Interview

CHVRCHES im Interview: „Die beste Musik reflektiert immer das Klima der Zeit“

Am 25. Mai erscheint LOVE IS DEAD, das neue Album von CHVRCHES. Zwar nahm das Trio aus Glasgow die Platte in Los Angeles auf, doch waren den Dreien ihre europäischen Wurzeln wichtig. „Wir wollten auf keinen Fall wie McDonald’s klingen“, sagt Martin Doherty im Interview mit Musikexpress.de. Während unseres Gesprächs im März blicken er, Lauren Mayberry und Iain Cook über die verregneten Dächer Berlins. Doherty bekommt Heimweh. „Wirklich?“, fragt sein Bandkollege Cook und lacht. „Der Anblick wäre für mich eher ein Grund, von Zuhause wegzurennen.“

Musikexpress.de: Zu Besuch in Glasgow – was könnt Ihr empfehlen?

Iain Cook: Essen und Trinken im Grunde.

Lauren Mayberry: Man kann einfach konstant Curry essen.

Iain Cook: Das West-End ist super schön, um sich herumzutreiben.

Lauren Mayberry: Die Bus-Tour ist auch toll – sehr informativ. Ich hab so schon Vieles über die Stadt erfahren, das ich nicht wusste. Zum Beispiel, dass in Gorbals (Stattteil von Glasgow, Anm. d. Red.) im Mittelalter Leprakranke lebten und einmal in der Woche über eine Brücke in die Stadt durften. Aber nur mit einer Glocke um den Hals, damit man sie erkennen konnte.

Iain Cook: Loch Lomond (See, nordwestlich von Glasgow, Anm. d. Red.) ist auch wunderschön – wenn man die Möglichkeit hat, dorthin zu fahren. Das ist nicht weit weg.

Wie ist die Stimmung in Eurer Heimat seit dem Brexit?

Martin Doherty: Ziemlich schlecht. Schottland hat nicht für den Brexit gestimmt. Wir werden gerade aus der EU heraus-kommandiert. Die Leute sind verärgert.

Lauren Mayberry: Viele haben nicht für die Unabhängigkeit gestimmt, weil sie Bedenken hatten, die Anforderungen, später wieder Teil der EU zu werden, nicht erfüllen zu können. Andere waren von Rechten Medien beeinflusst und hatten deswegen Angst. Es bringt aber nichts, das im Nachhinein aufzurollen. Ich schäme mich für das, was passiert ist. Die EU aufzugeben ist unverantwortlich.

 

„Wir fühlen uns jetzt sicher mit dem was wir tun.“

Mittlerweile lebt Ihr in den USA, wo auch die Aufnahmen für das neue Album stattfanden. Darauf habt Ihr zum ersten Mal mit einem Produzenten zusammengearbeitet.

Martin Doherty: Auf unserem dritten Album wollten wir so viel wie möglich auskundschaften. Vorher waren wir sehr dagegen, jemanden dazuzuholen, weil wir mittendrin waren, eine Identität zu erschaffen. Die ist jetzt stark genug dafür. Wir fühlen uns sicher mit dem was wir tun und wie wir wirken möchten. Also haben wir über Bands nachgedacht, die von Produzenten bereichert wurden – Smashing Pumpkins von Flood zum Beispiel. Und über Produzenten, die Bands nicht verändern oder vereinnahmen, sondern helfen, die aufregendste und intensivste Form dessen zu finden, was sie ohnehin machen.

LOVE IS DEAD ist politischer als Eure vorherigen Platten. Haben Musiker*innen die Verantwortung politisch zu sein?

Iain Cook: Ich denke, dass die beste Musik immer das Klima reflektiert, das gerade herrscht. Vor allem in Zeiten großen Wandels, die wir hoffentlich gerade durchmachen. Es würde auffallen, wenn Künstler das nicht widerspiegeln. „Haben die geschlafen, oder was? Wo waren die?“, könnte man denken.

„Wir können uns nach Harvey Weinstein nicht zurücklehnen.“

Lange vor der Me-Too-Debatte hast Du Dich öffentlich zu Sexismus geäußert, Lauren. Fünf Jahre später spricht die ganze Welt darüber. Hat ganz schön lange gedauert, oder?

Lauren Mayberry: Es ist sehr ermutigend, dass die Konversation jetzt im Mainstream stattfindet. Als ich mich vor fünf Jahren äußerte, wurde das als sehr kontrovers und riskant angesehen. Es ist frustrierend, dass man damals kaum motiviert wurde, sich zu äußern und immer das Gefühl bekam, man könne nicht darüber sprechen, weil es der eigenen Karriere oder Popularität schaden würde. So vieles was wir machen, basiert darauf ehrlich zu sein: Es wäre unauthentisch gewesen, die Klappe zu halten, nur aus Sorge, die Leute würden einen weniger mögen. Jetzt höre ich oft „oh, du warst darüber die ganze Zeit im Bilde?“. Vor fünf Jahren sagten die Leute aber: „Warum willst du über diese Sachen reden?“

Was muss jetzt passieren?

Lauren Mayberry: Die Menschen nehmen die Konversation endlich mal ernst, denke ich. Man kann Leute nur zu Veränderung zwingen, indem man ihnen Dinge wegnimmt, die ihnen wichtig sind. Solange es okay war, diese Äußerungen zu ignorieren, hat niemand zugehört. Jetzt kann man in der Entertainment-Industrie aber seinen Job und seinen Ruf verlieren und vor Gericht landen. Das wird wahrscheinlich den Wandel vorantreiben. Dieses Spiel kann nicht mehr gespielt werden. Die Welt hat sich verändert. Wir können uns aber nach Harvey Weinstein nicht zurücklehnen. Da draußen sind noch Bill Cosby, Mel Gibson, Roman Polanski und Woody Allen. Wir können nicht sagen, die sind ok, nur weil sie gerade in diesem Moment nichts getan haben.

LOVE IS DEAD erscheint am 25. Mai 2018. Zuvor veröffentlichten Chvrches die Alben EVERY OPEN EYE (2015) und THE BONES OF WHAT YOU BELIEVE (2013). Zuletzt veröffentlichten Chvrches den neuen Song „Miracle“. „Miracle“ folgte auf die Single-Auskopplungen „Never Say Die“„Get Out“ und „My Enemy“ mit Matt Berninger von The NationalCHVRCHES veröffentlichten außerdem ein Cover des Beyoncé-Songs „XO“.

Live treten Chvrches im Sommer beim Hurricane Festival 2018 und beim Southside Festival 2018 auf.


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