Clawfinger: Krankenpfleger


Vor der großen Karriere regierten im Leben von Clawfinger statt des Pop die Patienten.

Früh übt sich, wer mal groß rauskommen will. „Als ich sechs Jahre alt war, bastelte ich mir aus Pappe eine Gitarre und spielte immer, ich sei John Lennon„, erinnert sich Zak Tell, Chef-Metal-Rapper von Clawfinger, an die Grundsteinlegung seiner musikalischen Karriere. Heute, ziemlich genau zwanzig Jahre später, gemahnt das, was er und seine Bandkollegen Erlend (29), Bard (36) und Jocke (28) durchs Mischpult blasen, nicht gerade an die Fab Four. Soeben haben die vier ehemaligen Krankenpfleger, die sich 1990 in einem Stockholmer Hospital kennenlernten, mit „Clawfinger“ ihr drittes Album fertiggestellt. Nach dem überraschend großen Erfolg von „Deaf, Dumb, Blind“ ging es bei dem schwedisch-norwegischen Gespann drunter und drüber. „Wir waren seit 1993 fast ununterbrochen entweder auf Tournee oder im Studio. Danach brauchten wir eine sechsmonatige Verschnaufpause, ehe wir wieder anfingen, Songs zu schreiben. Jetzt haben wir einen ganzen Berg davon, und sind rundum zufrieden.“

Wie bei den vergoldeten Vorgängern „Deaf, Dumb, Blind“ und „Use Your Brain“, setzen sie auch diesmal wieder auf sägende Gitarrenriffs und düstere Stakkato-Raps mit Message. „Obwohl ich inzwischen manchmal echt davon gelangweilt bin, immer ernst sein zu müssen“, wie Tell einräumt. Neben der Arbeit am neuen Album fanden Clawfinger sogar Zeit, einen Remix der Rammstein-Single „Du hast“ aufzunehmen. Daß besagte Teutonen hierzulande nicht ganz unumstritten sind, war Clawfinger dabei wohl bewußt. „Wir ließen uns ihre Texte vorsichtshalber übersetzen, konnten dann aber nichts Schlimmes daran finden. Rammstein waren auch bei unserer letzten Tournee für drei Auftritte als unsere Supportband dabei“, so Jocke: „Eigentlich sind das ganz nette Jungs.“

Doch zurück zum eigenen Werk: Ab Oktober werden Clawfinger das neue Material bei mindestens acht Konzerten in Deutschland vorstellen. „Obwohl es uns noch immer riesigen Spaß macht, auf Festivals zu spielen und dort die anderen Bands kennenzulernen, spielen wir am liebsten vor höchstens 1.000 Leuten. Erstens ist da der Kontakt zum Publikum besser“, meint Keyboarder Jocke. „Und außerdem“, fügt Zak lakonisch hinzu, „ist es da enger, da knallt man beim Stagediven nicht auf den Boden zwischen Bühne und Publikum. Unserem Bassisten ist das nämlich schon ein paarmal passiert.“

Probleme eben, die jedem Rockstar den Tag versauen können. Attitüden lassen sich Clawfinger indes ungern unterstellen, wie Tell energisch betont: „Wir fühlen uns überhaupt nicht wie Stars. Im Gegenteil: In Stockholm beachtet uns kaum jemand. Wahrscheinlich liegt das daran, daß wir nicht in die angesagten Szene-Kneipen gehen. Das richtige Stargefühl setzt vermutlich erst dann ein, wenn wir, wie Metallica, 12 Millionen Alben verkaufen würden. Dann fängt man wohl an, sich zu schminken, die Fingernägel zu lackieren, Satinhemden zu tragen und Zigarren zu rauchen. Aber davon sind und bleiben wir meilenweit entfernt.“

Wer sie so sieht, der glaubt ihnen die guten Vorsätze gern.