Plattenschrank mit Antilopen Gang: „Noch schlechter als das Bushido-Konzert?“
Panik Panzer und Koljah von der Antilopen Gang über essenzielle Live-Platten.
Die Antilopen Gang ist in Top-Form. Das beweist ihr Doppelalbum ANTI ALLES AKTION (LIVE) – gleichzeitig umfassende Werkschau wie auch ein Stahlgewitter der Unmittelbarkeit. Panik Panzer und Koljah lassen nun tief blicken: Welche Live-Platten halten sie selbst für essenziell?
DIE TOTEN HOSEN – „Bis zum bitteren Ende (live)“ (1987)
KOLJAH: Seit frühester Kindheit bin ich großer Hosenfan. Ich bin 1986 geboren, das heißt, ich war eins, als das hier rauskam, aber mit drei oder vier dürfte ich das Album auf Kassette bekommen haben. Das erklärt wahrscheinlich auch, was aus mir geworden ist. Ich kann jedes Lied mitsingen, ich kann jede Ansage mitsprechen. Dieses etwas verwirrte, alkoholisierte Gelaber zwischen den Songs, gerade das ist hervorragend und macht den Charme dieser Platte aus. Würde ich gefragt, welches Album ich auf die berühmte einsame Insel mitnehmen würde, es wäre dieses.
PANIK PANZER: Ich kann nicht viel dazu sagen, eigentlich kenne ich nur das Cover. Wir hatten so um 2013 herum einen kaputten alten Toyota, in den die Abgase von der Lüftung in den Innenraum gekrochen sind. In diesem Lopi-Mobil fanden sich eine Handvoll CDs im Handschuhfach, eine davon war auf jeden Fall BIS ZUM BITTEREN ENDE. Ich habe allerdings auch diese Ansage im Ohr mit „Man muss eine Stecknadel fallen hören können!“.
FK ALLSTARS – „En Directo“ (2000)
PANIK PANZER: Ich bin nicht so ein Sammler wie Koljah, aber ich habe mir auch immer Musik gekauft, um sie dann in mein CD-Regal zu stellen – diese Doppel-CD in der Long Box passte da aber nicht rein. Das fand ich scheiße unverschämt, wahrscheinlich eine Idee vom Marketing, dass die Leute sich die Platte in die Vitrine stellen müssen oder so. Das Format ist aber der einzige Minuspunkt. Ansonsten peilt man bei diesem Album sofort, wie das Konzert, wie die Stimmung im Publikum war. Mich holt das von Anfang an ab. Dieser erste Song, wenn Max Herre reinkommt mit (imitiert den Duktus) „Alle Hände von liiiinks … nach reeeechts“. Ich bekomme jetzt Gänsehaut, wenn ich dran denke! Auch wenn im ersten Song der Beat switched und die Drums plötzlich Live-Drums sind. Das hat so eine krasse Energie. Diese Platte war sicher ein Grund dafür, dass wir mit den Antilopen ganz lange Zeit keine Live-Platte rausbringen wollten – weil das hier einfach untoppbar ist.
KOLJAH: Das sind ja auch nicht einfach Freundeskreis, das sind FK Allstars. Man hört hier ein Ensemble, da war Afrob dabei, Gentleman, Joy Denalane, Brooke Russell, Sékou, Déborah von Sens Unik und so weiter. Für das Projekt hier haben die erst mal eine neue Band gegründet, was ein ungewöhnlicher, aber eben auch spannender Move ist.
NIRVANA – „MTV Unplugged In New York“ (1994)
KOLJAH: An der Platte zu ihrem Unplugged-Konzert fasziniert mich, dass sie nicht die großen Hits gespielt haben, stattdessen finden sich viele Coverversionen wie dieses Bowie-Stück „The Man Who Sold The World“. Von den Meat Puppets, eine Band, die ich nur durch Nirvana kennengelernt habe, haben sie sogar zwei Original-Mitglieder auf die Bühne geholt. Bei dem letzten Song „Where Did You Sleep Last Night“, auch so ein Cover eines alten Folk-Stücks, gibt es einen ganz besonderen Moment. Kurt Cobain verfällt in ein Schreien beim letzten Refrain und plötzlich blickt er auf, als würde er erwachen aus einer Trance – das ist nur eine Sekunde, dann verfällt er wieder in den Song, in seine Performance. Ich muss das nicht überinterpretieren, aber so kurz vor seinem Tod dieser ängstliche, verstörte Blick nach oben, in diesem Ambiente, das ohnehin schon nach Beerdigung aussah – mit diesen Blumen und Kerzen. Das fällt mir jedes Mal wieder auf.
