schreien müssen und nur die Hälfte von dem verstehen, was mein Gegenüber angetrunken erzählt. Ich brauche das richtige Gespräch. Ich schreibe ja auch Geschichten, das ist mein Job. Meine Leidenschaft.

Das Songsschreiben fällt dir auch nicht so schwer, oder musst du geduldig sein mit einem Track?

Ich muss auf jeden Fall geduldig sein. Auch wenn sich das Songschreiben natürlich für mich anfühlt, dauert es, einen Track fertigzustellen. Und dann fragt man sich ja auch, ob er anderen gefallen könnte – wie sie darauf reagieren. Also sind sie derselben Meinung wie ich oder bin ich wieder komplett in meiner eigenen Welt? Bin ich die einzige, die diese Art von Musik feiert?

Welchen Song hättest du gerne geschrieben?

Ganz klar: Elton Johns „Your Song“. Ich finde, der ist einfach die perfekte Mischung aus ehrlich, kreativ und dem, was man seiner oder seinem Liebsten sagen will, ohne zu kitschig zu werden.

Suchst du selbst bewusst nach neuen Wegen über ein Thema zu singen, über das es eigentlich schon viele Songs gibt? Wie zum Beispiel dem einen neuen Weg, um über Liebe zu singen?

Ich muss sagen, dass ich es schwierig finde, Love-Songs zu schreiben. Einfach weil ich mir vorstelle, wie es wohl wäre, wenn ich den Song immer wieder auf der Bühne performen müsste. Da hätte ich ehrlich gesagt keine Lust darauf, den für den Rest meines Lebens live zu spielen. Das ist, als würde ich freiwillig immer wieder eine Wunde aufmachen. Ich bin dafür zu nah am Wasser gebaut und kann das nicht. Das würde mich jeden Abend so richtig fertig machen, glaube ich. Aber vielleicht wird man irgendwann auch immun. Vielleicht entwickelt man eine Art Schutzschicht und performt das Stück emotional, ohne wirklich emotional zu sein.

Das klingt nach Abstumpfung, vielleicht auch nicht so super. Wenn du über deine Psyche singst, klingt das auf jeden Fall auch immer sehr krass.

Aber ich fühle mich wohler damit, darüber zu singen. Meine Musik verhandelt derzeit auf jeden Fall viel mehr diese Art von Emotionen, das ist mein Gebiet. Das ist mehr mein Ding über das zu singen, was etwas mit mir macht, als darüber, was wer mit mir macht. Aber das kann sich sicher auch mal ändern. Andere Musiker*innen können wahnsinnig gut über Liebe singen und da bin ich auch total begeistert. Nur bin ich momentan noch nicht ganz bereit dafür. Ich komme nur langsam dahin.

Kann man aus einer Schwäche auch eine Stärke machen?

Ich möchte zumindest erreichen, dass ich meine Schwächen in Stärken umwandeln kann. Vor allem in meiner Musik. Wenn ich über Schwindel und Angst-Attacken singe, will ich dem mit einem rockigen Sound ein Gefühl von Stärke dazugeben. Das lässt mich selbst besser fühlen.

Was lässt dich noch selbstsicherer fühlen?

Das sind die Bühnenmomente. Da bin ich wirklich einfach immer superglücklich, das kann ich gar nicht anders sagen.

 

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