Highlight: Mittelmäßige Rocker und Comedians: Die Foo Fighters besitzen die Coolness von bierseligen Lehramtsstudenten

Popkolumne, Folge 7

Avril Lavigne ist Kanadas Antwort auf die Vogelgrippe – dazu Lemmy, Weezer und Oasis-Häme: Die Popwoche auf einen Blick

LOGBUCH Kalenderwoche 07/2019

Promibegegnung der Brillenklasse A. Kurt Krömer ist in Köln, er logiert dabei im einzigen Hotel am Platz, das noch Raucherzimmer vergibt. Dieses Jahr erwartet sein Comeback mit einer TV-Show. Mich lehrt diese Begegnung, dass Krömers Leidenschaft wirklich dem Spazierengehen gilt. Hatte das für einen Scherz gehalten, hätte aber an diesem Tag besser auf meine Flip-Flops verzichtet…

 

Kooperation

BERLINALE-FILM DER WOCHE: „Der goldene Handschuh“


Fatih Akin hat den True-Crime-Bestseller von Heinz Strunk verfilmt. Das Buch allein ist mit seiner Darstellung von Menschen- und vor allem Frauenhass nur schwer auszuhalten. Dem Film wird in den ersten Kritiken ähnliches bescheinigt. Nach seiner Premiere bei der Berlinale (07.02.-17.02.) kommt er Ende des Monats nun auch ins reguläre Kinoprogramm. Die Polizei Hamburg hat ein Foto der Original-Wohnung von Frauenmörder Fritz Honka veröffentlicht. Das Set-Design der Verfilmung (siehe Trailer) hat sich der Realität offensichtlich sehr genau angenähert. Was das Projekt noch intensiver beziehungsweise gruseliger wirken lässt.

DOKU DER WOCHE: „Lemmy“

Dieser Film über das „normale“ Leben hinter der überlebensgroßen Kulisse des Lemmy Kilmister ist schon ein paar Jahre alt, aktuell hat ihn sich aber Netflix gepickt und ganz vorn in die Auslage gepackt. Schöne Geste, denn das Porträt ist ohne Zweifel das Keypiece hinsichtlich des backenbartigen Mythos.

Lemmy ist zu jener Zeit bereits 63 Jahre, wirkt für seinen unübersehbar polytoxischen Lebensstil allerdings noch sehr vital. Obwohl, vielleicht ist vital das falsche Wort, denn er macht in der Doku oft einen sehr langsamen und sedierten Eindruck. Nennen wir ihn lieber einen stabilen Rockdinosaurier mit Betäubungspfeil im Hintern, der unbeirrt weiterpanzert. Was im Alltag vor allem bedeutet: an einem Geldspielautomaten sitzen und Whisky-Cola trinken – tagsüber und stundenlang. Diese selbstgewählte, stählerne Tristesse beeindruckt fast noch mehr als die Kaskade der ehrfürchtigen Rock-Otter, die in den 104 Minuten Laufzeit irgendwann alle einmal glaubhaft ihre Liebe zu Lemmy formulieren dürfen. Von Metallica, Nikki Sixx, Ozzy, Megadeth bis zu Peter Hook von New Order.

Das unbestrittene Highlight des Films liefern allerdings die gemeinsamen Einstellungen von Lemmy mit seinem Sohn. Jener freundliche, leicht unsichere Langhaarige entstammt der Liaison von Lemmy mit einem Groupie. Lemmy wird in seinem über und über mit Devotionalien zugestellten Zimmer gefragt, welches Stück ihm hier am liebsten sei. Er antwortet: „mein Sohn“.

Kurze Zeit später sagt jener sichtlich berührt in die Kamera, das habe ihm sein Vater vorher noch nie gesagt. Doku-, ach, was sage ich?, Emo-Gold!

Lemmy starb 2015 wenige Tage nach seinem 70. Geburtstag.

VIDEO DER WOCHE: Weezer mit „Take On Me“

Weezers „Teal Album“ mit seinen Coverversionen habe ich im Allgemeinen und gerade den Song „Take On Me“ im Besonderen null verstanden. Es sind streng genommen gar keine Versionen, sondern nahezu originalgetreue Abbildungen. Doch mit dem unwiderstehlichen Retro-Porn-Video (feat. Finn Wolfhard von „Stranger Things“) ergibt alles plötzlich Sinn. Welchen, weiß ich allerdings nicht. Dennoch: mein Turn diese Woche!

SCHLIMMSTE PLATTENVERÖFFENTLICHUNG DER WOCHE: Avril Lavignes „Head Above Water““ (VÖ 15.02.)

Sie glänzte mit unsolidarischen Texten gegenüber anderen Frauen, wollte immer das einzige Girl in der Jungs-Clique sein. Später bestrafte sie sich selbst übertrieben hart – und zwar mit einer Ehe mit Chad Kroeger von Nickelback.

Avril Lavigne, Kanadas Antwort auf die Vogelgrippe, macht aber auch heute noch weiter. Den bemüht selbstironischen Song „Dumb Blonde“ mit Nicki Minaj kann man zumindest aushalten, aber geil geht dann doch anders. Das lustvoll gähnende Musikexpress-Interview mit ihr passt da gut ins Bild.

MEME DER WOCHE



DER VERHASSTE KLASSIKER: OASIS

Oasis
„Standing On The Shoulder Of Giants“
(VÖ 28.02.2000)

Wenn man draußen im Hof zwei Brüder zanken hört, macht man einfach das Fenster zu. Nicht so bei der berühmten Britpop-Gruppe Oasis. Da eimerten die jungen Leute mit Alkopop-Rausch und Schwitzflecken in Scharen zum Ort dieses Geschehens.

Auch ich habe mich damals hinreißen lassen. Dabei war ich immer Team Liam. Okay, für seinen Bruder sprach natürlich dessen mittelprächtiges, austauschbares Beatles-Rip-Off-Songwriting, aber mich faszinierte vor allem Liam Gallaghers Monobraue. Daran konnte ich mich wirklich nie satt sehen. Wenn nur diese depperte Musik nicht gewesen wäre!

Spätestens bei „Standing On The Shoulder Of Giants“ hatte sich der Powerpop für Halbsteife dann in eine Rockratlosigkeit hineinmanövriert, dass man als Zuhörer dachte, man müsse irgendwie helfen. Man ist ja immer noch Mensch! Doch was hätte man tun können?
Diesem Album war einfach nicht mehr zu helfen. Der damals sehr elektronische Zeitgeist hasste es – und der Band selbst schien es ähnlich zu gehen.

Bloß die langsam pausbäckig, kahl und kurzatmig gewordenen Britpop-Hängenbleiber skandierten immer noch treu weiter in die absolute Leere, die mit diesen zehn Songs einherging. Oasis – Musik für Freizeit-Hools, die gern mal was brüllen, wenn sie nachts aus ihrer Langweilerkneipe stolpern – und die privat aber auch gern wandern und träumen. Die Quatsch-Platte „Standing On The Shoulder Of Giants“ haben aber selbst sie nicht verdient.

Linus Volkmann („Musikjournalist“)

Liam Gallagher – der Musiker mit der einen Augenbraue (Ersatzfoto)

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Linus Volkmann im Überblick.


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