NOFX – „I Heard They Suck Live“ (1995)
PANIK PANZER: Das war die erste CD meines Lebens, die ich in einem coolen Plattenladen gekauft habe – in der Plattenbörse in Aachen. Davor war ich nur mal im Mediamarkt und habe mir von Prodigy THE FAT OF THE LAND besorgt. Der richtige Plattenladen hatte damals etwas sehr Einschüchterndes, mir fehlte die erforderliche Coolness. Von einer gebrannten CD kannte ich aber „Kill All The White Men“ von NoFX und fand es super. Ich habe den Song dann auf I HEARD THEY SUCK LIVE entdeckt und mich aber nicht getraut, reinzuhören an der Verkaufstheke. Ich holte sie mir direkt – und war zu Hause dann total enttäuscht, dass es sich um eine Liveversion handelte! Richtig oft gehört habe ich sie nie, aber bis heute halte ich den Titel für den besten, den eine Live-Platte haben kann.
KOLJAH: Als Kind habe ich den falsch verstanden. Mir war klar, dass „suck“ eine Sexualpraktik bezeichnen kann und dementsprechend dachte ich, dass diese Band so was auf der Bühne vollziehen würde, oder dass man es ihnen zumindest nachsagt. Kalifornischer Skatepunk, der damals durch die Decke ging, ließ mich aber auch eher kalt. Das habe ich dann später über die deutsche Band Die Shitlers nachgeholt. Bei NoFX hat mich später aber noch mal dieses Konzept-Projekt Cokie The Clown von Fat Mike begeistert, bei dem er traurige Songs über seine schlimmsten Erlebnisse vorträgt.
LAURYN HILL – „MTV Unplugged 2.0“ (2002)
KOLJAH: Ihr einziges Studioalbum THE MISEDUCATION OF LAURYN HILL würde ich locker in die Alltime Top Ten aller Rap-Platten packen, das hat sogar THE SCORE von den Fugees, auf dem ja „Killing Me Softly“ drauf ist, noch mal getoppt. Danach hat sie noch dieses eher seltsame MTV Unplugged Album gemacht, das nur aus neuen Songs bestand und damit noch viel radikaler daherkam als das von Nirvana. Sie ist einfach mit ihrer Gitarre allein auf der Bühne, spielt die ganze Zeit sehr ähnliche Akkorde und singt ihre Lieder, was natürlich trotzdem total eindrucksvoll ist, weil sie halt Lauryn Hill ist. Danach ist sie einfach abgetaucht. Respekt dafür, die eigene Karriere einfach so versanden zu lassen.
PANIK PANZER: Ich habe sie vor einigen Jahren live gesehen, Open Air vor dem Festsaal Kreuzberg und mir fällt kein schlechteres Konzert ein, was ich je gesehen habe.
KOLJAH: Noch schlechter als das Bushido-Konzert, wo wir in der Mercedes Dingsbums Arena waren?
PANIK PANZER: Ja. Sie hat von der ersten bis zur letzten Minute immer nur wild und wütend zum Mischer gestikuliert, das war schon mal ein Vibe-Killer, weil man dachte, irgendwas stimmt nicht mit dem Sound. Und jeden Hit hat sie komplett zersungen. Wenn man „Killing Me Softly“ live hört, will man als Fan mitsingen, aber sie machte die ganze Zeit nur Schlenker und verabschiedete sich von allen Melodien, wie man sie kennt – und nicht nur ich dachte, lass uns doch bitte EINMAL zusammen singen heute. Passierte aber nicht und nach 40 Minuten war es schon wieder vorbei.
TURBOSTAAT – „Nachtbrot“ (2019)
PANIK PANZER: Turbostaat sind vermutlich meine Lieblingsband. Ich habe sie erstmals 2004 oder 2005 auf dem Fusion Festival gesehen, vorher hatte ich mir schon die Platten FLAMINGO und SCHWAN heruntergeladen – fand ich gut, aber ich war noch kein Fan. Live hat es mich dann allerdings total weggehauen. Es ist mir selbst unangenehm, dass ich die ganze Zeit von Energie sprechen muss, aber ich finde leider keine Synonyme, die es erträglicher machen. Jedenfalls wenn ich Turbostaat live sehe, ist das eine der wenigen Bands, wo es mir nicht zu blöde ist, bei einem Konzert wirklich mitzumachen, mitzusingen. Es gibt zwar nur wenige Texte, wo ich wüsste, worum es geht, aber das ist mir egal – ich fühle es total.
Und es ist unfassbar gut gemacht von Moses Schneider, der das hier aufgenommen hat, dass NACHTBROT genau dieses dichte Konzertgefühl auch auf Platte übersetzen konnte. Moses hat übrigens auch unser Livealbum gemischt.
Mehr zur Antilopen Gang
Die Antilopen Gang besteht aus Koljah, Danger Dan und Panik Panzer, bis zu seinem Tod 2013 gehörte auch noch NMZS zur Besetzung. Ihre Platte ANARCHIE UND ALLTAG schaffte es 2017 bis an die Spitze der Verkaufscharts. Zuletzt erschien das Album ANTI ALLES AKTION LIVE. Alle drei Akteure betreiben zudem auch solo unterschiedliche Projekte, die mitunter (Podcast, Literatur) über das Feld der Musik hinausgehen. Die einzige Show der Gang in diesem Jahr wird am 15.08.26 DAS GOLDENE ANTILOPEN AIR in der Zitadelle Spandau in Berlin sein.






